Buchkritik: Wir waren fünf, von Viktor Mann (Biografie Mann-Familie, 1949) – 6 Sterne

Viktor Mann war 15 bzw. 19 Jahre jünger als seine berühmten Brüder Thomas Mann und Heinrich Mann. Er nannte sie im Münchner Zuhause sogar Onkel. Viktor Mann war auch kein Schriftsteller, ging 1933 nicht ins Exil, sondern wurde Agrarwissenschaftler und Sachverständiger für Banken.

Seine Familienerinnerungen schreibt Viktor Mann (1890 – 1949) frisch und launig von der Leber weg, ohne falsche Töne und meist ohne hehre Klänge. Sein Buch hat Zug und unaufdringlich Stil. Das lässt sich leicht lesen – leichter als alles von Thomas Mann nach den Buddenbrooks. „Viko“ Mann schmunzelt, schäkert und amüsiert sich selbst über kleinere Spuren, die seine kindlichen Aussprüche in den Buddenbrooks und anderen Mannschen Werken hinterlassen haben sollen. Manches davon stimmt freilich nicht so ganz, wie das Nachwort meiner Ostberliner Ausgabe (s.u.) erklärt; aber es ist hübsch erzählt, und auch die Erinnerungen von Erika Mann, Klaus Mann und Monika Mann gelten als teils nicht rein faktenorientiert.  

Viktor Mann schreibt fast immer flüssig freundlich, mild altmodisch. Nur ganz ausnahmsweise wird Mann zum Substantivierungs- und Kompaktierungsopfer wie hier:

…das Aufgenommenwerden, das ich auch von ihnen her wieder deutlich verspürte, war mir nicht das Wertloseste dieser eindrucksreichen Tage. Es fügte sich trotz seiner Verschiedenheit von anderen Komponenten harmonisch in das Gefühl der Beglückung ein, das mir mein Kriegsbesuch in der alten Heimat für immer hinterließ.

Alltagsleben:

Viktor Manns Buch schildert nicht nur Familienleben, sondern Münchner Alltag um 1900, samt Spielkameraden wie „dem Schmatzkarl, dem Köglfranzl, dem Huberkatsche und der übrigen Herzogstraßenbande“. Er beschreibt auch Geselligkeiten und frühe improvisierte Kinderbücher, die Thomas und Heinrich Mann texteten und zeichneten (samt Abbildungen) und lobt den Simplicissimus, Ludwig Thoma und Roda-Roda.

Wir hören leicht verträglich auch von Bruderzwist, Hyperinflation, schlagenden Verbindungen und Viktor Manns Soldatentum (zwölf Jahre, davon zehn in zwei Weltkriegen). In Nazi-Deutschland war der in Deutschland gebliebene Viktor Mann als Bruder der emigrierten offenen Hitler-Gegner und „Landesverräter“ Thomas und Heinrich Mann gefährdet, zudem seine Abstammung mütterlicherseits Anlass für Diskriminierung geben konnte; Mann beschreibt ein heikles Verhör bei der Polizei, spart die Jahre von 1933 bis 1945 aber sonst weitgehend aus, also auch jegliche harte Kriegserfahrung; es gibt nur ein paar Anekdoten aus der Kaserne zu Friedenszeiten. Ein launiges, wenn auch harmloses Lesevergnügen.

Tremolo:

Zu aufdringlich singt Viktor Mann aber das Loblied auf die Mutter, beschreibt ihre letzten Stunden sehr melodramatisch. Auch auf die berühmten Brüder lässt er nichts, rein gar nichts kommen, verteidigt sie und ihre Werke gegen jeden öffentlichen Vorwurf. Etwas arg tremoliert Viktor Mann zudem bei der längeren Besprechung von Thomas Manns Roman Doktor Faustus, der ihn kurz nach Hitlerzeit und Weltkrieg offenbar sehr berührte. Wenn Viktor Mann private Abendrunden mit Thomas und Heinrich Mann beschreibt, teils noch in Anwesenheit von Erika, Klaus und Golo Mann, klingt es fast wie eine home story.

Viktor Mann arbeitete vorübergehend auch als Drehbuchautor und Filmproduzent und gewann Thomas Mann sogar für ein Stummfilm-Exposee zu Tristan und Isolde, das seitenlang im Buch erscheint (aber nie umgesetzt wurde). Dann aber lockte Viktor Mann das Segeln auf dem Starnberger See, darum warf er seine „Drehbücher in einen Schrankwinkel“, der „Filmunfug… war vergessen“.

Schon als Kind sah Viktor Mann seine berühmten Brüder nur besuchsweise, in der Nazizeit gar nicht. Mann sucht immer wieder Parallelen zwischen dem Leben und den Büchern seiner Brüder, erwähnt aber auch andere Belletristik der Zeit. In Lübeck besucht er Onkel Friedel, das Vorbild für die larmoyante Romanfigur Christian Buddenbrook – die Beschreibung klingt wie die Recherche eines Kultur- oder Klatschjournalisten, nicht wie ein Familientreffen.

