Buchkritik: Thomas Mann. Eine Biografie, von Klaus Harpprecht (1995) – 7 Sterne

Harpprecht (1927 – 2016) schreibt sehr leicht lesbar, gelegentlich etwas unangemessen salopp. Unentwegt platziert er aufdringlich wertende redundante Adjektive und Parenthesen (Beispiel S. 287f: „…des Kaisers schwadronierende Warnung… der Kaiser hatte, taktlos wie so oft, …“; S. 696: „Er fügte dieser nicht ganz zuverlässigen Einsicht eine hellsichtige Beobachtung an: …“; S. 1949: „…puerilen Stolzes… Anflug halbseniler Kraftmeierei“).

Stil:

Obwohl Schriftgröße und Umbruch ganz offenbar die Seitenzahl in Grenzen halten sollen, füllt Klaus Harpprecht v.a. im ersten Teil einige Zeilen mit Allerweltsbanalitäten oder Kaskaden rhetorischer Fragen (S. 151f: darüber, wie Thomas Mann die Neujahrsnacht 1899-1900 verbracht haben könnte, spekuliert Harpprecht eine Seite lang mit mindestens sieben rhetorischen Fragezeichen; S. 294: „Das Leichte wurde Thomas Mann, wie es immer ist, besonders schwer“). Um die Buchmitte herum unterlaufen Harpprecht einige Dativ-e und lasch Eingedeutschtes wie „Introduktion“, „Protektorin“ (jeweils mehrfach) oder „revozieren“. Englische und französische Zitate bleiben teils unübersetzt. Mir fiel nur ein einziger Tippfehler auf (einmalig „Katja“ statt „Katia“, nicht in einem Zitat).

Den Stil prägen auch gestückelte Zitate: aus Reden oder Briefen zitiert Harpprecht viele kleine Bruchstücke, die er immer neu mit eigenen (oft wertenden) Worten anmoderiert; das wirkt unruhig. Seine eigenen Sätze unterbricht Harpprecht laufend mit Haupsatz-Parenthesen wie „…, man weiß es, …“, „…, es versteht sich, …“, „… – wie es unter alten Paaren manchmal ist – …“, „…, wie es nicht anders sein konnte, …“, „…, es konnte nicht anders sein, …“, „…, es wurde erwähnt, …“ oder „…, wir hatten davon gehört, …“. Hier zwei Einschübe in zwei aufeinanderfolgenden Sätzen auf Seite 1418:

… spröde Annäherungen an die Hauptbegebenheit des Buches: Leverkühns fatale Begegnung mit der Hetaera Esmeralda in einer „Schlupfbude“ der Messe- und Musikstadt Leipzig, die – wie man weiß – auch „Auerbachs Keller“ beherbergte. Die Beschreibung der Ereignisse folgte, auch das weiß man, völlig getreu der Erzählung Paul Deussens …

Hier drei Einschübe von Seite 1472, davon ein wertender:

…, der Ausdruck mag erlaubt sein, … …, wie es immer zugeht, … …, wie es der stumpfsinnigen Gewohnheit jener Tage entsprach, …

Keine Werk-Biografie:

Harpprecht bewundert einige Werke Thomas Manns, so etwa Buddenbrooks, Tod in Venedig und Königliche Hoheit. Aber er wahrt immer kritische Distanz und hält Manns Betrachtungen eines Unpolitischen für unhistorisch, verblasen und menschenverachtend – dargelegt über mehrere Kapitel. Auch in anderen Mann-Büchern sieht er Weitschweifigkeit, etwa in den Josephs-Romanen und im Faustus.

Aber Harpprecht schreibt dezidiert „keine Werk-Biografie“ (S. 2068), ganz anders als etwa Mann-Biograf Hermann Kurzke (1999). Harpprecht betont vielmehr biografische Details einschließlich Buchhonorare und Gremienarbeit, Schicksale von Kindern und Geschwistern und politische Abläufe vor allem seit den späten 1930ern.

