Roman-Kritik: Verteidigung der Missionarsstellung, 2012, von Wolf Haas – 7 Sterne

Der Roman schildert einzelne Episoden aus dem Leben Benjamin Lee Baumgartners – wie er 23jährig seine Frau in London kennenlernt, wie er 43jährig einen Ausflug in Peking mit einer netten Übersetzerin macht, was später in Arizona passiert, ein paar Szenen aus Wien. Nebenbei fängt sich die Hauptfigur Rinderseuche, Vogelgrippe und Schweinegrippe ein.

Witzig mit (zu?) vielen Special Effects:

Mitunter wirkt die rudimentäre Geschichte wie eine bloße Notwendigkeit, denn wesentlich für den Roman sind überbordender Sprachwitz, pfiffige Dialoge und typographische Spielereien:

Haas lässt Sätze wortwörtlich um die Ecke biegen, diagonal über die Seite laufen, ringelt sie wie ein Paisley-Muster, um das es gerade geht, flicht Chinesisch ein und freut sich an der Überschrift „Die Baum“. Das amüsiert, ist aber nicht zwingend nötig und wirkt eher wie ein Effektfeuerwerk.

Die 26 Seiten Block- ohne Absatz ärgerten mich als Literaturendverbraucher regelrecht (in der dtv-Ausgabe), und die Handlung wird zunehmend unübersichtlich – wer heißt wirklich wie und ist mit wem wie verbandelt; klar ist nur, dass nichts klar ist.

Logikdreher und schlagfertige Antworten:

Unterhaltsam dagegen Haas‘ Dialoge mit verblüffenden Logikdrehern und schlagfertigen Antworten – und etwas weniger gossensprachlich hätte es mir auch noch gefallen. Der promovierte Linguist gibt seinen Figuren einen nicht ganz erwachsenen Tonfall, auch wenn sie schon über 30 sind.

Man denkt an ein Spiegelkabinett, von allen Seiten kommt die Handlung versetzt wieder zurück – so wie auch der Buchtitel, bei dem Autor das Buch selbst hält. Ähnliche Literatur in der Literatur lieferte Wolf Haas schon meisterlich mit Das Wetter vor 15 Jahren (2006; bekannter ist Haas aber wohl durch seine Brenner-Krimis wie Brennerova oder Silentium).

Roman im Roman:

Haas schreibt immer wieder eigene Korrekturhinweise in Großbuchstaben. Eine Erzählstimme wendet sich direkt an den Autor mit Vorschlägen zur Aufbereitung der Handlung. Dinge wiederholen sich aus verschiedenen Perspektiven.

Romanfiguren diskutieren über ihren Auftritt im Roman, beschweren sich beim Autor, der Haas heißt. So wirkt das Buch nur wie die Vorarbeit zu einem Roman, teilweise wie ein Romanbaukasten oder ein cleveres Rätsel.

Zu seinen Stilmitteln sagte der Autor der Süddeutschen Zeitung:

„Wenn ich „später Londonatmosphäre einfügen“ schreibe, statt London auf zehn Seiten brillant zu beschreiben, dann hat der Leser London genauso im Kopf, mit drei Wörtern, statt dass er zur Strafe zehn Seiten lesen muss, als hätte er beim Biathlon danebengeschossen und muss jetzt Strafrunden drehen. Ich dachte mir zum Beispiel, wie langweilig es wäre, wenn ich das Paisleymuster beschreibe, und wie erfrischend dagegen, wenn sich die Zeile zwischendurch mal zu einer Paisleyzeile einrollt. Danach geht’s dann wieder normal weiter.“

Fazit: Unterhaltsam, kurios, und Haas‘ Wetter vor 15 Jahren ist viel besser.

Kritiken:

HansBlog.de:

Unterhaltsam, kurios, und Haas‘ Wetter vor 15 Jahren ist viel besser.“

FAZ:

„Mit ihm, und das ist kein Witz, macht sogar Sprachtheorie Spaß.“

Taz (laut Perlentaucher):

„Ziemlich viel brillantes Schlaumeiertum

Denis Scheck (ARD):

„Die originellste Liebesgeschichte in deutscher Sprache seit Goethes „Werther“… Wolf Haas kennt die typographischen Spielereien der Barockliteratur, zieht zugleich alle Register postmodernen Erzählens und inszeniert so eine Achterbahnfahrt von atemberaubender erzähltechnischer Rasanz, die ihren Höhepunkt in der Mitte des Romans findet, nämlich just, wenn eine Romanfigur beginnt, das Manuskript des bislang geschrieben Romans zu lesen. Das Ergebnis ist eine Art literarisches Schwarzes Loch, das Buch verzehrt sich in immer kleinerer Typographie quasi bis zur Unlesbarkeit selbst“

Wiener Zeitung:

„Haas at his best. Hinter der Kunstfertigkeit seines literarischen Erfolgs steht das Bekenntnis zur eigenen Schreiblust, sei sie noch so verspielt, sprachverliebt, verquer. Selbst das Risiko, in der kleinen Geschichte die Dramaturgie zu opfern oder vor dem Großmotiv „Liebe“ kapitulieren zu müssen, geht er leichtfüßig ein – wenn nur das Erzählen und die Sprache vorne bleiben dürfen. Nichts geht direkt, alles wird über die Bande gespielt, in die Länge gezogen wie Strudelteig, bis der Autor uns kurz vor dem Ärgerlichwerden stets neu becirct und versöhnt.“

Deutschlandradio Kultur:

„Mit Witz und Bravour… Kaum ein anderer Gegenwartsautor spielt so frech und gekonnt mit den Möglichkeiten des Romans, und allein deshalb ist es unerklärlich, warum die Jury des Deutschen Buchpreis dieses Buch ignoriert hat.“

Literaturzeitschrift.de:

„Das wohl mit Abstand coolste und unbekümmerteste Buch des Jahres, unglaublicherweise zugleich das am sorgfältigsten konstruierte Buch des Jahres“

Literaturkritik.de freut sich des

„herrlich leicht lesbaren, blitzgescheiten und überbordend komischen neuen Romans, der zusätzlich mit formalen und typografischen Wunderkerzen aufwartet, dass es eine wahre Freude ist“

Die Welt:

„Ein verblüffend konstruiertes und irre komisches Meisterwerk, in dem sich Liebe und Linguistik, Sprechakte und Sexualakte unentwirrbar ineinander verschlingen“

lingua et opinio:

„Auch wenn die Story anfangs witzig erscheint, fehlt es ihr bald an Neuerungen… Die Stärke des Buches liegt daher gerade nicht in der völlig vorhersehbaren Story und den verwirrenden Gesprächen, sondern in den vielen Anspielungen und Querverweisen innerhalb des Buches… Wolf Haas’ Roman kann Menschen mit einem ausgeprägten Sinn für Sprache, einem guten Gedächtnis und einer Ader für detektivische Arbeiten empfohlen werden. Bestehen jedoch Unsicherheiten über diese Fähigkeiten und ein Hang zu einer ausführlichen Story mit ansprechenden Charakteren, sollte man sich lieber einem anderen Buch zuwenden.“

Titanic:

„Das Räderwerk seiner Geschichte schnurrt so munter und bestens geölt und voll Spaß an der Freud, daß ich nochmals summierend sage: Ja, »Verteidigung der Missionarsstellung« ist ein komisches, zudem sogar sehr kluges Buch“

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