Buchkritik: Lecker derbleckt. Eine kleine bairische Wortkunde, von Gerald Huber (2008) – 7 Sterne

Auf knappem Raum erklärt Gerald Huber (*1962) enorm viele Sprachzusammenhänge – vor allem die Verbindungen des Bairischen zum Lateinischen, Griechischen, Gotischen, Italienischen, Französischen, Hebräischen, Jiddischen, Arabischen, Altnordischen. Das ist sehr erhellend, und kommt so massiert, dass ich vieles gleich wieder vergaß, zumal Huber gern auch lang vergessene Ausdrücke aus uralten Sprachfibeln zitiert, dies in Fußnoten vertieft, und „der bairische Sprachpapst Johann Andreas Schmeller“ figuriert gefühlt viel zu oft (hier S. 81).

Huber will witzig sein, aber auch seine Witze habe ich gleich wieder vergessen. Huber redet gewiss nicht weitschweifig und auch nicht sonstwie professoral. Er schreibt ganz kurze Kapitel mit vielen bespaßenden Überschriften („Der papperte Papp und s pickige Papperl“), und auch der Lauftext tönt forciert launig. Manch rhetorische Frage endet mit einem schrulligen „?!“.

Hausbau, Speisen, Präfixe:

Huber kümmert sich nach meiner Übersicht fast nur um Etymologie, selten um Aussprache und nie um den Satzbau (obwohl er gelegentlich Regionalsatzbau pflegt wie S. 144, „Da wenn man nicht mitdenkt!“). Huber gliedert teils nach Themenfeldern wie Hausbau oder Speisen, teils nach Grammatik, wenn er Präpositionen und Vor- oder Nachsilben betrachtet.

Im übrigen nutzt Huber jeden Anlass zu wildem Themenhopping; so weiß man nie, wie ein Kapitelchen endet. Auffällig: Bairische Gefühle oder Körperteile behandelt Huber kaum, abgesehen vom überraschenden „fotzdudeln“ (S. 76).

Ungut probairisch:

Immer wieder will Gerald Huber beweisen, dass Bairisch das eigentliche Standarddeutsch ist und Niederdeutsch ein Regiolekt (S. 21):

Die „Rauchkuchl“, die „Wurschtkuchl“ – all das ist heut noch schriftdeutsch.

Und Huber lästert wiederholt befremdlich über

die Nordlichter, die das richtige Hochdeutsch erst von uns gelernt haben

Ab der zweiten Buchhälfte eifert Huber zunehmend ungut probairisch, ja wie ein white-blue supremacist, er sagt mehrfach – die anderen ausgrenzend – „bei uns“ (u.a. S. 149) oder „Wir Baiern“ (S. 76).

Wiederholt erscheint bei Huber „ein rechter Bayer“ (u.a. S. 50, S. 52, S. 54), und man fragt sich, warum er ausgerechnet hier nicht über die Doppelbedeutung sinniert. Um so schmerzlicher für Huber (S. 142):

Das südliche Hochdeutsch wird von der Dudenredaktion in unzähligen Fällen diskriminiert.

Und er konstatiert verdrossen,

dass die Österreicher oftmals die besseren Bayern sind (S. 62).

Persönliche Erklärung:

Huber erzählt grundsätzlich keine Geschichten und zitiert nur seltenst bairische Dichter und Denker (Oskar Maria Graf auf Seite 66f). Es tut nichts zur Sache und beeinflusst meine Wertung nicht, aber ich selber habe lieber eine gestandene lineare Geschichte, also einen ordentlichen Roman, eine Biografie oder eine personalisierte Reportage. Darum ist Hubers Buch per se nicht unbedingt etwas für mich.

Hätte Gerald Huber seine Anmerkungen jedoch als Fußnoten in Lena Christs bairischen Rumplhanni eingeflochten, hätte ich ihn noch interessierter gelesen. Auch Oskar Maria Graf wäre mir recht gewesen, oder notfalls Ludwig Thoma oder Karl Valentin.

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