Das Tegernseer Bergfilmfestival 2016 und ich (mit Videos)

Soll ich noch dort hin gehen? Seit etwa 2006 sehe ich auf dem Tegernseer Bergfilmfestival jedes Jahr sechs Blöcke, also an drei Tagen je zwei Veranstaltungen einschließlich Siegerehrung. Die Kartenbestellung über das Tegernseer Fremdenverkehrsamt ist immer sehr angenehm, die freiwilligen Helfer rund um die Veranstaltungen sind es auch.

Vorlieben:

Unabhängig von der Einzelfilmbeschreibung wähle ich gern solche Veranstaltungen oder Themen:

  • findet statt im schönen Barocksaal
  • Akteure des Films werden live vorgestellt (wie u.a. in den Reihen Retrospektive und DAV-Abend im Barocksaal mit Moderator Michael Pause)
  • Filme über Menschen, die in und von einer Landschaft leben (und nicht nur durchrauschen)

Unabhängig von der Einzelfilmbeschreibung meide ich wo möglich solche Veranstaltungen oder Themen:

  • Extremsport, Geschwindigkeitsrekordversuche, überhaupt als Sport und auf Englisch bezeichnete Aktivitäten
  • Quirinal-Saal

Das Wetter war 2016 günstig für tägliche Fahrten zum Filmfestival: noch über Null, aber überwiegend trüb und nicht etwa herbstlich sonnig, so dass man nur ungern in eine Filmvorführung um 17 Uhr gehen würde.

Adrenalin:

Adrenalinsport-Filme meide ich, weil sie besonders gern alle Techniken einsetzen, die Dokfilme ruinieren, u.a. Wolken im Zeitraffer, Menschen in der Zeitlupe, aufdringliche manipulative Rockmusik, leicht stilisierte Farben (Colourgrading), zu schneller Schnitt, schwurbelige Drohnentrips. Mitjuror Peter-Hugo Scholz äußerte dieselbe Kritik in seiner Gesamtbetrachtung bei der Siegerehrung 2016. Das ist oft Werbeästhetik, und Filme dieser Art beim BFF 2016 wurden laut Vorspann oft von Ausrüsterfirmen wie Vaude, Petzl oder Dynafit gefördert.

Außerdem stört mich die Ignoranz der Adrenalinfilm-Protagonisten gegenüber ihrer oft schönen und kulturreichen Umgebung: sie rauschen nur stumpf durch und registrieren nichts außer dem Batteriestand ihrer stets angeflanschten GoPro.

Trotzdem kann ich in meiner Zusammenstellung Adrenalinfilme nicht immer vermeiden. Ein besonders abschreckendes Beispiel für Speedsportler und Speedfilmer lieferte 2016 Himalayaschnellradler Jacob Zurl (The High Road), der sich zwischen Manali und Leh überforderte und dann detailliert beim Erbrechen filmen ließ. Auch der 2016er-Film über Gela Allmann ging teils in die Richtung schneller-höher-weiter, bloß nicht verweilen und etwas wahrnehmen. Überraschend, dass auch als betulich erwartete BR-Produktionen zu viel unangemessene Rockmusik einspielten (Die neue Höllentalangerhütte; Traumberuf Bergführer).

Qualität:

Manche Filme sind einfach zu schlecht gemacht oder inhaltlich zu banal. Ähnlich wie EM oder WM präsentiert das BFF mittlerweile zu viele Teilnehmer – darunter auch weniger würdige Filme (ich glaube, die Vorauswahl bestand aus etwa 180 Filmen, etwa 35 wurden gezeigt). So leidet die Qualität einzelner Veranstaltungen. Überflüssig 2016 zum Beispiel die Malawi-Radler im effektüberladenen, studentisch schlichten, wenig informativen Cedarwood Trails oder der unausgewogene, teils werbe-artige, teils reißerische Streifen über Gela Allmann (auch wenn die Protagonisten noch so nett sind). The High Road war ebenfalls schlecht zusammengestoppelt. Ich erinnere mich, wie vor Jahren ein osteuropäischer (?) Fabrikarbeiter gezeigt wurde, der aus Sehnsucht nach den Bergen auf osteuropäische (?) Schornsteine kletterte – was soll das?

