Buchkritik: Begrabt mich aufrecht, von Isabel Fonseca (1995, engl. Bury Me Standing) – 7 Sterne – mit Pressestimmen & Video

Fazit:

Fonseca liefert spannende, persönliche Reportagen von Sinti- und Roma-Begegnungen in Osteuropa – aufschlussreich, sprachlich hervorragend (ich kenne nur das engl. Original), und mit guten Fotos illustriert. Etwa ein Viertel des Buchs widmet Fonseca Geschichte, Geographie und Verfolgung allgemein, jedoch überwiegend nicht wissenschaftlich systematisch, sondern frei fließend.

Lebendig:

Überwiegend bringt Fonseca sehr lebendige, aufschlussreiche Reportagen von ihren Reisen in Osteuropa Anfang der Neunziger mit Familienaufenthalten in Albanien und Begegnungen in Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Slowakei und Polen. Sie schildert ungewöhnliche Lebens- und Denkweisen. Spanien oder Portugal besucht Fonseca gar nicht und Indien – mutmaßliche Ur-Heimat der Zigeuner – beschreibt sie nur mit einem berühmten Naipaul-Zitat zum Thema öffentliches Defäkieren.

Deutschland figuriert bei Fonseca einerseits als Neunziger-Jahre-Traumziel mit Flüchtlingslagern, Bürokratie und Abschiebungen – Schlepper machen’s möglich (ja, schon in den frühen Neunzigern). Fonseca schildert deutsches Gutmenschentum, hilflose Bürokratie und meint zudem „Anti-Gypsyism was especially promising as a potential for catharsis“ – weil Deutsche zwar nicht über Juden, aber durchaus über Zigeuner schimpfen dürfen (S. 229).

Geschichtlich:

In einem langen geschichtlichen Exkurs schildert Fonseca grausame  Zigeunerverfolgung quer durch Westeuropa und auch in deutschsprachigen Fürstentümern, bis hin zu den Konzentrationslager der Deutschen, die viele Seiten erhalten. Alle Europäer seien an der „grandiloquent crusade against the Gypsies“ beteiligt, meint sie, aber das Heilige Römische Reich hätte sich brutal hervorgetan: „Germany has always been in the van“ (S. 240). Einen preußischen Erlass gegen das „Zigeunerunwesen“ übersetzt sie anfechtbar mit „Gypsy uncreature“ (S. 230). Ein polnischer Zigeuner bezeichnet die deutschen Sinti bei ihr als „Faschisten“, weil sie sich nicht am gemeinsamen Holocaust-Gedenken beteiligen (S. 242).

Geschichte, Sprache, Volksgruppen und Sitten beschreibt Fonseca in kürzeren Hintergrundkapiteln; dort geht es auch um die wenig bekannte Versklavung der Zigeuner im 19. Jahrhundert und sehr ausführlich um die Verfolgung durch Nazis. Musik behandelt sie gar nicht, Essen nur anekdotisch. Wann immer Fonseca sich Hintergründe von Gelehrten erzählen lässt, beschreibt sie auch diese Figuren wie Reportage-Objekte.

Sprachlich:

Fonseca schreibt eminent lesbar, halb lyrisch, sehr sinnlich, aber auch mit mildem Spott, so über das erste Aufwachen bei der vielköpfigen Familie Duka in Albanien (S. 23):

The women filed in one by one, inspecting me in bed, where I still lay at seven o’clock, in what locally constituted a lie-in.

Kein Wunder, dass diese sprachverliebte Berichterstatterin auch die vokabelarme und genau darum sehr bildhafte, dazu deftige Romani-Sprache erfreut kommentiert (S. 58):

The highly aspirated, raucously guttural vernacular is unusually expressive, especially when produced by an old, deep, and tobacco-stained voice.

