Der Marathon-Mann (1997) [Story auf Deutsch]

7404 Kilometer radelte ein Königsdorfer von seinem Heimatort bis zum Nordkap und wieder zurück. Die Tour führte durch sechs Länder und dauerte drei Monate. Hans D. Blog berichtet von drastischen Temperatur- und Stimmungsschwankungen (1997).

 

Immer, wenn der Sommer naht, spürte Hans D. Blog das Fernweh nagen: Mit dem Fahrrad in die Mitternachtssonne Skandinaviens aufbrechen, dieser Traum blieb viele Jahre unverwirklicht. Heuer war es soweit: Hans D. Blog, als Freiberufler mittlerweile unabhängig von Urlaubsanträgen und Cheflaunen, verließ Königsdorf in Richtung Nordkap – auf dem Rad.

Die Anfangseuphorie verblaßte gleich nach drei Tagen – im Thüringer Wald. Hans D. Blog: ,,Daß das ein äußerst bergiges Skigebiet ist, hatte ich nicht geahnt.“ So quälte sich der kaum trainierte Schreibtischmensch über den Rennsteig und an Wintersportorten wie Oberhof vorbei, viele hundert Höhenmeter rauf und runter. Auch weitere Unbill blieb dem Radlfex nicht erspart: ,,Auf die letzte, lange Abfahrt von Oberhof ins thüringische Flachland hatte ich mich so gefreut – und dann gab’s da nur Kopfsteinpflaster!“ Zähneknirschend ruckelte der geplagte Weltenbummler ,,kilometerlang bergab mit Bremsen“.

Doch danach ging es mit Sieben-Meilen-Speichen durch die Ebene. Nur 14 Tage nach dem Start in Königsdorf erreichte der Marathon-Mann bereits die dänische Nordspitze und schob sein hochbepacktes Reiserad auf eine riesige Fähre über den Skagerrak nach Oslo.

Hans D. Blog: ,,In Norwegen wurde es dann ernst.“ Bisher hatte der Radler sein Zelt oft in Wald oder Feld aufgeschlagen, so die Natur genossen und die Reisekasse geschont – ,,doch nachdem es mir in Norwegen zweimal aufs Zelt schneite, nahm ich abends oft ein Zimmer oder eine Hütte.“ Das zerklüftete Land triezte Hans D. Blog überdies mit drastischen Steigungen, und ,,oberhalb 500 oder 700 Meter radelte ich durch eine verschneite Winterwunderlandschaft.“ Einmal blieb er gar im Tiefschnee einer Nebenstrecke stecken und mußte seine Route ändern; zusätzlich erschwerten Gegenwinde polaren Ursprungs das Vorwärtskommen.

Die bizarren Steilküsten der Lofoten-Inseln und in der Tromsö-Region verlockten den Weitgeradelten zu einigen Wanderungen. Und hier, schon jenseits des Polarkreises, ,,schien mir nachts um zwölf die Mitternachtssonne oft kraftvoll ins Gesicht. Zum Radeln und Zeltln ist das natürlich praktisch.“ Weiterer Vorteil: ,,Nasse Klamotten hängt man ,über Nacht‘ in die Sonne – sie werden trocken.“

Am Nordkap, nach 4100 Kilometern und sieben Wochen, warf Hans D. Blog das Steuer herum: Der neue Kurs führte gut 3000 Kilometer lang nach Südwesten – über Finnland, Schweden, Ostdeutschland und die Tschechische Republik zurück ins oberbayerische Königsdorf.

Nach dem strapaziösen Auf und Ab der norwegischen Fjorde genoß Hans D. Blog das sanfte Relief von Finnisch-Lappland, wo man ausgiebig den eigenen Rhythmus radeln konnte. Auch die Sonne verwöhnte den Eismeer-Radler, an entspanntes Zelten war gleichwohl nicht zu denken: ,,Die Mücken hängen in dicken Wolken über dir. Jede Trinkpause, jeder Fotostop wird schier zum Kamikaze-Erlebnis – für beide Seiten. Unglaublich.“ Unter einer dicken Schicht Insektenschutz hielt der Königsdorfer es schließlich mehr trotzig als lustvoll auch im Freien aus.

Highlight waren dafür die zahllosen zentralfinnischen Seen mit ihren geheimnisvollen Ufern voller Birken und Schilf, die zu Bootstouren verlocken. Gestärkt nach 5500 Radl-Kilometern, spulte Hans D. Blog inzwischen oft 130 bis 170 Kilometer am Tag herunter – Distanzen, an die in Norwegen kaum zu denken war.

Der Überfahrt von Finnland nach Stockholm folgte eine Woche durch Südschweden; niedliche  Seen, urige Wälder und gemütliche Cafés in schnuckeligen Holzhäuschen machten diesen Abschnitt angenehm. Erholung bot ein Kurzurlaub auf dem Bauernhof, die Wirtsleute stellten sich im skandinavischen Stil vor: ,,Hallo, wir sind Bo und Margerita.“

In Trelleborg nahm Hans D. Blog die Fähre nach Saßnitz auf Rügen. Die Rückkehr auf deutsche Scholle ,,war ein Kulturschock: In zwei Stunden Deutschland sah ich mehr Autos und wurde öfter angehupt als in zwei Monaten Skandinavien.“ Der rücksichtslose Fahrstil schlug dem Nordlandradler mehr aufs Gemüt als das vorpommersche Kopfsteinpflaster, und dann auch noch dies: ,,Wie üblich, bat ich abends vor dem Zelten an einem Haus um zwei Liter Leitungswasser – und die lehnten das tatsächlich pampig ab.“

Via Berlin geht es weiter durch Sachsen und die Tschechei, bevor Hans D. Blog bei Selb nach Bayern gelangt. Hier genießt er erstmals nach drei Monaten Brez’n und Biergarten – das Relief des Fichtelgebirges macht die Stärkung auch erforderlich. In Niederbayern bittet Hans D. Blog besonders gern um Wasser: ,,Die wollten mir meist gleich eine Flasche Bier mitgeben.“

Die letzten 80 Kilometer ab Freising fährt Hans D. Blog nur noch an der Isar lang. In Geretsried, zehn Kilometer vor dem heimischen Kühlschrank, fragen zwei Grundschüler den weitgereisten Nordkap-Radler neugierig nach seinem Tagesziel.

Die Youngsters staunen: ,,Von Geretsried noch bis nach Königsdorf… BOAH, SO WEIT???“

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