Buchkritik: Raumpatrouille, von Matthias Brandt (2016) – 7 Sterne

Der bekannte Schauspieler Matthias Brandt (*1961), Sohn des Ex-Bundeskanzlers Willy Brandt, liefert 14 liebenswerte Skizzen aus seiner Kindheit im Kanzlerbungalow – so den Austausch mit dem Sicherheitspersonal und dessen Hunden oder seine Besuche beim Altpräsidenten Lübke. Dazu kommen weitgehend politik- und prominenzfreie Kindheitserinnerungen etwa ans Fußballspiel.

Oder sind es keine Erinnerungen? Laut Vorbemerkung hat Brandt einiges erfunden, anderes ereignete sich wirklich. Das wüsste man gern genauer – schmuggelte eine deutsche Kanzlergattin Schnaps nach Norwegen? (Eine passende Episode erscheint in Merseburgers Brandt-Biografie.) Spielte der kleine Matthias unbeaufsichtigt mit der Dienstpistole des Personenschützers? Ich würde tippen, diese Episode ist erfunden.

Aber nett erfunden, und nett erzählt. Matthias Brandt reflektiert nie aus der Rückschau des Erwachsenen; er schreibt strikt aus Perspektive eines Grundschülers, der an den Großen so einiges wunderlich findet, und der ungeniert selbst auch Wunderliches äußert. Matthias Brandt ist sich seiner Sonderstellung als Kanzlersohn bewusst, will aber lieber gar keine Extrawurst. Dabei bespaßt Autor Brandt ein Nostalgie-hungriges Publikum mit allerlei lauschigen Details aus den 60er und 70er Jahren, vom Saba-Kassettenrekorder über die Jaguarmatic bis zu Walter Spahrbier. Einmal, in der viel zu langen, klischeetriefenden Beschreibung der Wohnung seines Freunds Holger entgleist Brandt dabei regelrecht. Zeitgeschichtliche Erkenntnisse: 0, aber das mit gutem Unterhaltungswert; nur ausnahmsweise schachteln die Sätze zu tief.

Der berühmte, mächtige Vater ist meist körperlich abwesend. Wenn nicht, wirkt er bei Brandt zumindest geistig abwesend. Nur 1,5mal  spielt Brandt senior überhaupt die Hauptrolle: Einmal will er mit Wehner radeln, beherrscht den Drahtesel aber nicht. Hier klingt es fast, als ob Brandt junior seinen Erzeuger nicht nur ins Möhrenfeld, sondern auch in die Pfanne haue; eindeutig ist ihm die Mutter lieber, erst im allerletzten Stück kredenzt er eine Versöhnung.

Das dünne Bändchen ist luftig gedruckt, und jede einzelne Episode endet nach zehn Minuten. Verbunden hat Brandt die Erzählungen nicht: Einmal beschreibt er etwa die Autofahrt nach Norwegen, die Kurzgeschichte endet mit der Ankunft am Ferienhaus. Das nächste Stück spielt völlig zusammenhanglos wieder in Deutschland.

Diese schnelle Folge unverbundender, milder, kurzer Berichte wirkt auf Dauer unbefriedigend. Jede Woche eine dieser stets gleich langen Geschichten in einem Magazin, darauf würde man sich freuen. Aber eine Stunde lang fünf oder sieben solche Stücke lesen, ohne Entwicklung, ohne Stimmungswandel, das befriedigt nicht ganz.

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