Fonseca berichtet auch von „Gypsy groupies“ und anderen Zigeuner-affinen Menschenrechtlern, Völkerkundlern, Hippies etc. Sie selbt zählt wohl nur bedingt zu diesen Gruppen, denn Dreck und Kot rings um Sinti- und Roma-Siedlungen und illegale Aktionen erwähnt sie immer wieder – genau wie die Pogrome, in denen die Häuser der Zigeuner in Flammen aufgingen. Gegen Ende schreibt sie dann (S. 301):

They were good at everything – more enterprising and energetic, more imaginative and more good-humored, than most people around them – when they got the chance. They were good at everything. Everything except representing themselves.

Fraglich:

Die Journalistin Autorin Isabel Fonseca stammt aus einer großen Künstlerfamilie und ist verheiratet mit Autor Martin Amis. In ihr Buch steigt sie sofort spannend mit dem Einzelportrait einer Sängerin und Dichterin ein, zitiert Liedzeilen und erklärt abrupt auf Seite 4:

Even today, around three-quarters of Gypsy women are illiterate.

Woher Fonseca diese Zahl hat und auf welche Bevölkerungsgruppe sie genau bezogen ist – davon kein Wort. Es gibt keine Fußnoten, nur eine teils kommentierte Bibliographie am Buchende. Immer wieder fragte ich mich nach den Quellen für ihre Verallgemeinerungen, nach Hintergründen, so auch in diesen Fällen:

  • Fonseca berichtet, dass die Roma sehr viel Zucker konsumieren, dass sie sich allenfalls einmal wöchentlich mit den Fingern die Zähne putzen – und dass zumindest in Albanien ihr Gebiss weit besser aussieht als das der benachbarten Nicht-Roma (S. 62). Den Widerspruch erklärt sie nicht.
  • Bei einem unangenehmen Thema redet Jeta Duka von sich in der dritten Person (S. 66). Ob sie das einmalig tat oder immer in bestimmten Situationen, erfahren wir auch nicht.
  • Fonseca bereist Osteuropa Anfang der Neunziger, einer Zeit großer Umbrüche. Auf diesen Umbruch geht sie kaum ein. Sie beschreibt die Tristesse im Frauenkrankenhaus und im Zoo von Tirana, setzt das aber nicht in Bezug zur Zeit.
  • Fonseca redet immer von der Volksgruppe der „Rom“ (heute würden sich alle Gruppen gern als Roma bezeichnen, S. 228); und „Sinti“ sei die deutsche Bezeichnung für deutsche Rom (S. 206). Das deutsche „Sinti & Roma“ sei mithin absurd, weil es Untergruppe und Gesamtmenge zugleich nenne – ich weiß nicht, ob die Zielgruppe in Deutschland diese Zuordnung teilt oder eine klare Unterschiedung zwischen Sinti und Roma bevorzugt.

Ich hatte die englische TB-Ausgabe von Vintage 1996 (also leider ohne das neue Nachwort der 2008er-Ausgabe) und kenne die Eindeutschung nicht. Meine Ausgabe bringt hochatmosphärische Schwarzweißfotos der Gesprächspartner auf normalen Buchdruckpapier, viele der besten von der Autorin selbst, in passabler Druckqualität. Dazu kommen zwei für Taschenbuchverhältnisse gute, einfarbige Landkarten von Osteuropa und von Rumänien.

Assoziationen:

Über die Autorin: Engl. Wikipedia Guardian

Pressestimmen:

Die Zeit:

Isabel Fonseca verbindet aufschlußreiche ethnologische Beobachtungen mit engagierten historischen und aktuell politischen Betrachtungen. Ihr Text ist vielleicht die anregendste, aber auch die in ihren Ergebnissen widersprüchlichste der drei ((in dem Artikel rezensierten)) Studien.

New York Times:

An erudite, beautifully written book… as impressive for intrepid reporting as for analytical scholarship… Without overshadowing her subjects, Ms. Fonseca makes her reporting process integral to this account… this book’s easy intimacy…

Kirkus Review:

A journalist’s vivid study… Bury Me Standing is actually several works in one: socio-anthropological fieldwork, journalism, oral history, and colorful narrative. Although the ordering of its parts is at times chaotic, the study’s diversity is an asset… Fonseca has a knack for linking insight to wit and observation…

Publishers Weekly:

Intriguing and affecting… Her first-person narrative meanders… the raw hatred she records is chilling…

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