Buchkritik: Lausbubengeschichten, von Ludwig Thoma (1905) – 5 Sterne – mit Links

Ludwig Thoma (1867 – 1921) schreibt kurze nüchterne Geschichten. Es gibt keine deftigen Schenkelklopfer und kaum deftiges Bairisch, auch kein deutlich bayerisches Ambiente. Ich-Erzähler Ludwig ist immer wieder verwickelt in: Steine durch Fensterscheiben; hinterhältige Beleidigung; Prügelei; Pulverfrosch an Katzenschwanz; Pulver in Modellboot; kaputte Goldfische; Senf an Türschnalle; Farbe auf Lehrerpult; Pech auf Lehrerstuhl; Blindschleichen im Mädchenbett; Brause im Nachttopf. Attackiert werden v.a. Lehrer, Pfarrer und blasierte Verwandte oder Nachbarn, seltener Gleichaltrige.

Kühle Streiche, Pointen und Bekenntnisse:

Thoma erzählt so dezidiert unbeteiligt, dass es nach vier, fünf Geschichten wie eine Leier klingt. Der kühle Ton passt zu den teils bösartigen Aktionen des Erzählers. Die Streiche, Pointen und Bekenntnisse kommen so beiläufig, dass man fast darüber hinwegliest, jedenfalls bestimmt nicht lacht.

Sozialpsychologisch kommt wenig herum, über gesellschaftliche Verhältnisse erfährt man kaum.Die geifernden Lehrer schimpfen den Lausbub-Delinquenten gern gebildet aus:

eine herostratische Tat, die gleich nach dem Brande des Dianatempels kommt

Die Chronologie der einzelnen Geschichten – z.B. ist die Ich-Erzähler-Schwester erst zuhause, dann heiratet sie, zieht aus und bleibt dauerhaft bei ihrem Mann – gerät in meiner Reclam-Ausgabe durcheinander: Die Schwester ist erst zuhause, dann fährt sie frischverheiratet davon, später ist wieder vorehelich zuhause.

Lausbubengeschichten (1905) und Tante Frieda (1907)

Das Buch Tante Frieda (1907) und das Buch Lausbubengeschichten (1905) zeigen denselben Ich-Erzähler „Ludwig Thoma“ als Sohn einer alleinerziehenden Frau. Beide Veröffentlichungen erscheinen heute oft in einem gemeinsamen Band. Doch die meisten Geschichten in den zwei Büchern unterschieden sich deutlich; nur zwei von sechs Geschichten in Tante Frieda gehen in Richtung Lausbubengeschichten à la Band 1. Tante Frieda kann nicht als Teil 2 gelten.

Darum: Der Tante-Frieda-Untertitel „Neue Lausbubengeschichten“ förderte vielleicht den Verkauf, passt aber nicht. Selbst der Haupttitel Tante Frieda ist daneben, weil Tante Frieda nur in einer Geschichte auftritt (und auch einen Kurzauftritt im Vorgängerbuch Lausbubengeschichten hat).

Für beide Bücher gilt aber: Der Ich-Erzähler tönt auffällig fies und gefühlskalt. Womöglich war Ludwig Thoma als Schüler genauso. Denn seine Lehrer schrieben über ihn (Klaus 2016 lt. Wikipedia):

In seinem Charakter liegt etwas Durchtriebenes. Bei Tadel und Strafe zeigt er eine für seine Jahre ungewöhnliche Kälte und hartnäckige, trotzige Unempfindlichkeit.

Freie Assoziation:

  • Knackiger, kürzer, lustiger tönt Ludwig Thoma im Satirereigen Der Münchner im Himmel
  • Der Buchtitel Lausbubengeschichten erinnert an die später erschienenen Lausdirndlgeschichten von Lena Christ; doch Inhalt und Stil unterscheiden sich deutlich, es gibt kaum Verbindungen (Lena Christ hat deutlich mehr Herz, mehr Bajuwarizität und mehr Individualstil; ein paar oberflächliche Parallelen: Wechsel von Land zu Stadt; Brause im Nachttopf)
  • Die Geschichten wurden 1964 verfilmt (Ausschnitt bei YouTube)
  • Ein Junge will seiner armen lieben alleinerziehenden Mutter nur Gutes, wie bei den Emil-Geschichten von Erich Kästner

Wiki Lausbuben

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