Da verbringt man seine Zeit vielleicht lieber vor dem Fernseher? Als ich um 2006 das erste Mal beim Bergfilmfestival war, hatte ich noch gar keinen Fernseher und sah übers Jahr praktisch überhaupt keine Filme, auch nicht am PC. So fand ich alles beim BFF sehr eindrucksvoll. Ab 2009 hatte ich einen Bluray-Player und einen Full-HD-Beamer, später auch einen Sat-Receiver. Spätestens ab da betrachtete ich die Filme beim BFF kritischer, und manche hatten sicher keine Sendequalität. Ist ein Film grob gemacht, aber inhaltlich interessant, stören mich technische Mängel nicht; aber manche Streifen reizen weder technisch noch inhaltlich. Der 2016er-Siegerfilm Verso L’Ignoto (Ins Unbekannte) wirkt sehr selbstgebastelt, der Ton am Berg unterirdisch schlecht (Trailer unten) (Link zur 2016er-Siegerliste).

Mein Sat-Receiver zeichnet schöne Dokus auf, die der Beamer in toller Qualität (je nach Ausstrahlung) an die Wand wirft, und das passend zu meinem Lebensrhythmus. Da gibt es starke Dokureihen, deren Folgen teils auch auf dem BFF laufen könnten, etwa Geo 360° oder Zu Tisch in… wie auch schöne Einzeldokus wie 7915 km (und nicht die Dokus von Red Bull Media House). Eine starke Konkurrenz zum Tegernseer BFF. Klar schlechte Produktionen sieht man im TV kaum; wenn doch, kann man sie ggf. nach drei Minuten und etwas Zappen löschen.

Das Publikum:

Würde ich nicht mehr zum BFF gehen, würde ich zwar nicht mehr die interessanten Filmmacher, Bergmenschen und Politiker live sehen – aber auch nicht das Publikum, und das hätte Vorteile: Speziell 2016 fiel mir auf, wie immer wieder bei laufender Vorführung Handys klingelten und Bierflaschen scheppernd umkippten. Manche Zuschauer tippen eine ganze Vorführung lang im dunklen Saal auf riesigen Mobilgeräten herum – das blendet, und selbst wenn sie den Bildschirm verdecken, stören mich die fuhrwerkenden Arme.

Andere Besucher hängen Mäntel oder Taschen nach hinten über den Stuhl und beschneiden mir so die Beinfreiheit. Einmal bat ich den Mann vor mir, seinen Mantel da weg zu nehmen, und er wurde pampig: „Wo soll ich ihn den hintun?“ (Man kann ihn zum Beispiel über die Stuhlinnenfläche legen oder draußen an die Garderobe hängen oder, wie ich es mache, in eine dafür mitgebrachte Tasche und dann unter den Stuhl geben).

Ein anderes Mal bat ich eine Dame, ihre in meinen Kniebereich hängende große Tasche zu beseitigen, und sie antwortete übertrieben laut und ironisch: „Sicher doch, ich tue alles für Ihren Komfort.“ Ich selbst käme nie auf die Idee, mein Geraffel in den Luftraum anderer Gäste zu stopfen.

Und dann die Sichtblockaden durch Riesen auf dem Stuhl vor mir. Säle mit Neigung gibt es ja wohl nicht in Tegernsee. Ich bin immer schon sehr früh da und kann mir einen beliebigen Platz nehmen. Doch stets setzt sich noch ein Riese direkt vor mich. Einmal habe ich daraufhin sogar den Platz gewechselt – und bekam sogleich einen anderen Riesen vor mich. Ein älterer Riese im Medius-Saal sagte sogar einmal, „hoffentlich nehme ich Ihnen nicht die Sicht“, aber das ist ja unvermeidlich.

