Romankritik: Heinrich Grewents Arbeit und Liebe, von Christoph Peters (1996/2007) – 3 Sterne

Der Leser verbringt den Roman im Kopf des verkniffenen, unsympathischen Angestellten Heinrich Grewent. Der grämt sich über seine untergeordnete Position in der Firma und bei der Ehefrau. Grewent muss plötzlich geschäftlich auf Bahnreise, ohne die Gemahlin selbst benachrichtigen zu können. Hier übermannen ihn seine Dämonen.

Schwaden von Geselchtem:

Alles ist sehr aufdringlich und müffig: Die spröde Gemahlin ist natürlich erfolgreiche Kakteenzüchterin (S. 22, sehr symbolisch). Protagonist Grewent arbeitet bei einer Klopapierfirma und entwirft Klopapierhalter (sehr anzüglich). Am Bahnhof erschnuppert Grewent Urinpfützen und Essensabfälle. Er riecht unterwegs (S. 57)

Schwaden von Geselchtem und Hausmacherwürsten, deren Fett in der menschenwarmen Luft schmolz. Schwere Scheiben Leberwurst lagen grau neben mit glasigem Speck durchzogener Blutwurst ((…)) Abgezogene Streifen Darm… zwischen Heinrichs Beinen ragte der bleiche Knochen aus einer angebissenen Haxe. Auf der braunen Schwarte…

Das ist eh schon ein Splatterfilm, und dann hört Grewent auch noch imaginiertes menschliches „Fleisch gegen den Oberleitungsmast klatschen“ (S. 55). Und es geht so weiter:

Unter der Bank griff in einen frischen Kaugummi, er ekelte sich (S. 74) … ein Paar ziegeneuterförmiger Brüste (S. 77) … Das Eisen des Helms, in dem noch der abgetrennte Kopf steckte (S. 79)… Er war ein Schwein (S. 82)

Da ist die Hauptfigur längst abgedriftet in Erinnerungen und Vorstellungen. Schwer verdaulich.

Indirekte Rede, Konjunktiv:

Nach guter deutscher Art verzichtet Christoph Peters (*1966) auf zünftige Dialoge, bringt lieber indirekte Rede und Konjunktiv wie hier (S. 9):

Sobald er einen Teilbereich durchgesehen hätte, würde er aus den bearbeiteten Unterlagen neue Unterlagen herstellen.

Ich weiß gar nicht, ob Peters hier bewusst hässlich textet. Der ganze Satz zieht mir die Schuhe aus, und der „hätte, würde“-Clash rollt mir zusätzlich die Zehennägel auf.

Noch ein Beispiel zur indirekter Rede und Konjunktiv (S. 42):

Ihr gegenüber würde sie freundlich bleiben ((…)) Frau Saibling konnte sagen, was ja im übrigen ((sic)) den Tatsachen entsprach, er habe zu Kronberg gemußt ((…)) das dauere, er könne deshalb leider nicht selber mit ihr reden, rufe aber schnellstmöglich von unterwegs an

Debütroman, aber nicht Erstausgabe:

Ich las den Roman von 1996 in der 2007er-Ausgabe des btb-Verlags, lt. Impressum-Seite „vom Autor neu durchgesehen“. Nach einer anderen Quelle zog Peters die Erstausgabe seines Debütromans im Dreieck-Verlag sogar durch Aufkauf vom Markt (man findet sie aber gebraucht online, ISBN 3930559269).

Man wüsste gern, was Peters in der Neuausgabe geändert hat – jedenfalls nicht das gezierte, überholte „ß“. Zumindest hätte Peters ein paar Mal auf die Eingabetaste hauen können: Die Doppelseiten 50/51 sowie 68/69 und die doppelte Doppelseite 102-105 zeigen je einen einzigen durchgehenden Absatz ohne Verschnaufpause per Absatz. Das ist strafbar. Freilich druckt der Verlag Lettern und Zeilenabstand des Bonsairomänchens so groß, dass auch eine ganze absatzlose Doppelseite schnell vorbeigeht.

Trotzdem konnte ich die zunehmende mentale Entgleisung des Heinrich Grewent nicht zu Ende lesen und überflog die letzten 15 (von netto 135 extrem luftig gedruckten) Seiten nur noch.

Freie Assoziation:

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