Buchkritik: Die Briefe der Manns, Ein Familienportrait. Hgg. von Tilmann Lahme u.a. (2016) – 7 Sterne – mit Links

Die einzelnen Figuren schreiben mit sehr unterschiedlichem Tonfall, der über die Jahre fast konstant bleibt und sich schnell wieder erkennen lässt – sehr schön: Da feuert die scharf ironisch wortverliebte Erika Mann Salven ab, es fantasiert wolkig verträumt Monika Mann, wir lesen den lakonisch-ehrlichen Klaus Mann, seinen würdig präzise schreibenden Vater Thomas Mann und dessen liebevoll resolute Frau Katia. Elisabeth, Golo und Michael Mann erscheinen zunächst seltener. Neben den Ideolekten lernen wir auch Familienjargon kennen, so „üsig“ oder „Wintermantel“ für einen langen, wärmenden Privatbrief, Spitznamen für viele Bekannte, dazwischen Englisch, Französisch und Latein. Es verblüfft auch, wie teils verächtlich über Verwandte ersten Grades geredet wird, und es gibt Stichelei und Schnorrerei.

Briefliche Dialoge inszenieren die Herausgeber kaum, man findet wenig klare Antworten auf vorhergegangene Briefe. Jeder der streng chronologisch geordneten Briefe hat ein anderes Personenpaar, meist ein neues Thema. Manchmal verwirrt es sogar: Auf den Brief von Monika Mann an Thomas Mann folgt wirklich überraschend ein Brief von Thomas Mann an Monika Mann – man erwartet die Antwort, doch der zweite Brief ging erst 14 Monate später in die Post, aus ganz neuem Anlass (S. 341ff).

Die letzten etwa 30 oder 40 Briefe auf den letzten etwa 100 Seiten verlieren an Pepp: Zwei der interessanteren Briefschreiber sind tot, Klaus Mann und Thomas Mann. Katia Mann hat scheint’s weniger Kräfte und vielleicht weniger Anlass, ihren längst erwachsenen Kindern lesenswert Mütterliches zu schreiben, und Erika Mann wird selbstgerechter und verteidigt Vater und Mutter zu verbissen, stirbt 1969 vor den meisten anderen Geschwistern. So rücken die etwas selbstgefälligen Elisabeth Mann und Michael Mann stärker in den Vordergrund, als sie verdienen, gelegentlich liest man auch Golo und Monika Mann. Immerhin gibt es hier dann im eingeschränkten Personenkreis doch einmal ein paar briefliche Dialoge – es geht meist um Veröffentlichungsrechte.

Das Buch Die Briefe der Manns ist typografisch usw. schön gestaltet, schön anzusehen und angenehm anzufassen. Die wenigen Fotos, Autografen und Typoskripte kommen auf dem Textdruckpapier leidlich deutlich heraus.

Doch mit der Aufteilung des Stoffs wurde ich nicht glücklich:

  • Erst 199 Briefe (S. 9 – S. 442),
  • danach detaillierte Anmerkungen zu diesen 199 Briefen (S. 447 – 631)

Ohne Anmerkungen versteht man wenig (teils wohl selbst als Germanist und Historiker, da zu den brieflich unerklärt erwähnten Figuren auch Hausdiener und Hunde gehören). So blättert man ständig zwischen Briefen und Anmerkungen zu Briefen hin und her. Zumindest hätte der Verlag zwei oder sogar drei Lesebändchen einbauen sollen, aber es gibt nur eins (ich kenne ein tolles Buch mit drei Lesebändchen in unterschiedlichen Farben).

Noch besser meines Erachtens: Die Briefe nur auf den linken, die Anmerkungen direkt daneben auf den rechten Seiten wiedergeben. Dies bedeutet freilich mehr Buchseiten. Man könnte indes darüber streiten, ob wirklich alle Briefe wie hier ungekürzt erscheinen müssen – das befriedigt einerseits, zum anderen liest man so allerlei ephemeres Kleinklein (die Autoren merken wiederholt an, dass einige abgedruckte Briefe bisher nur gekürzt öffentlich waren).

Hinten im Buch erscheinen hervorragende Aufsätze über die Mann-Briefe mit historischen und familiengeschichtlichen Einordnungen. Alle Punkte belegen die Autoren mit Briefen im Buch. Diese Aufsätze könnten moderierend absatzweise als Zwischenkommentare zwischen die Briefe gestreut werden, das ganze Buch wäre flüssiger.

So etwas Ähnliches gibt es dann freilich schon – Tilmann Lahmes Familienbiografie Die Manns (2015), die sich auch von Brief zu Brief hangelt, aber nur kürzeste Zitate bringt (im Grund gefallen mir die Aufsätze hier in der Briefsammlung besser als das uhrwerkartig heruntererzählte Die Manns).

Die Anmerkungen zu einzelnen Briefen sind teils sehr ausführlich, teils lapidar knapp und nichtssagend – wir erfahren den vollen Namen einer abgekürzt erwähnten, sonst unbekannten Figur ohne weitere Hintergründe. Manche Figur wird auch immer wieder neu ausführlicher erklärt – hätte man die wichtigsten fünzig Begriffe der Mannschen Korrespondenz in ein Glossar packen und im Lauftext durch Sternchen kennzeichnen sollen? Ein paarmal störten mich unklare Beschreibungen in den Anmerkungen (nie in den Briefen selbst) wie hier (S. 591):

Klaus Mann arbeitete an einem Roman mit dem Titel The Last Day, hatte die Arbeit aber für die Kurzgeschichte The Cage unterbrochen, in der er seine Entzugserfahrungen thematisierte. Die Erzählung blieb unvollendet.

„Erzählung“ = ?

Oder (S. 627):

Der Schriftsteller Josef Ponten (1883-1940), der zu Thomas Mann in einer freundschaftlich-neidvollen Beziehung stand, äußerte angeblich nach dem Erscheinen von Thomas Manns gefeiertem Roman Der Zauberberg 1924 wiederholt, sein nächstes Werk werde ein „Zaubergebirge“.

„sein“ = ?

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