Buchkritik: Der schwarze Grat, von Burkhard Spinnen (2003) – 5 Sterne

Das biografieartige Sachbuch hat zwei Hauptfiguren:

  • den mittelständischen schwäbischen Unternehmer Walter Lindenmaier, dessen Leben wir etwas kennen lernen und
  • den Autor Burkhard Burkhard Spinnen (*1956), von dem wir auch weitaus zu viel hören, u.a. diese Einlassungen:

„Um es nicht zu vergessen, schreibe ich als erstes Wort ‚Vater‘ in den Notizblock und mache ein Fragezeichen dahinter“ (S. 17 Schöffling Hardcover).

Ach ja?

„Ich hebe den linken Arm und zeige auf die Uhr. Mittag ist schon vorüber“ (S. 44).

Hungrig?

„Ich stelle den Recorder ab, nehme die kleine Kassette heraus, schreibe ‚L. Nr. 1‘ darauf, lege eine neue Kassette ein und stecke das Gerät in die Jackentasche“ (ebf. S. 44).

Also wirklich.

„Ich habe mittlerweile eiskalte Füße“ (S. 49).

Aber Herr Spinnen.

„Ich kontrolliere den Recorder. Ich habe noch immer kein Vertrauen zu dem Gerät“ (S. 93).

Wie professionell.

„Am besten, ich mache mir gleich ein paar Notizen“ (S. 183).

Ja doch.

Dieser aufreizend selbstverliebte Blick auf ephemerste  Chronistenregungen zieht das Buch herunter. Da hilft auch kein gnädiger Blick auf Nebenfiguren:

„Die Sekretärin Frau Schulz bringt noch einen Kaffee“ (S. 67).

Gewiss, auch V.S. Naipaul, Tom Wolfe oder Paul Theroux schreiben sich selbst in ihre Nonfiction, aber sie haben auch journalistisches Blut und mehr Format.

Nabelschau:

Autor Spinnen blickt nicht nur unentwegt auf sich selbst und überlagert so eitel die Unternehmerfigur; die Dinge müssen auch genau nach seinen Erwartungen verlaufen: „Es soll alles so sein, wie ich es mir zu Hause vorgestellt habe“ (S. 14). – „Ich bin als Schriftsteller mehr fürs Scheitern zuständig“ (S. 13), anderes darf ihm wohl nicht zu Ohr gelangen.

Dazu kommen unglückliche Konstruktionen wie „Fabrikskapitän“ (S. 13, sic) oder „Scheiternsurteil“ (S. 71, sic), Sentenzen wie „Ohne Väter keine Söhne. Und wenn wir schon am Anfang angefangen haben, dann dürfen wir…“ (S. 47) oder „Vor der Geschichte liegt die Vorgeschichte“ (S. 103) sowie Fehler und Trennfehler wie „Sei-lakt“ (S.22), „denen werde ich nicht mehr Herr“ (S. 172, wörtliche Rede) und m.E. auch mehrfach „Consiliere“ (u.a. S. 124).

Wirtschaftskrimi:

Im Mittelteil des Buchs erzählt Spinnen zeitweise weniger von sich, Diktaphon und Kaffeetasse, denn das Buch wird zum veritablen Wirtschaftskrimi, eine frühe Heuschreckenvariante fällt über Lindenmaiers Unternehmen her. Er wird entmachtet, sogar mittellos gemacht und strampelt sich mit kühnen Manövern zurück auf den Chefsessel. Und dann geht der Schlamassel von vorn los.

Das klingt einigermaßen spannend und Spinnen geizt nicht mit Ausrufezeichen. Tiefer in Lindenmaiers Persönlichkeit blicken wir hier jedoch so wenig wie in anderen Buchteilen: Spinnen schreibt immer nur allgemein wohlwollend anerkennend über seine Hauptfigur und bemüht sich nicht um Ausdifferenzierung.

Dabei ist Lindenmaier nicht uninteressant, der gelernte Ingenieur ragte einst auch als Sänger und auf dem Golfplatz heraus. Doch im Buch wird er nie lebendig. Fragt sich Autor Spinnen auf S. 167: „Soll ich Walter Lindenmaier einmal fragen, wie er selbst die Sache sieht?“ Nein, „keine gute Frage“, findet Spinnen: Der Autor will nicht nach „psychologischen Mustern“ forschen (S. 168) und danach das Buch strukturieren. Angst vor Nähe? Er beschränkt sich, sagt Spinnen, auf „Daten, Fakten, Zusammenhänge. Absatz, Umsatz, Gewinn und Verlust. Gedichtet, sage ich mir, wird an einem anderen Schreibtisch.“ Auf Seite 170 erneut: „Keine Psychologie!“

Spinnen will ausdrücklich nicht der „Geschichtenerzähler als Detektiv“ sein (S. 187). Und mit diesem Konzept entzieht Spinnen der Biografie das Leben, schreibt wie für den Wirtschafts- oder Lokalteil. Instruierte Spinnen so auch seine damaligen Leipziger Literaturproduktionsstudenten?

Nicht quellenlastig:

Biograf Spinnen stützt sich offenbar ganz auf die Erzählungen Lindenmaiers und die Daten aus dessen Buchhaltung – kritische Gegenstimmen holt er nicht ein: keine Angestellten, keine Gewerkschafter, keine Angehörigen, keine Konkurrenten, keine internen Opponenten (es gab heftige Kämpfe). Verblüffend: die Fertigung besichtigt Spinnen nur einmal ganz flüchtig, auf Anregung von außen; dabei fällt ihm vor allem eine Anekdote aus der eigenen Kindheit ein. Von Entwicklung und Ingenieurskunst in Lindenmaiers Betrieb ist nie die Rede, von Vertrieb nur gelegentlich.

An einem wichtigen Datum denkt Spinnen allen Ernstes, S. 165:

„Ob ich wohl herausbekommen könnte, wo ich selbst an diesem Tag war, was ich gemacht habe?“

Und als ob’s uns interessierte, liefert der Autor einen Absatz über sein eigenes durchschnittliches Ergehen 17 Jahre zuvor. Nicht überraschend notiert Spinnen auf Seite 200, autobiografische Texte gingen ihm „ziemlich leicht von der Hand“ – aber hier zu Lasten des Themas und des Lesers.

Einmal zitiert Spinnen in französischen Anführungszeichen eine sehr abrupte, ausrufezeichenhaltige Mitteilung der Bank (S. 39). Hat die Bank so geschrieben oder zitiert Spinnen Lindenmaiers Erinnerung an ein Gespräch im Hinterzimmer? Und sind die Namen der teils bösartigen Gegenspieler real oder verändert? Es bleibt unklar, es gibt keine Quellenangaben. Offenbar reicht es dem Autor, wenn wir sein Buch als Fiktion einstufen und nichts hinterfragen.

Spinnen wird mit diesem Buch einer von vielen deutsch schreibenden Autoren, von denen ich nur ein einziges Buch kennen lerne.

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