Buchkritik: Siesta italiana. Meine neue italienische Familie, von Chris Harrison (2007, engl. Head over Heel, Seduced by Southern Italy) – 5 Sterne

Chris Harrison verliebt sich in eine Italienerin und zieht 1999 zu ihr nach Italien – in ein Dorf südlich von Brindisi, dann auf dem Umweg über Sizilien nach Mailand und wieder zurück ins ursprüngliche Dorf.

Fazit:

Insgesamt wieder ein persönliches Italien-Buch, in dem das Land teils zum Bauerntheater verkommt (vgl. Jan Weiler, Stefan Maiwald; besser sind immerhin die Bücher von Luigi Brogna und vor allem Annie Hawes). M.E. gibt es über Südfrankreich oder Andalusien insgesamt differenziertere Auswandern-Bücher, wenn auch weniger mit einheimischen Liebesgeschichten (weil oft schon Paare gemeinsam auswandern). Harrison schreibt routiniert professionell, oft auf Lacher aus – und ich habe öfter gelacht –, aber mit vielen Schwächen im Detail. Menschen bleiben ohne Eigenschaften; lieber schildert er Dorffeste, bürokratische Hürdenläufe, den anstrengenden Straßenverkehr, kurvenreiche Signorinas.

Harrison formuliert unterhaltsam, immer mit abrundend pfiffigem Einzeiler, und tischt die unvermeidlichen Schenkelklopfer-Italien-Klischees auf: Chaos am Flughafen, auf der Autostrada und in der Familie; lautes, aber geruhsames Dorfleben; Bürokratie und Vitamin B; Pizza und Pasta. Der Humor resultiert oft nicht aus Handlungen oder Bemerkungen der Italiener, sondern aus Harrisons trockenen Kommentaren (über einen stets verspäteten Tennispartner: „whose forehand was more accurate than the hands of his watch“, S. 185). Gleichwohl moniert er außerhalb Italiens „less comedy“ (S. 159).

Der Stil wirkte dabei auf mich allzu glatt und abgehangen (Harrison ist Journalist, und ich kenne nur das engl. Original Head over Heel, nicht die dt. Übersetzung Siesta italiana; wenn ich es richtig sehe, erzählt er im Deutschen im Präsens, im Englischen in der Vergangenheit, und eine Online-Stichprobe der dt. Fassung sprach mich auch sonst nicht an). Andererseits: Im Gegensatz zu sonstigen amüsierten Italien-Auswanderern zitiert Harrison James Joyce, Luigi Pirandello, Bill Bryson, Erica Jong und weitere Autoren; er hängt eine Liste mit 16 Buchtiteln und einigen Tageszeitungen an; gleich zu Beginn zitiert Harrison mehrfach aus Luigi Barzinis klischeebeladenem, aber kritischem Die Italiener (1964), vor allem Stellen über unwiderstehliche Frauen und mühsamen Alltag.

Statt sich jedoch mit individuellen Besonderheiten zu befassen und mal Personen näher vorzustellen, bringt Harrison lieber ein paar Kriminalstatistiken. Kaum eine Person gewinnt Charakter hier.

Ich war wegen stilistischer Mängel laufend unzufrieden mit dem Buch, es grenzte teils an flache deutsche Comedy:

