Buchkritik: Verbrannte Tage, von James Salter (Autobiografie 1997, engl. Burning the Days) – 7 Sterne – mit Pressestimmen

Salter (1925 – 2015) schreibt nicht streng chronologisch: Tritt eine neue Figur auf, erzählt er ihr Schicksal oder seine Beziehung zu ihr mitunter gleich über die nächsten Jahrzehnte hin, wenn auch nur auf wenige Seiten. Militär- und Autorenzeit überlappten sich in Salters Leben deutlich, aber er erzählt die entsprechenden Episoden in getrennten Buchteilen.

Dieser Erzählstil mit immer wieder neuem Fokus wie auch einzelne Akteure kehren wieder in Salters viele Jahrzehnte und viele Figuren umfassenden Roman Alles, was ist/All That Is (2013). Allerdings bringt James Salter in der Autobiografie deutlich weniger Dialog, so dass die Lektüre etwas blasser erscheint (ich kenne nur das englische Original, nicht die Eindeutschung).

Eisig klarer Ton:

Mehr als Daten und Fakten beeindruckt der Ton. Er wirkt oft so eisig klar wie der Himmel 10.000 Meter über Korea, den Salter beschreibt. Er raunt, wechselt nicht nur die Figuren, sondern auch Vergangenheits- und Gegenwartsform, wie ein alter Herr beim Cognac. Ausrufezeichen gibt es gar nicht, nur auf wenigen Seiten wirkt Salter menschlicher, wenn er über eigenwillige Ziegen, Hunde und tragische Momente seiner mindestens fünf Kinder schreibt. Die jedoch erscheinen, ebenso wie seine Ehefrauen, nur auf vielleicht drei von 370 Seiten.

Salter nimmt auch sich selbst stark zurück, von seinen Büchern behandelt er nur A Sport and a Pastime über etwa zwei Seiten und Light Years über eine Seite, ein paar wenig beachtete Film- und Theaterprojekte erhalten sogar mehr Platz – und kein Wort von den vielgelobten Kurzgeschichten. Salters Leidenschaft gilt der Literatur, Europa, Fliegen, Essen, Trinken, interessanten Männern und funkelnden Frauen. Bei dem impressionistischen, unhistorischen Stil überrascht es fast, dass dem Text ein Personenregister folgt. Fotos allerdings zeigt meine Taschenbuchausgabe nicht.

Dramatische Episoden:

Die Jugendjahre wirken unspektakulär, der Drill in der Militärschule West Point widert an. Dann aber folgen dramatische Liebes- und Kriegsflieger-Episoden. Letztere wirken plastischer, weil genau erklärt; teils haarsträubend, voller Machismo, verbissener Ehrgeiz im Kampf um Flugstunden und die meisten MIG-Abschüsse, eine Episode nach der anderen bringt Todesgefahr und tödliche Unfälle der Kollegen. Die Flieger-Kapitel wirken wie das Zentrum des Buchs – von seinen ersten Schreibunternehmungen zur gleichen Zeit erzählt Salter dagegen fast nichts, auch nicht im späteren Buchteil.

Anders als beim Thema Fliegen sagt Salter nie deutlich, was ihn an den verschiedenen Frauen faszinierte, abgesehen manchmal von ihrem Körper und ihrer unerhörten Zugänglichkeit. Die Fliegergeschichten erinnern momentweise an Joseph Hellers Catch-22, wenn auch bei Salter ohne ein Promille Unernst (Joseph Heller hat bei ihm einen Kurzauftritt).

Nach dem Jugend- und Fliegerteil folgt der Hollywood- und Autorenteil, mit Zeit auch in Rom und Paris und vielen exquisit gebauten, nahbaren Glamourdamen. Ausführlich schreibt Salter über Irwin Shaw, ein paar Seiten auch über Robert Redford und den Produzenten Ginna. Beim Film Three führte Salter Regie, und in der Autobiografie tritt er die Hauptdarstellerin ungewohnt gehässig in die Tonne; gemeint ist offenbar Charlotte Rampling. Vanessa Redgrave, Maximilian Schell, Graham Greene, F. Scott Fitzgerald und die Nabokovs haben Kurzauftritte.

„Die Gelacktheit des Größenwahns und die Abgewandtheit des Understatements…“ – die Kritiken:

Süddeutsche Zeitung:

…diesem merkwürdig unpersönlichen Erinnerungsbuch, in dem seiner ersten Ehe, aus der immerhin vier Kinder hervorgingen, ungefähr genauso viel Platz eingeräumt wird wie der Freude über ein neues Paar italienische Herrenslipper… an der Grenze zum Edelkitsch

Die Zeit:

Ein Mann, kein Weichei. Mit den androgynen Beatles ist dieser Typus aus unserer Kultur verschwunden. Deshalb ist dieses Buch auch allen Frauen unter vierzig zu empfehlen.

