Rezension Damenhockey-Bollywood: Chak De! India (2007, mit Shah Rukh Khan; mit Trailer & Szenen) – 8 Sterne

„Chak de! India“ kommt aus Bollywood, genauer: von den reichen und für opulent operettenhafte Inszenierungen bekannten Yash-Raj-Studios (YRF), produziert von Erfolgsmann Aditya Chopra.

Bei dieser Herkunft  erscheint „Chak de“ sehr ungewöhnlich:

  • es gibt keine Tanzeinlagen
  • es gibt keine Liebe
  • kein Schauspieler sieht sonderlich gut aus
  • es gibt keine schicken Locations, die Schlafzellen und Umkleidekabinen schrecken vielmehr ab
  • der einzige berühmte Darsteller, Bollywood-Superstar Shah Rukh Khan, verzichtet komplett auf seine bekannte exaltierte Gestik und Mimik, ja, er versteckt sich sogar durchgehend hinter einem untypischen Bart

Ein disparater Haufen egomanischer Zicken aus den entlegensten Bundesstaaten Indiens trifft in Delhi ein, um Weltmeister im Damen-Feldhockey zu werden. Ich kenne mich in der indischen Damenhockeyverbandslandschaft nicht gut aus, interessiere mich nicht für Sport oder für indische Regionalauseinandersetzungen.

Dennoch hat mir „Chak de“ sehr viel Spaß gemacht: Die zahlreichen Sportszenen reißen mit, die Zickereien unterhalten und Shah Rukh Khan überzeugt in seiner zurückgenommenen, still verbissenen Art.

Man fiebert viele hochdramatische Spielminuten mit. Wie es denn wohl ausgeht? Das ist spannendes „ernstes Wohlfühlkino“.

Weg mit der Indien-Romantik:

Der Film zeigt ein sehr heutiges Indien: Die Darstellerinnen tragen Jeans oder Trainingshosen; in Saris wickeln sie sich nur kurz, und genervt, bei einem Empfang im Ausland. Die Frauen sind auch sonst sehr selbstbewusst, sie lassen sich von ihren Familien und Partnern nicht in Nebenrollen zurückdrängen. Rock und Rap läuft zu den Sportszenen. Getafelt wird im MacDonald’s.

Dort spielt auch mein Lieblingsmoment: Die Mädels vermöbeln ein paar aufdringliche Macker, kloppen fanatisch auf die hilflosen Männer ein. Dann schwenkt die Kamera, und jetzt kommt’s: Der Trainer schaut der Prügelei sehr zufrieden zu. Burger-mampfend. Er schreitet nicht ein. Er hält auch die anderen Betreuer zurück. Der Trainer goutiert hier die „geschlossene Mannschaftsleistung“ seiner vormals zerstrittenen Zickentruppe, er lässt sie zwecks „team-buildings“ weiter dreschen.

(Übrigens: Ich mag keine Brutalität im Film, nicht mal die Bollywood-typische Vater-Sohn-Ohrfeige. Aber diese Prügelei hier im McDonald’s „tut nicht weh“. Ehrlich.)

Aufdringliche Appelle:

„Chak de! India“ propagiert zeitweise aufdringlich ein paar schlichte Botschaften: Indien! Kameradschaft! Frauen-Power! Diese Appelle kommen bestens beim indischen Kinopublikum an, auf mich wirken sie platt. Allerdings packt Drehbuchautor Jaideep Sahni die Botschaften in überraschende, schöne Worte und Ereignisse und Regisseur Shimit Amin verzichtet weitgehend auf Pathos und überlebensgroße Darstellungen.

„Chak de! India“ glänzt dank einer tollen Teamleistung: Drehbuch, Regie, Musik, ein zurückgenommener Hauptdarsteller und viele realistische no-names an den Hockeyschlägern, alles spielt harmonisch zusammen, kein Beitrag überragt alles, kein Aspekt enttäuscht massiv.

Auch Gegner der üblichen, manirierten Shah-Rukh-Khan-Schauspielerei können diese DVD beruhigt einlegen. Nur der minutenlange Radiokommentar fiel deutlich zu flach aus. Ein Lob auch an die Chopras bei Yash Raj, dass sie solch einen reduzierten, Glamour-freien Film genehmigt und produziert haben.

Meine in Indien gekaufte Bluray hatte viele Hintergründe und Extra-Videos zu „Chak de“. Viele gut präsentierte Hintergründe gibt es auch beim indischen Dienst Rediff (auf Englisch).


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