  • Harrison betont von Anfang an Danielas Aussehen („bronzed bottom“, S. 27 etc. etc.) und reichhaltigen Sex („a bed wet with sweat“, S. 18 etc. etc.); über ihre menschlichen Eigenschaften sagt er lange gar nichts. Erst ab Seite 50 erfahren wir Alter und Beruf, auf Seite 102 liefert er zusammenfassend ein paar Eigenschaften („whimsical, kind-hearted… quirky, illogical, intellectual and brave“, wieder endend mit „beautiful“, offenbar der Hauptgrund für die Auswanderung); den ersten Ansatz eines Portraits schreibt Harrison etwa auf S. 116 – nicht über seine Zukünftige, sondern über einen frustrierten Engländer in der Kneipe; etwas Persönlichkeit gönnt er seiner Daniela erst um S. 142 herum; später ist Daniela wieder nur „the most stylish woman i had ever met“ (S. 184); einfühlsame Portraitkapitel kommen erst am Buchende – über einen Straßenhund und den Alzheimer-erkrankten Schwiegervater in spe; Erkenntnisse über internationale, interkulturelle Beziehungen halten sich streng in Grenzen, mit Ausnahme der Entwicklungen im letzten Buchzehntel
  • bei mindestens drei seiner Englischschülerinnen redet Harrison lüstern über Oberweite („with a pert, proud and protuberant bust“, S. 123, etc. etc.); eine junge Zugreisende „had perhaps spent all her pocket money on a boob job… the sensuous stowaways“ (S. 169); um so mehr überrascht, dass er italienisches Fernsehen für „utterly sexist“ erklärt (S. 156 etc.)
  • leicht Anrüchiges darf nicht unerwähnt bleiben: Art und Größe der Unterwäsche auf der Nachbarleine oder die Wirkung des Fahrradfahrens auf seine „testicles“, auch Vulgärausdrücke fallen gern (jedenfalls im engl. Original)
  • Wunderliches bleibt lange unerklärt: Warum treffen wir die Verwandten nicht; warum wohnen Chris und Daniela wochenlang in einem Zimmerchen bei einem Bruder mit Piranha-Aquarium; warum sucht er die neue Wohnung per ÖPNV, hat dann aber plötzlich ein Auto; warum kann ein Penner überhaupt in Danielas Auto übernachten. Die Begründungen kommen erst nach vielen Seiten oder gar nicht
  • auch das Jahr der Ereignisse nennt er nicht, man muss es aus Zeitgeschichtlichem herleiten (Tod von Raissa Gorbatschowa, Berlusconis Wahl)
  • er trifft in ihrem Dorf ein und sagt nichts über die Verwandtschaft, begegnet zufällig einer Tante, ohne irgendein Wort über Familienbande zu erzählen. Die Familie erscheint erst etwa ab Seite 50, allerdings nur vorübergehend und unspezifisch; dies ändert sich erst im letzten Buchdrittel
  • er schreibt nicht präzise: so erwähnt er einen fliegenden *Fisch*verkäufer und meint daraufhin, der Kühlschrank fülle sich hier schnell mit *Gemüse* (S. 21); in Erläuterungen zum Italienischen verwechselt er „past tense“ und „past participle“ (S. 95) (Tippfehler hat das engl. Buch nach meiner Übersicht nicht)
  • manchmal reiht er zu viele gleichartige Dinge hintereinander auf – alle Dorffeste, alle haarsträubenden Momente im Straßenverkehr, alle skurrilen Ansichten seiner Englischschüler, alle Auswüchse des Mailänder Wohnungsmarkts, alle skurrilen Prozeduren in Fahrschule und Krankenhaus, alle Familiennamen
  • Zugfahrten und Flüge beschreibt er zu ausführlich, das kennen wir doch
  • er zitiert genüsslich ihr falsches Englisch („‚It drived my father crazy…'“, S. 24), das klingt selbstgefällig, bringt allerdings später auch ein paar witzige Verwechslungen
  • die italienischen Euro-Preise übersetzt er seinem internationalen Publikum in AUD – weil ja alle mit dieser Währung besonders vertraut sind
  • der deutsche Buchtitel passt nicht gut zum Inhalt

Ich erwog aber nie, das Buch vorzeitig wegzulegen. Trotz der stilistischen Mängel hielt mich das Thema bei Laune.

Anders als Jan Weiler oder Annie Hawes hat Chris Harrison keine Fortsetzung seiner Geschichte geschrieben. Wenn ich Harrisons Webseite richtig verstehe, verfasste er später den Roman Happy Eva After über Sprachschüler; gedruckt gibt’s den jedoch offenbar nur in Neuseeland und Australien, nicht weltweit. Fast kein Wunder.

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