Buchkritik: Vergangenes und Gegenwärtiges, von Monika Mann (Erinnerungen 1956) – 5 Sterne

Monika Mann klingt oft wirr und nebulös, die wenigen gelieferten Fakten sind nach Auskunft ihrer Geschwister, Mutter und der Mann-Biografen unzuverlässig. Doch Monika Mann – die Außenseiterin der sechs Thomas-Mann-Kinder – schreibt einen mitunter seltsam berührenden Stil, der mich manchmal gegen meinen Willen und bessere Einsicht hypnotisiert (S. 11 rororo-Ausgabe):

…das Elementare der Kindheit und Jugend vertieft das Element der Zeit ins Unbestimmbare. Ganz eingemummt sind wir in der Zeit, die erst später durchsichtig wird.

Abgesehen von solchem Schwulst, besser ist: Viele Bilder Monika Manns klingen stimmig und vollmundig, so aus kargen Kriegsjahren, als die Kinder „wie die Möwen um ein Stück Brot“ streiten (S. 16). Eine Schulfreundin mit Rupfenkleid und Holzstiefeln heißt Sturm Babette. Allerdings gibt es davon zu wenig.

Mann schreibt ein paar Szenen aus dem eigenen Leben, ein paar Szenen über die Familie und ihren Vater – oft verallgemeinernd – und behaucht das mit viel poetischem Nichts. Insgesamt liefert das dünne Buch zu wenig Leben live, zu viel diffuse Wortgespinste; S. 59:

Alles war dasselbe, aber nicht das gleiche geblieben. Die subjektive Veränderung übertrug sich auf das Objekt (…)

Oder nach dem Tod des Vaters, S. 93:

Seine Gegenwart war stark. Seine Abwesenheit ist stark. Aber seine Abwesenheit ist voll Gegenwart. Und war seine Gegenwart nicht auch voll Abwesenheit? Sein Sein und sein Nichtsein fügen sich wundersam ineinander.

Noch nebliger klingt ihr Text, weil Monika Mann Orts- und Eigennamen nur sehr sparsam liefert, stattdessen schreibt sie „der Bruder“ oder „der Ort“. Wer die Geschichte der Familie Mann kennenlernen will, kommt hier nicht weiter – aber es gibt genug andere Bücher, u.a. Die Manns von Tilmann Lahme oder Klaus Harpprechts dicke Thomas-Mann-Biografie.

Gut also, dass Monika Manns kleiner Text schon nach 113 luftig bedruckten Seiten wieder endet. Meine rororo-Ausgabe hat zudem 16 schwarzweiße, nicht paginierte Fotodruckseiten und ein heterogenes Nachwort der Familie-Mann-Biografin und -Herausgeberin Inge Jens, die den Haupttext auch nicht uneingeschränkt lobt.

Aufmerksam wurde ich auf Monika Mann (1910 – 1992) im Buch Die Briefe der Manns (Mithg. Tilmann Lahme). Zwischen den markanten Schreiben von Golo Mann, Thomas Mann, Erika Mann, Katia Mann, Klaus Mann und Hedwig Pringsheim klingen Monika Manns Briefe dort skurril bis surreal und ich glaubte, die Wiedergabe ihrer Briefe solle Monika Mann desavouiren. Tatsächlich sprach mich der Ton (von Inhalt kann nicht die Rede sein) nach einer Weile an; ich griff schließlich auch zu Monika Manns „Erinnerungen“ (so der Untertitel der Memoiren). Die lege ich nun gern weg und werde meine Bekanntschaft mit der Autorin nicht weiter vertiefen.

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