Buchkritik: Bridget Jones, Am Rande des Wahnsinns, von Helen Fielding (1999, engl. The Edge of Reason) – 6 Sterne – mit Links & Video

In hektischen Tagebuch-Notizen verzeichnet Ich-Erzählerin Bridget Jones ihre Männerjagd in London, Besäufnisse mit Freunden, Demütigungen am Arbeitsplatz und einen kurzen, dramatischen Thailand-Trip. Das ist einigermaßen lustig, wenn auch komplett unrealistisch und mit unrunden Handlungssprüngen: Frauen am Rand des Nervenzusammenbruchs, und das Tagebuch erfährt alles brühwarm. Letztlich agiert und denkt Hauptfigur Jones oft sehr dümmlich, kindlich und kindisch, und das wirkt niedlich und/oder witzig. Ich kenne nur das englische Roman-Original und kann die deutsche Übersetzung durch Marcus Ingendaay nicht beurteilen.

Am Rande des Wahnsinns wurde unter diesem Titel 2004 verfilmt (mit Renée Zellweger, Colin Firth, Hugh Grant); das Drehbuch weicht deutlich vom Roman ab, die Kritiken waren mau. Zuvor gab es 2001 bereits die Verfilmung des ersten Buchs, Bridget Jones, Schokolade zum Frühstück.

Vergleich mit dem Nachfolge-Band Verrückt nach ihm:

In einigen Punkten ähnelt der Roman Am Rande des Wahnsinns deutlich dem Nachfolger Bridget Jones, Verrückt nach ihm (2013, engl. Mad About the Boy): Die Tagebuchstruktur, die Listen, die selbstverspottende und dann wieder selbstmitleidige Single-Tour, die Hektik, die vielen Pannen. Die Tagebuchstruktur ist im späteren Buch jedoch etwas unterhaltsamer, einfallsreicher und stärker ausgeprägt als in Am Rande des Wahnsinns; überhaupt scheint der spätere Band ein wenig besser geschrieben.

Beide Romane wirken ähnlich lustig. In Am Rande des Wahnsinns agiert und denkt Bridget Jones in ihrem Männerwahn noch etwas dämlich-dümmlicher (nicht lustiger) als später in Verrückt nach ihm. Gleichwohl hat Verrückt nach ihm etwas mehr Kitsch.

Inhaltlich gibt es ein paar Unterschiede: In Verrückt nach ihm ist die Hauptfigur alleinerziehende Mutter; Kinder und Kinderbetreuung spielen also erstmals eine wichtige Rolle. In Am Rande des Wahnsinns erscheinen dagegen nur gelegentlich die Kinder der Freundin Magda. Das frühere Buch hat dafür mehr Szenen aus Jones‘ Arbeitsleben und – ungewöhnlich für die Bridget-Jones-Serie – einen Thailandurlaub samt Fast-Katastrophe. Außerdem stürzt sich Bridget in Verrückt nach ihm leidenschaftlich auf Twitter und Online-Dating; dagegen taucht das Internet in Am Rande des Wahnsinns nur selten auf.

Andere Motive finden sich fast unverändert in beiden Romanen, so Bridgets undifferenzierte Vorliebe für die Labour-Partei, ihr Lebenshilfebüchertick oder ihr Freundeskreis mit Tom, Jude und Magda (nur Lästermaul Sharon/Shazzer fehlt im späteren Buch). Auch Bridgets Teilzeit-frivole Mutter und deren Nachbarn erscheinen in beiden Bänden.

Vergleich mit Helen Fieldings Erstlingsroman Cause Celeb:

Helen Fieldings Erstlingsroman Hummer zum Dinner/Cause Celeb erschien noch vor dem ersten Bridget-Jones-Buch – und ist besser als die Bridget-Serie. Auch in Cause Celeb gibt es eine weibliche Ich-Erzählerin, die zu lange über Beinrasur und BHs nachdenkt, mit TV-Produzenten zu tun hat und semi-dubiosen Männern verfällt. Diese Cause-Celeb-Ich-Erzählerin sagt jedoch, während sie auf einen Anruf hofft (Kursivierung wie im Buch):

I wasn’t quite stupid enough to sit at home in the evenings and do psychopath eyes at the phone.

Diese Ich-Erzählerin ist intelligenter und differenzierter als Telefonbeschwörerin Bridget Jones – und Cause Celeb ist intelligenter und differenzierter als die Bridget-Jones-Reihe (wenn auch mit weniger Slapstick).

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