Neue Züricher Zeitung:

… in den zahlreichen Passagen, in denen der amerikanische Erzähler – und homme à femmes – seine Erinnerungen an erotische Erlebnisse wie funkelnde Perlen auf einer Schnur vorübergleiten lässt. Sie zieht sich durch seine ausgedehnten Jagdreviere von den USA über Europa und Asien bis nach Afrika. Sehr viel zugeknöpfter ist er dagegen, was das familiäre Leben in seinen beiden Ehen betrifft… Manche Selbstgefälligkeit und auch der Hang zu gelegentlich ziemlich preziösen Tönen seiner Selbstdarstellung als Frauenheld sind allerdings umso leichter zu verschmerzen, als Salter eine nicht gerade alltägliche Vita Revue passieren lässt… Die stärkste Gravitation übt hier immer wieder das Fliegen aus – das Fliegen und das Milieu von Kampfpiloten… Für viele Facetten dieses Lebens findet Salter oft sehr poetische und manchmal auch sehr pathetische Bilder, die fast wie zum ersten Mal von der Ästhetik und dem Rausch der Geschwindigkeit in den eisigen Höhen von 40 000 Fuss sowie den ultraschnellen Reaktionszwängen und in Sekundenbruchteilen ausgelösten Abstürzen erzählen… ist das Buch als Aufzeichnung – oder sogar Beschwörung – der Sensationen des Fliegens in der Düsenjägerära wohl fast einzigartig, nicht zuletzt in der Hinsicht, dass es oft auch sprachlich auf ihrer Höhe ist

Berliner Zeitung:

Immer wieder brilliert Salter mit überraschenden Einsichten und poetischen Formulierungen, mit jenem Tonfall nobler Abgeklärtheit, den kaum einer so beherrscht wie er.

Frankfurter Rundschau:

Salter ist alles andere als ein Ich-Anatom. Er ist vielmehr ein Fotograf, auf dessen szenischen Bildern die militärische und die mondäne Welt zu sehen sind und eine Figur, die den Namen James Salter trägt, aber eigentlich auch einen andern Namen haben könnte. Unverkennbar besitzt Verbrannte Tage allein schon handwerklich Züge eines Romans: in der mal künstlich straffenden, mal künstlich dehnenden Ökonomie des Stoffes, im freien, sprunghaften Verhältnis zwischen Erzählzeit und erzählender Zeit, in der Unterschlagung ganzer Lebensabschnitte und der Verstärkung bestimmter Themen. In diesem Buch erfährt der Leser nicht allzu viel über die Person James Salter, aber sehr viel über die gedankliche Welt, in der Männer wie er sich bewegen… Von den 75 Jahren seines Lebens hat Salter weniger als zwanzig als Pilot verbracht. Aber diese Zeit beschäftigt ihn mehr als die Hälfte des Buches… Sein Porträt ((von Irwin Shaw)) schiebt sich vor das Selbstporträt Salters, um es schließlich fast zu ersetzen. Dieser seltsame Ablenkungsvorgang ist typisch für das ganze Buch. Selbstdarstellung und Selbstvertuschung gehen in ihm ein widersprüchliches Bündnis ein… ein stilistisch hochrangiges, elegisches und in seinem ganzen Habitus ambivalentes und merkwürdiges Buch. Es besitzt nebeneinander die Gelacktheit des Größenwahns und die Abgewandtheit des Understatements

New York Times im Nachruf:

Though autobiographical in style and substance, it is almost indistinguishable from his stories, in keeping with Mr. Salter’s often-stated refusal to believe in the “arbitrary separation” of fact and fiction. The book, which elicited healthy sales as well as mostly strong reviews, was praised for its lyricism but faulted by some as showing a lack of self-awareness… Mr. Salter said little about his first marriage, and though he discusses a military pilot’s exhilarating command of the skies, he does not touch on the fighting or its moral justification. Mr. Salter did reveal some personal vulnerabilities in the book. He evokes, for example, the melancholy he felt when he watched the first spacewalk by an American on television in a Paris hotel in 1965, saying he was “sick with envy” and “suicidal” as Ed White, a former Air Force comrade, floated into the history books.

Nation, Gerald Howard:

This absence of emotional engagement is paired with an exceedingly toplofty manner… at its worst, in an embarrassingly gushy section on Irwin Shaw, his style devolves into a sort of advertising copy for a way of life you’ll never afford.

Electric Times Union:

There are turns of phrase in „Burning the Days“ that are so achingly fine they make the reader’s eyes well up… John Irving called Salter’s prose „rare and stunning.“ Peter Matthiessen said, „There is scarcely a writer alive who could not learn from his passion and precision of language.“ In Vanity Fair, critic James Wolcott described Salter as „the most underrated underrated writer.“

Guardian:

Impossible to choose, from among the crystalline descriptions in Burning the Days, a line to quote. Every sentence is fantastic.

New York Times Rezension:

A book of memorable stories. I say stories, not story, because Salter’s life has been striking in the diversity of its parts… “Burning the Days“ is not a novel, but it is written as nearly like one as a memoir could be. Or, to be more precise, it is like a book of short stories linked by a common narrator… It isn’t often that a writer of superlative skills knows enough about flying to write well about it; Saint-Exupery was one; Salter is another.

Kirkus Reviews:

Glimpses of a writer’s past, given as though discreetly decanted… A sadness, half-suppressed in the telling, flows through the pages… at times the narrator seems to long to absent himself from the narrative, perhaps to escape the pain inherent in anyone’s excavation of his past. At these times, lacking an integral structure, the writing loses momentum. And although the book is packed with characters–from Irwin Shaw to Robert Redford to scads of femmes fatales, portrayed with a courtly tact–it seems too often to depend on scenes and observations saturated with a rather dated literary perfume. The scent bears traces of Hemingway’s literary stoicism and Fitzgerald’s lyric delicacy. Many of the continental settings and scenes belong to Hemingway and Fitzgerald… Women are in general a weak point for Salter here, rarely seeming more than seductive ghosts

Publishers Weekly:

…his unfaltering skill as a writer and intuitive sensitivity as a chronicler of human relationships… The bulk of this brilliant memoir recounts the 1940s, ’50s and ’60s… Everything in this book is colored with the sweet sadness of loss–loss of friends, lovers and dreams. Salter writes about tragedy and regret with irresistible eloquence.

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