Buchkritik: Frau Thomas Mann, von Inge und Walter Jens (2003, Biografie Katia Mann) – 5 Sterne

Ganz glücklich wurde ich nicht mit dieser Biografie von Thomas Manns Ehefrau Katia (1883 – 1980). Die Hauptgründe: gutteils allgemeine Familienbiografie der Manns wie aus anderen Büchern bekannt; teils zuviel Fachwissen voraussetzend; weniger Briefzitate von Katia Mann als etwa in Die Briefe der Manns (hgg. v. Tilmann Lahme u.a.); immer wieder irritierende kurze nicht-chronologische Vorgriffe; einzelne Abweichungen der Fakten von anderen Mann-Biografen. Und beim Stil: teils unübersichtlicher Satzbau; nicht alle Zitate klar einem Sprecher zuzuordnen; insgesamt kein einladender Ton, teils zu feuilletonistisch; sehr regelmäßige unmotivierte Synonymisierung Katia Manns als „Frau Thomas Mann“.

Ein Satzbau-Beispiel von S. 83:

Glaubt man den Erzählungen der Kinder, und nimmt man hinzu, was Golo Mann – zum Teil aus der Perspektive seiner Mutter – berichtet, die, ähnlich wie Hedwig Pringsheim, über die Kindheit ihrer vier Ältesten regelmäßige Aufzeichnungen machte (sie sind leider – obwohl jedenfalls die zwei Jüngeren bei Abfassung ihrer Memoiren noch auf sie zurückgegriffen haben – nicht mehr auffindbar), so fällt es leicht, seinem Diktum zuzustimmen, dass das erste Ehejahrzehnt seiner Mutter vermutlich ihr glücklichstes gewesen sei.

Und ein Satzbau-Beispiel von S. 88:

Hedwig Pringsheim hat nicht ‚dreingeredet‘, sondern, im Gegenteil, ihrer auf ein Leben als Hausfrau nicht vorbereiteten Tochter durch das Gewähren eines Schutzraumes eine Entwicklung ermöglicht, die es Katia Mann gestattete, den Augenblick, da sie ‚flügge‘ wurde, nach ihren eigenen Bedürfnissen und Fähigkeiten zu wählen.

Teils denkt man, dass die einzelnen Kapitel von unterschiedlichen Autoren geschrieben und schlecht verfugt wurden: Manche Kapitel scheinen zuvor eingeführtes Wissen vorauszusetzen, das jedoch nie vorkam (z.B. Gerhart Hauptmanns Ärger über „das Peeperkorn-Portrait“ (S. 141) – was es damit weiter auf sich hat, enthüllt das Philologenpaar nicht; auf S. 161 kommt „Heinerle“ zur Sprache, ohne das Heinrich Mann zuvor oft erwähnt wurde; der Ausdruck „amazing family“ taucht unerklärt auf). Lob auf Katia Manns Tatkraft, Realismus und Selbstlosigkeit erklingt dagegen zu oft.

Auch wenn man zu vieles schon aus Biografien über andere Manns kennt, etwas aus der Mann-Biografie von Klaus Harpprecht, gibt es schöne neue Einblicke, so Katia Manns glänzende Abiturnoten en detail (doch in Deutsch ein „genügend“), ihren Einsatz für Naziflüchtlinge, ihre besondere Freundschaft mit Molly Shenstone aus Princeton, ihre hohe Bildung und ihr Leben als Witwe.

Ein weiteres Highlight der Erfolgs-Biografie ist der amüsante Plauderton der Katia-Mutter Hedwig Pringsheim (1855 – 1942) in vielen zitierten Briefen und Journaleinträgen (die für den Druck nicht korrigierten Rechtschreib-Bizarrerien betonen ihren Charakter liebenswert; so verzichtet Hedwig Pringsheim konsequent auf Dehnungs-h, schreibt von „Sönen“, „wol“ und auf S. 144 „auf der Höhe seines Rums“). Über Hedwig Pringsheim legten die Autoren 2005 ein eigenes Buch nach, auch aus Freude an ihrer Formulierungsgabe.

Bei manchen Familiengeschichten vertrauen die Jens‘ scheinbar den teils wohl erfundenen Schnurren von Monika und Klaus Mann. Wie Katia Mann Thomas Manns Schreiben oder das Denken ihrer feurigen Tochter Erika Mann beeinflusste – darüber nichts. Auch kein Vergleich zu anderen profilierten Großschriftstellergattinnen wie etwa Vera Nabokov. Intimere Aspekte der Ehe übergehen die Autoren; die bekannten Tagebuchstellen Thomas Manns zu Homo- und Autoerotik fehlen nach meiner Erinnerung, ebenso eine Meinung Katia Manns dazu. Das Katia-Mann-Buch von Jüngling und Roßbeck (ebenfalls 2003) kenne ich nicht.

Bemerkenswert: Inge Jens, die auch Tagebücher von Thomas Mann edierte, kennt seit 1959 Katia Mann und deren Sohn Golo Mann persönlich – wenn ich es recht erinnere, erzählt sie in ihren Büchern nichts über diese Begegnungen.

Online finden sich reichlich Profi-Rezensionen zum Buch, freundliche und nüchterne, u.a. eine Rezensionsübersicht im Perlentaucher. Es gibt auch ein langes Interview des Ehepaars Jens zur gemeinsamen Mann-Forschung und zur Arbeitsteilung bei den Büchern über Katia Mann und ihre Mutter Hedwig Pringsheim.

Ausstattung:

Ich hatte dieses Buch in einer rororo-Doppelausgabe mit Inge und Walter Jens‘ Biografie Katias Mutter (2005, über Hedwig Pringsheim, Katia Manns Mutter, 1855 – 1942). Die Paginierung beginnt in der Buchmitte wieder bei 1. In dieser Ausgabe sind beide Werke fast gleich ausgestattet:

Hochgestellte Ziffern an Zitaten gibt es nicht, die Endnoten mit den Quellenhinweisen nennen lediglich Seitenzahlen. Nur der Katia-Mann-Teil hat eine ausführliche, gut zehnseitige Zeittafel; sie umfasst den Zeitraum von Katia Manns Geburt bis Tod, verzeichnet in dieser Phase aber auch das Schicksal von Eltern, Ehemann und Kindern. Der Hedwig-Pringsheim-Teil bringt einen detaillierten Bericht zu den Archivbesuchen. In meiner Ausgabe gibt es keinen Stammbaum.

Der Katia-Mann-Abschnitt bringt 32 Seiten auf Fotodruckpapier mit ordentlich reproduzierten Schwarzweißbildern, viele gut bekannt; der Hedwig-Pringsheim-Teil bringt 24 Seiten Fotodruckpapierseiten, davon einige farbig.

Stilistisch ähneln sich die Bücher deutlich – z.B. in den chronologischen Vorgriffen und im aufdringlich oft wiederholten Lob der hervorstechendsten Charaktermerkmale. Mir fielen kaum deutliche Dubletten auf, außer einigen Pringsheim-Zitaten zu Davoser Sanatorien und zum 1. Weltkrieg.

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