Schon die Jahre 1932/33 wirken sehr dramatisch, und bei Politikern und Strömungen werden die kommentierenden Einschübe besonders häufig, ebenso die flotten Synonyme. Auch Thomas Manns Vorträge über Wagner, Nietzsche und Goethe stellt Harpprecht detailliert vor. Schön mischt Harpprecht in den frühen 1940ern das Schreiben des Faustus-Romans, dessen Inhalt, Manns Leben und Zeitgeschichtliches.

Primat der Politik:

Bei Werkinterpretation, aber auch biografischen Einzelheiten beruft sich Harpprecht immer wieder auf Hans Wysling, Hans Mayer, Hans Rudolf Vaget, Albert von Schirnding, Peter de Mendelssohn, Inge Jens und gelegentlich den späteren Mann-Biografen Hermann Kurzke. Zuweilen referenziert Harpprecht auch Klaus Theweleit, Wilhelm Busch, Günter Grass und Willy Brandt. Oskar Maria Graf erscheint nur anekdotisch, Bert Brecht ist ein ganzes Kapitel gewidmet, gelegentlich figurieren Hugo von Hoffmansthal, Hesse und Rilke und natürlich Heinrich und Klaus Mann; Joseph Conrad erscheint ganz am Rand, Manns Co-Benzendrin-Afficionado Graham Greene gar nicht. Wieviel Harpprecht selber forschte, wird bei all den Bezügen auf Sekundärliteratur nicht klar, er erwähnt jedoch Elisabeth Mann Borgeses Unterstützung beim Zugang zu Brief-Originalen.

Vor allem interessiert sich der Ex-Journalist, Ex-Regierungssprecher und beim Fischer-Verlag Ex-Thomas-Mann-Verleger Harpprecht für Politik seit den 1930er Jahren, für Manns politische Appelle, politische Aktivitäten, Gedanken und die deutsche Emigration allgemein. Das erhellt auch aus dem Buchaufbau:

Etwa bei der Buchhälfte – Seite 1027 von 2054 Seiten Haupttext – sind wir schon im Jahr 1938, Thomas Mann (1875 – 1955) ist bereits über 60. Die nächsten 1027 Seiten behandeln also den viel kürzeren Zeitraum von 1938 bis 1955: Thomas Mann wandert kurz vor dem 2. Weltkrieg in die USA aus; er und einige seiner Kinder engagieren sich auf Seiten der Alliierten; später kehren Mann und Familie in die Schweiz zurück, mit Besuchen im nun geteilten Deutschland.

Viele Kapitelüberschriften ab der zweiten Hälfte verdeutlichen Harpprechts Primat der Politik: Ein Manifest und eine Akte, Der ferne Sturm, Im weißen Haus, Ein Staatsschreiben, Der Staatsbesuch (I), Der Staatsbesuch (II), Der Ulbricht-Brief u.v.a.m. Harpprecht sagt allerdings selbst immer wieder, dass Manns politische Anschauungen auch in den 1930er und 1940er Jahren unrealistisch, wirr, uninformiert und wechselhaft klingen – warum zitiert und analysiert er sie dann so quälend ausführlich? Im Übrigen weist Harpprecht Mann wiederholt Gefühlskälte, Egozentrik und Weltfremdheit nach.

In Manns Homoerotik wühlt Klaus Harpprecht weit weniger als Mann-Biograf Kurzke, ohne das Thema zu ignorieren. Harpprecht endet hart mit Manns Tod – kein Wort über das weitere Leben von Katia Mann und Kindern, die man immerhin recht gut kennengelernt hatte.

