Buchkritik: Erika Mann, von Irmela von der Lühe (2009) – 6 Sterne – mit Links & Medienstimmen

 

Die glänzende Erika Mann bekommt eine blasse Biografie. Literaturprofessorin Irmela von der Lühe schreibt teils professoral, gelegentlich feuilletonistisch maniriert – ohne Angst vor Dativ-e, Wiederholungen und Umständlichem; sie müht sich erkennbar nicht um kompakte, abwechslungsreiche, entschlackte und entschachtelte Sprache und Nutzerfreundlichkeit. Ein Beispielsatz von S. 25 (rororo-TB):

Über das erste Kapitel kam Erika nicht hinaus, aber auch Klaus, der behauptete, auch das Folgende sei ganz einfach „prachtvoll“, konnte der fragenden Schwester den Inhalt nicht recht erzählen.

Selbst kommafreie Sätze verursachen nicht nur Substantivierungsallergikern Hautausschlag (S. 121):

Das Lied und insbesondere diese Strophe wurden in Zürich als Anspielung auf die Affäre um den Kommandanten Wille und als Einmischung der in der Schweiz Gastrecht genießenden ‚Pfeffermühle‘ in innere Schweizer Skandale empfunden.

Von der Lühes Hauptperson formulierte viel anregender. Gelegentlich klingt von der Lühe besserwisserisch (S. 37):

Bekanntlich handelte es sich um eine Premiere, die Theatergeschichte machen sollte ((…))

Ich weiß nicht, was sich da im September 1924 „bekanntlich“ Theatergeschichtliches ereignete. Und die Endnote 6, die von der Lühe ans Satzende hängt, bringt auch keine Aufklärung, sondern nennt nur einen Buchtitel – soll ich den kennen oder sofort beschaffen und lesen?

Mangelnde Servicefreundlichkeit der Professora verdross mich noch weit öfter, so dass ich einmal sogar die Mittagspause deswegen verkürzte. Wenige Beispiele:

  • Thomas Manns Verleger Gottfried Bermann Fischer und sein Verlag waren Erika Mann „schon lange ein Ärgernis“ – aber warum? Dazu gibt’s auf S. 117 nicht mal eine Endnote.
  • Besonderheit: Manns Kabarett gastiert auf dem Monte Verità. Was ist das für ein Platz? Keine Endnote (S. 116).

Befremdlich auch, wie von der Lühe die wenigen gezeigten Fotos fast schon tiefenanalysiert (z.B. S. 12):

Unübersehbar ist der Stolz des Vaters ((…))

Oder S. 43:

((…)) hält sie ein wenig schulbubenhaft weit entfernt von sich im Arm… blickt nicht eben überzeugend zu ihm auf ((…))

Kann die Autorin, die auch nicht dabei war, solche Urteile nicht dem Betrachter überlassen? Ich verstehe einige Fotos ganz anders als sie. Immerhin liefert von der Lühe (*1947) immer wieder längere, eingerückte Zitate, in denen die Hauptfiguren lebendig werden.

Sie interessiert sich bei Erika Mann (1905 – 1969) weit mehr für Literarisches und oft utopische politische Vorstellungen als für das unstete Liebesleben. Was genau Erika Mann als späte Inhouse-Lektorin ihres Vaters mit seinen Texten anstellte, sagt von der Lühe auch nicht (außer dass die Tochter kürzte). Relativ wichtige Nebenfiguren sind der Vater und der Bruder Klaus, Bruno Walter, Pamela Wedekind und Therese Giese. Die anderen Geschwister erscheinen kaum; die Tode von Mutter (nach Erikas Tod) und der überdauernden Geschwister meldet die Biografin nicht. Über Erikas Manns Beziehungen zu ihrem frühen Mann Gustav Gründgens oder zu späteren Bekannten wie Hans Habe, Albrecht Goes oder Hermann Hesse hören wir nichts, auch gibt es kaum Zitate aus ihren Pressereportagen um den zweiten Weltkrieg herum (jedoch aus ihren politischen Entwürfen).

Von der Lühes Haupttext hat etwa 373 Seiten, ihm folgen fast 100 Seiten Anhang mit Bibliografie, Register und Endnoten, jedoch ohne Zeittafel oder Stammbaum. Besonders ärgerte mich die Präsentation der Endnoten auf rund 50 Seiten – nicht die schiere Menge (von der Lühe liefert zu jeder Kleinigkeit einen Nachweis), sondern die Organisation: Die Endnoten liefern überwiegend bibliografische Verweise, aber öfter auch Hintergrundinformationen, bis zu einer halben Seiten lang. So muss man doch jedes Mal nach hinten blättern, wenn man wissen will, ob sich hinter einer Endnote mehr als ein Buchtitel und Seitenzahl verbergen. Solche den Inhalt vertiefenden, nicht-bibliografischen Anmerkungen gehören in den Lauftext oder als Fußnote direkt auf die entsprechende Lauftextseite. Solche Fußnoten auf den Seiten unter dem Lauftext gibt es aber nicht.