Einmal setzte ich mich vor eine Frau, da schnaubte es hinter mir entrüstet (und ich bin nur ein kleiner Riese).

Gern gesehen:

Gern erinnere ich mich an Filme mit Humor und Selbstironie, aber ohne „Comedy“-Kalauer. Die haben Seltenheitswert. So lief 2016 Metronomic mit am Seil hängenden Tänzern und Musikern und gut komponierten Bildern (und ausnahmsweise passender Rockmusik; Trailer unten; Sonderpreis der Jury). Einige Jahre zuvor gab es einen witzigen Film über einen Marokkaner, dem in den marokkanischen Bergen vorgegaukelt wurde, in Deutschland zu sein.

Als Gegenpol zu den hektischen Adrenalinsportfilmen sieht man immer auch Berichte über schweigsame Einzelgänger. In diese Gruppe gehört Der Bauer bleibst Du; diese Doku von Benedikt Kuby erhielt 2014 sogar den Großen Preis der Stadt Tegernsee. 2016 gab es etwas vage Ähnliches, Liebenswertes, die knorrig-schweigsamen Südtiroler Mittachtziger Hons und Giedl (auch wenn sich die Akteure teils vielleicht etwas inszenierten); der Film erhielt keinen Preis.

Die Siegerehrung:

Vielleicht habe ich auch Pech mit meiner persönlichen Auswahl der Veranstaltungen. Bei der Siegerehrung am Samstagabend stellt sich grundsätzlich heraus, dass ich kaum einen der prämierten Filme aus den Veranstaltungen zuvor kenne. Man kann die Siegerfilme dann zwar in voller Länge am Sonntagmorgen sehen, aber vormittags gehe ich nicht in einen dunklen Saal. Diese Filme im Internet zu suchen und am PC zu sehen, macht auch keinen Spaß – also bleibt’s beim Filmausschnitt während der Siegerehrung.

Das Essen im Anschluss an die Siegerehrung habe ich 2015 ausgelassen, auch wenn ich es schon bezahlt hatte. 2016 habe ich wieder zugegriffen. Es sieht zunächst gut aus, bleibt dann aber sensorisch zurück; es ist wohl gesponsort vom E-Werk Tegernsee, auch das schmeckt einem nicht unbedingt. Der Preis für den Gast ist sicher günstig. Die Weine – all inclusive – konnte ich nicht probieren. Und wer isst schon gern groß abends um halb elf? Mein übliches Abendessen gegen 18 Uhr kann ich dafür auch nicht ausfallen lassen.

Wer den Barocksaal nach der Siegerehrung nicht blitzartig Richtung Buffet verlässt, muss zudem lange im Gedränge für das Essen anstehen und bekommt vielleicht keinen Platz auf den Bierbänken im Gewölbegang. Die Kellnerinnen sind im Gedränge überraschend entspannt. Es ist leicht gehobene Festzeltatmosphäre mit einer interessanten Mischung aus Filmmenschen, Bergmenschen, der Hautevolee des Tegernseer Tals und des Münchner Alpenvereins.

Alles wie immer?

Viel hat sich für mich in den letzten Jahren am Tegernseer Ablauf nicht geändert. Ja, es gibt mehr Veranstaltungen an mehr Orten, aber ich selbst besuche nur die Blöcke wie zu Anfang und nicht die neu angebauten Termine um 12 oder 16 Uhr. Der Tegenseer Bürgermeister ist jetzt ein anderer und Schirmherr Heiner Geißler bei der Siegerehrung mal da, mal nicht da. Vor Landtagswahlen kommt vielleicht mal die hohe Münchner Politik (und flieht heimlich in der Pause). Der Preis stieg um einen Euro auf jetzt neun Euro pro Block (günstiger für AV-Mitglieder).

Und auch das bleibt sich gleich: Um den Stimmzettel für den Publikumspreis auszufüllen, nehme ich sogar meinen Adressstempel mit – aber ich habe noch nie auch nur zehn Fahrten mit der Wallbergbahn gewonnen.


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