Buchkritik: Golo Mann, von Tilmann Lahme (2009) – 7 Sterne

Tilman Lahme packt gewaltiges Quellenmaterial, geschichtliches und literarisches Wissen in seine Biografie – Fakten, Fakten, Fakten. Die Feuilletons waren voll des Lobs. Lahme analysiert und interpretiert auch, zeichnet Diskussionen und Kontroversen ausführlich nach, aber in aller Regel schwafelt und spekuliert er nicht. Binsen wie diese sind die absolute Ausnahme (Seite 307, S. Fischer Hardcover, 2. Aufl. 2009):

Politische Ideen haben meist einen längeren Gärungsprozess hinter sich, bevor sich die Politik ihrer annimmt. Gefährlich ist es für einen vom Wähler Abhängigen, Vorstellungen zu vertreten, die am Beginn ihrer Reifung stehen und in der öffentlichen Debatte noch eine große Mehrheit gegen sich haben.

Öfter dagegen klingen die Sätze verschachtelt und umständlich, ein Doppelbeispiel von Seite 75:

Mann streute kleine Spitzen gegen die sich auf Marx berufende Argumentation in seine Texte ein, etwa wenn er die Frage der Haltung der jungen Sozialdemokraten zum Krieg als eine leichter zu lösende bezeichnete „als die etwas nebulösen von der ‚Materialistischen Geschichtsauffassung‘ und der Diktatur des Proletariats“ (334) oder indem er die ideele Basis des Nationalismus beschrieb, hinzufügend, er sehe sich „nach einer ökonomischen Basis dieser Idee vergebens“ um. Mann ging sogar so weit, seinen Genossen gegenüber Verständnis dafür anklingen zu lassen lassen, dass Hitlers Parole, der Idealismus müsse den Materialismus besiegen, unter den Studenten großen Beifall finde.

Teils sind Zitate nicht einwandfrei einem Schreiber, Empfänger oder Genre zuzuordnen, auch weil der anmoderierende Satz mit Punkt statt Doppelpunkt abschließt oder weil das Zitat gar nicht anmoderiert wird (man muss dann in die endlosen Endnoten blicken).

Insgesamt gleichwohl ein packender Erzählton, dem man gern folgt, wenn er nicht zu tief in Historikerdebatten einsteigt. Denn Ex-FAZ-Mann Lahme erzählt doch überwiegend nicht professoral oder selbstgefällig, sondern engagiert und plastisch: Er schildert beim jungen Golo Mann den „Kältehauch, der vom Vater herüberwehte“ (S. 23), danach „schlugen die Wellen der schulischen Anforderungen über Golo Mann zusammen“ (S. 25) und Lahme ahnt bei seiner mitunter tragikomischen Figur die „Lust, den Wind des Unglücks im Gesicht zu spüren“ (S. 60); im Zwiespalt zwischen den literarischen Genres blickte Mann später „sehnsüchtig auf die saftige Wiese der schönen Literatur hinüber, während er selbst sich verurteilt sah, auf der dürren Weide des historisch-politischen Schreibens zu grasen“ (S. 204). Vielleicht ließ sich Lahme von der vielgerühmten Sprachkunst seines Forschungsobjekts inspirieren.

Bei seinen Behauptungen stützt sich Lahme (*1974) auf zahlreiche Primärquellen, v.a. Tagebücher, Briefe und Akten, darum klingt der Biograf nicht spekulativ (die nur gut 440 Seiten Haupttext belegt Lahme mit 2184 Endnoten, teils drei Quellenangaben pro hochgestellter Ziffer; der gesamte Anhang erstreckt sich über rund 110 Seiten). Im Vergleich zu seinem späteren Buch Die Manns hat Lahme im Golo-Mann-Buch mehr Platz für weniger Hauptfiguren, das nutzt er für genaue Beschreibungen ohne lakonische Atemlosigkeit. Der mitunter abrupte Wechsel zwischen fast blümeranten und sehr trockenen, umständlichen Sätzen geht vielleicht darauf zurück, dass Lahme für dieses Buch seine ursprüngliche Doktorarbeit weit ausbaute.

Der gelerne Germanist, Historiker und Philosoph zeichnet Golo Manns (1909 – 1994) methodische Ansätze etwas zu genau nach. Sehr akribisch dokumentiert er die Auseinandersetzungen zwischen Professoren und Ministerien bei der letztlich gescheiterten Berufung Manns auf einen Lehrstuhl nach Kiel (wo Lahme selbst studierte), später nach Frankfurt, wo auch Adorno, Horkheimer und Landesminister figurieren. Historikerdebatten und Manns Gedanken zur Ostpolitik schildert Lahme ebenfalls detailliert (aber nicht den Historikerstreit 1986/87, in den Mann gegen alle Gewohnheit nicht öffentlich eingriff).

In solchen Abschnitten verlässt der Biograf die strikte Chronologie und zeichnet in einem Unterkapitel eine längere, mehrjährige Diskussion nach; im nächsten Unterkapitel springt er vielleicht ein paar Jahre zurück und setzt mit einem anderen Thema der Zeit neu an. Fast immer wirken diese chronologischen Schlenker organisch und stimmig. Manns unbürgerliches Liebesleben behandelt Lahme sehr diskret. Er zeigt zudem 50 ordentlich gedruckte SW-Bilder auf etwa 36 nicht paginierten Fotodruckseiten. Viele Bilder sind nicht datiert, es gibt nur ein Autograf.

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