Zudem wird die Suche nach einer Endnote zum Verwirrspiel. Ein Beispiel: Auf S. 102 bringt von der Lühe ein Zitat, das vermutlich von Erika oder Klaus Mann stammt – doch sie nennt den Urheber nicht im Lauftext. Man muss also in den Endnoten danach suchen. Die sind nach Kapiteln geordnet. Oben über der Doppelseite des Lauftexts stehen die lebenden Titel Exil in Europa (1933 – 1936) und Immer „indirekt“ und „rein literarisch“. Doch unter diesen Titeln findet man die passenden Endnoten nicht, sie erscheinen hinten unter der übergeordneten Überschrift Kapitel III – Spaß am Spiel – Ernst im Spiel; die wird jedoch nicht über den Lauftextseiten wiederholt. Und natürlich verliert man sich bei der mühsamen Suche nach der passenden Endnote in sieben anderen Endnoten, die man zuvor nicht nachgeschlagen hatte. Verbesserungsvorschläge zu den Endnoten:

  • kleiner setzen, so dass man mehr auf einer Seite findet
  • stärker untergliedern als nur nach den sechs großen Kapiteln und mit Zwischenüberschriften, die mit den lebenden Kolumnentiteln über den Buchseiten korrespondieren
  • lebende Kolumnentitel auch über den Endnoten, z.b. „Endnoten zu Kapitel III Spaß am Spiel – Ernst im Spiel“ oder „Endnoten zu S. 34 – 57“; andere Sachbücher bieten das
  • wie gesagt inhaltlich interessante Endnoten in den Lauftext einflechten oder als Fußnote unter den Lauftext

Nach den Regeln des Genres sollte ich jedoch nicht so viel über den Stil des Buchs räsonnieren, sondern dessen Inhalt mit Kennermiene nacherzählen und mit meinen Erwartungen an das Buch beginnen. Dies wird nachgeholt.

Medienstimmen:

Die Zeit:

Ohnehin befleißigt sie sich einer auffälligen Zurückhaltung, was das Privat- und Seelenleben der Erika Mann betrifft. Kritisch und vorsichtig geht sie mit dem Material um, stützt sich nur auf schriftlich Belegbares, viel davon aus Erika Manns eigener spitzer Feder… mit dieser diskreten Biographie ist – trotz aller wissenschaftlichen Zurückhaltung, die sich die Autorin auferlegt hat – hoffentlich die Neugier geweckt: nicht auf ein weiteres verkanntes Genie der Mann-Sippe, sondern auf eine bissige Kommentatorin und eigensinnigen Frau ((sic)), die in Tausenden von uneditierten Briefen, in ihren Artikeln und Reportagen noch zu entdecken sein wird

Deutschlandfunk Kultur:

Lühes bereits 1993 erschienene sehr ausführliche und faire Biografie liegt in einer um zwei interessante Materialien erweiterten Neuausgabe vor: Neu sind Briefe des Geliebten und Vaterfreundes, des Dirigenten Bruno Walter; und ein bislang unveröffentlichter Text der letzten Lebensgefährtin Erika Manns, Signe von Scanzoni, der in sehr kurzen Auszügen zitiert wird.

Neues Deutschland:

So genau, unterhaltsam und kenntnisreich hier das Leben der Künstlerin und Agitatorin beschrieben wird, so unterbelichtet bleibt die „Privatperson“… ihr Verhältnis zu Freunden, vor allem zu ihren Freundinnen, bleibt merkwürdig unlebendig… entsteht der Eindruck, als habe sich die Biographin „schützend“ vor das Intimleben stellen wollen… Nach dem Scheitern beruflicher Pläne, der privaten Enttäuschung über ihre Liebe zu Bruno Walter und dem Selbstmord ihres Bruders wurde die Familie sogar zum Arbeitsplatz, Ort des Rückzuges vor frustrierenden Nachkriegsrealitäten. Auch bezüglich dieser geradezu klassischen geschlechtsspezifischen Lebensgestaltung (Fremdes verwalten statt am eigenen Werk zu schreiben) hält sich die Biographin mit feministischen Kommentaren vollkommen zurück, als hätte niemand das Recht, ein Urteil darüber abzugeben. Menschlich ist dies nachvollziehbar, wissenschaftlich nicht.

Literaturkritik.de:

Anschaulich und lebendig… dank gründlicher Quellenstudien auch ein Stück Zeit- und Literaturgeschichte… allerdings hat sie sich mitunter von der Fülle des Materials zur Weitschweifigkeit verführen lassen. Ein wenig mehr kritische Distanz zur Familie Mann hätte der Darstellung ebenfalls gut getan

Zur Autorin: Wikipedia Germanistenverzeichnis

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