Gekürzte Ausgabe:

Ich habe das Buch gebraucht über Booklooker bei einem kleinen Antiquariat bestellt. Das dauerte nicht nur überraschend lange, ich erhielt auch die „gekürzte Lizenzausgabe“ des DDR-Verlags Der Morgen. Ich habe dann noch einmal nachgesehen: In der Online-Beschreibung des bestellten Bandes war der Verlagsname angegeben (auf den ich nicht geachtet hatte), aber ohne Hinweis auf DDR oder Kürzung. Sollte ich das Buch reklamieren? West-Ausgaben vom Südverlag (Erstausgabe und 2017 Neuauflage mit gelobtem Nachwort von Manfred Bosch) und vom Fischer-Verlag gibt es gebraucht ebenfalls für kleines Geld. Die gekürzte Ost-Fassung wird ebenfalls noch online angeboten, stets ohne Hinweis auf die Schnitte.

Ich nahm mir vor: Ich lese ein paar Seiten in der DDR-Ausgabe, und wenn es mir gefällt, bestelle ich eine Westversion und retourniere die Ostfassung (auch wenn sie mit Versand nur drei Euro gekostet hatte). Ich hätte es besser wissen müssen: Viktor Manns launiger Erzählstil gefiel mir so gut, dass ich es nicht schaffte, das Buch wegzulegen, mich mit dem Retournieren rumzuschlagen und Tage auf die Westversion zu warten. Zudem behagte mir die altmodische, solide Haptik des Ostbuchs.

Ich blieb bei der versi timur: Ich wollte nicht nur die begonnene Lektüre nicht unterbrechen; dazu kam: Hätte ich gekürzte Ost- und ungekürzte Westversion gleichzeitig im Haus, müsste ich sie natürlich auch vergleichen – eine grausliche Unterbrechung des Leseflusses, gleichwohl kaum zu unterdrücken. Also las ich nur die „gekürzte“ Fassung, auch wenn es ständig an mir nagte. Wer kann mir etwas über die Westfassung  und die Ausstattung des Fischer-TBs sagen?

Viktor Manns gekürzter Haupttext belegt in meiner Ostberliner Edition etwa 383 recht eng bedruckte Seiten. Dem folgen noch Nachwort des Herausgebers Theo Piana, Bibliografien von Thomas und Heinrich Mann sowie ein Stichwortregister.

Der Witwe des Verfassers dankt Herausgeber Piana für, Zitat,

verständnisvolle Hilfe bei der Bearbeitung dieses Buches, das gegenüber der Erstausgabe von 1949 im Einverständnis mit dem Südverlag Konstanz um einige Abschnitte gekürzt worden ist.

Beim Kürzen, schreibt Piana, Zitat,

war der Grundsatz maßgebend, alles auf die Familie Mann Bezogene zu erhalten, und nur auf solche Teile zu verzichten, in denen Viktor Mann ausführlicher auf seine persönliche Entwicklung eingeht.

Schade, gerade weil Viktor Mann weit sympathischer erscheint als seine hochmögenden älteren Brüder; ich hätte gern mehr über seine persönliche Entwicklung gelesen – auch über die in meinem Text weitgehend ausgeblendeten Weltkriege und die Nazizeit. Und ich hätte immer im Hinterkopf behalten, dass eine Autobiografie nicht die endgültige historische Wahrheit ausbreitet (freilich sind Viktor Manns Agrarstudien auch in der Ausgabe bei mir gründlich gewürdigt). Mehr zur Kürzung lesen wir im Nachwort nicht – etwa über die Zahl der eingesparten Seiten oder politische Aspekte.

Piana selbst liefert noch ein paar biografische Hinweise zu Viktor Mann – der Benjamin starb kurz nach Korrektur der Druckfahnen vor den viel älteren Brüdern, sah sein Werk nicht mehr im Handel. Piana weist auch mit Zitaten aus Thomas Manns Briefen nach, dass verschiedene von Viktor Mann geschilderte Einflüsse auf die Bücher der großen Brüder doch eher geflunkert waren – dass ihm aber offenbar weder Thomas noch Heinrich Mann die Erfinderei verargten. Thomas Manns eher unwirsche Reaktionen auf die ersten Nachkriegsbegegnungen in der Schweiz mit dem kirschwasser-affinen kleinen Bruder verschweigt Piana dagegen.

Piana zitiert aber auch Einstufungen, welche die Stimmung des Buchs perfekt wiedergeben: So schreibt Viktor an Thomas Mann, Zitat,

daß ein etwaiger Erfolg nur dem Thema zu verdanken wäre und ich selbst lediglich die Vermeidung großer Sprüche, grober Stilfehler und tierischen Ernstes beisteuern kann.

Thomas Mann zu einer Textprobe, Zitat:

Man könnte es nicht unprätentiöser, heiterer und sympathischer machen.

Diese Beschreibungen treffen das Buch recht gut, sieht man von den dramatischen Zeilen über die Mutter und über den Roman Doktor Faustus ab. Das Nachwort zitiert Thomas Mann freilich auch damit, wie er Viktor Manns wortreich geschilderten Einfluss auf die Bücher seiner Brüder wieder kleinredet – ohne ihm gleich ernste Unwahrheit vorwerfen zu wollen.

Meine Ostausgabe hat mehrere Fotodruckseiten, die vor allem Thomas und Heinrich Mann und ihre Handschrift zeigen, einmal auch Herausgeber Piana. Autor Viktor Mann ist kaum zu sehen.

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