Aufbau des Buchs:

Bei den Buddenbrooks bot Thomas Mann „den gewaltigen Stoff in vielen kurzen Kapiteln“ dar, die „den Leser nicht allzusehr ermüden würden“, schreibt Harpprecht (S. 118). Auch er selbst umbricht sein üppiges Narrativ in 133 kürzere Kapitel. Noch kurzweiliger wäre es mit einem etwas abwechslungsreicheren Seitenbild, aber:

Das Seitenbild ist ungewöhnlich ruhig für eine Biografie – es gibt keine hochgestellten Ziffern, keine Fußnoten, auch längste Zitate werden nicht eingerückt oder kursiviert, sondern fließen im Lauftext mit. Fremdwörter oder Fremdsprachliches erscheinen ebenfalls nicht kursiv. Keinerlei Fotos; keine Leerzeilen zum Luftholen. Nicht einmal Gedichte umbricht der Verlag in Verszeilen, ein Schrägstrich signalisiert die nächste Zeile; bei mehrstrophigen Gedichten kennzeichnet ein einzelner Zeilenumbruch den Beginn einer neuen Strophe (S. 982). Fast überrascht, dass am Kapitelende Teile einer Seite (aber nie zweier Seiten) leer bleiben. Das Seitenbild wirkt damit äußerst gleichförmig – bei der engen Schrift und dem langen Buch zu gleichförmig.

Die 2225 Seiten (davon 2054 Seiten Haupttext) verteilt der Verlag auf zwei durchgehend paginierte Bände mit jeweils gut 1100 Seiten (gesamt eineinviertel Kilogramm, sechs Jahre Arbeit); Band 2 beginnt also mit Seite 1150. Ein vollständiges Inhaltsverzeichnis beider Bände erscheint in beiden Bänden; die Anmerkungen zu beiden Bänden stehen gemeinsam am Ende von Band 2; auch die Anmerkungen zu Band 1 erscheinen also in Band 2.

Die Anmerkungen sind aber sehr knapp – ohne hochgestellte Ziffern im Lauftext, und es gibt pro Seite meist nur eine einzige kurze Quellenangabe und generell keine inhaltliche Vertiefung; man muss also nicht dahinblättern (laut Nachwort notierte Harpprecht zu seinen „annähernd zehntausend Zitaten“ (S. 2071) gar keine Quellen; die Quellenangaben wurden erst nachträglich von Mitarbeitern recherchiert).

Online finden sich nur wenig professionelle Rezensionen zur Biografie, u.a. werden Harpprecht mehrere inhaltliche Fehler nachgewiesen und er habe Manns Persönlichkeit nicht verstanden.

Thomas Mann – die Biografien von Klaus Harpprecht und Hermann Kurzke im Vergleich:

  Klaus Harpprecht Hermann Kurzke
  Thomas Mann – Eine Biographie Thomas Mann – Das Leben als Kunstwerk – Eine Biographie
  1995 1999
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Seiten gesamt* 2252 672
Seiten Haupttext 2054 585
Seiten Anhang 184 68
Gramm 1266g (642+624g) 494g
Bilder 40 verstreut in Haupttext auf Textdruckpapier
Schwerpunkte Lebenspraktisches, umgebende Personen; Zeitgeschichte und Politik v.a. ab den späten 1930er Jahren u. Manns Rolle darin; dt. Emigration; „keine Werk-Biografie“ Exegese v.a. Betrachtungen e. Unpolitischen, Zauberberg, Faustus; biograf. Andeutungen in lit. Werk; demokrat. Gesinnung ab ca. 1919; Homoerotik
Stil sehr leicht lesbar, gelegentlich zu salopp, häufig aufdringliche wertende Adjektive und Einschübe, Allgemeinplätze und überflüssige rhetorische Fragen altväterlich gut lesbar; gelegentlich zu unkritisch nicht-distanziert und wie persönlich involviert
Haltung zu Thomas Mann Bewundert einige Romane, verurteilt frühe politische Haltung z.B. in „Betrachtungen“ deutlich, insgesamt kritische Distanz, Biografie wohl kein Herzensanliegen Bewundert viele Werke Manns, scheint persönliche Sympathie für den Menschen zu hegen, keine politischen Urteile, weniger kritische Distanz, Biografie scheint Herzensanliegen zu sein

* Seiten gesamt = letzte Seitenzahl inkl. Inhaltsverzeichnis, Anhang; bei Kurzke gezählte Seiten teils mit Fotos gefüllt; bei Harpprecht Zählung über beide Bände hinweg

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