Buchkritik: Singvogel, von Thommie Bayer (Roman 2005) – 6 Sterne

Fazit:

Bayers Plotmaschine läuft zu hochtourig, und der Plausibilitäts-Tüff musste beide Augen zudrücken. Ich fand den Roman dabei einigermaßen spannend, das Ende jedoch endgültig überdreht und mit unangenehmem Nachgeschmack (andere Bücher wie Der langsame Tanz sind freilich noch überdrehter). Hier und da schien es seicht, indes vor allem zu Beginn für Bayer-Verhältnisse sehr schwungvoll formuliert, die Annäherung der Hauptfiguren nachvollziehbar.

Ich konnte es kaum weglegen, die Personen wurden lebendig und auch sympathisch. Internet-Suchmaschinen, E-Mail und selbstgedrehte Videodateien finden handlungswirksam, aber unaufdringlich statt (ähnliche Elemente brachte Bayer ein Jahr zuvor in der Gefährlichen Frau, danach traten sie wieder in den Hintergrund).

Bizarre Plots:

Thommie Bayer hat in seiner langen Autorenkarriere schon merkwürdige Szenarien geschaffen: Männliche Aktmodelle, deren Schwellkörper im falschen Moment reagieren oder nicht reagieren; Detektivinnen, die Männer ver- und so der Untreue überführen sollen.

Diesmal beginnt es weniger bizarr: Ein Drehbuchautor, 50, bekommt ein lobendes E-Mail von einer unbekannten 22jährigen. Daraus entsteht ein E-Mail-Austausch, der immer persönlicher wird und auch die Partner der Schreibenden nicht unberührt lässt. Der Roman lebt vor allem von diesen E-Mails und ein wenig von der Zeit dazwischen, wenn der männliche Ich-Erzähler die Frau am anderen Ende imaginiert und auf ihr nächstes Mail wartet.

Origineller Austausch:

Gerade zu Beginn klingen die Mails sehr originell, und auch, dass der Ich-Erzähler zwischendurch weitere berufliche und private Mails beantwortet, macht Spaß. Dazu kommen unterhaltsam frotzelnde Dialoge, während die Schreibe des Ich-Erzählers zwischen den E-Mails sehr blass wirkt; das erinnert an Die kurzen und die langen Jahre (2014), in denen die Briefe der Hauptfiguren deutlich lebendiger klingen als der Ich-Erzähler zwischendurch. Ein bisschen Humor habe ich erst wieder in Bayers Vier Arten, die Liebe zu vergessen (2012) entdeckt (aber ich kenne nicht sein ganzes Werk).

Freilich lassen sich die E-Mail-Stimmen der zwei doch so unterschiedlichen Persönlichkeiten kaum auseinanderhalten. Dann mischen sich Figuren von außen massiv ein, und die Hauptakteure reagieren recht unrealistisch – aber so, dass es dem Spannungsbogen dient. Eine psychisch kranke Nebenfigur agiert unberechenbar durchgeknallt, wie ein negativer deus ex machina; so etwas gefällt mir nicht, zudem scheint er als Ex-Partner der reh-sanften weiblichen Hauptfigur kaum vorstellbar.

Überdrehtes Ende:

Zum Schluss überdreht und menschelt der Plot eindeutig; dabei tröstet nicht, dass eine der Überraschungen (wie später auch in Die gefährliche Frau) schon aus 100 Seiten Entfernung leise raschelte.

Zu Bayers Romanrezepten scheint auch der Einbau einer überlaufenen europäischen „Traumstadt“ zu gehören. Hier wie in Vier Arten, die Liebe zu vergessen (2012) ist es Venedig, in anderen Büchern führt Bayer seine Protagonisten nach Rom oder Paris. Auch das Singvogel-Motiv des abrupten Unfalltods kehrt in Vier Arten… wieder.

Ist Bayer so seicht wie die E-Mail-Romane von Glattauer? Ich finde nicht. So gut wie der auch sehr gefühlige David Nicholls? Keinesfalls. Vielleicht ZDF-Niveau, wie eine Leserin auf Amazon angemerkt haben soll, die Bayer selbst auf seiner Internetseite zitiert (Quelle). Singvogel ist auch nicht so lustig wie Büro-E-Mail-Romane à la Depp-Top oder E-Mail für alle, aber auf jeden Fall ist er spannend und modern.

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