Buchkritik: Bangkok People, von James Eckardt (1999) – 5 Sterne

In knapp drei Dutzend Geschichten portraitiert James Eckardt Bangkok-Bewohner, die er bis 1997 für Bangkoks Manager Magazine traf. Im Nachwort schreibt er einige Geschichten noch bis 1999 fort. Die Texte sind jeweils nur drei bis zehn luftig bedruckte Seiten lang.

Eckardt ist mit einer Thailänderin verheiratet und spricht gut Thai. Er formuliert flüssig, sehr gut lesbar, sehr professionell, gelegentlich salopp, der Stil uneinheitlich.

Aber Eckardt geht nicht in die Tiefe: Er beschreibt Handlungen, Lebensläufe, Statistik – doch man lernt die Hauptfiguren nicht wirklich kennen. So erwähnt Eckardt

  • bei Motorradtaxi-Fahrern lediglich das Fahrzeugmodell und den Preis,
  • bei Bahnschaffnern Einkommen und Dienstjahre,
  • bei einem Unternehmer nur das finanzielle Auf und Ab und den Hausbau, aber im Haupttext nicht einmal die Branche (die erscheint erst im Nachwort am Buchende).

Und genauso diffus wie die Textskizzen wirken die ganzseitigen Portraitgrafiken im Buch – man erkennt nicht viel.

In der Menge der Portraits gehen viele einzelne Akteure unter. Die schnelle Abfolge ermüdet – man sollte das Buch nicht in einem Stück lesen. Lieber als genaue Portraits liefert Eckardt immer wieder genaue Zahlen, wie hier:

Two people die every hour in traffic accidents in Thailand. For people aged 15-40, traffic injuries are the number one cause of death. Economic losses are nine billion baht annually.

Weil Eckardt für Leser in Thailand schreibt, setzt er Kenntnisse voraus: Ortsnamen, Gerichte und typische Gewohnheiten erklärt er nicht weiter, auch nicht in einem Glossar. Kritik gibt es grundsätzlich nicht: Die Protagonisten sprechen für sich selbst; Eckardt ergänzt allenfalls Lobendes, bringt generell keine Gegenstimmen.

Eckardt stellt unterschiedlichste Menschen vor – Thais so häufig wie Expats – und meidet anders als Bangkok-Autor Jerry Hopkins überwiegend das Nachtleben und Vulgär-Englisch (mit drei überraschenden Ausnahmen). Ein Spa-Besuch klingt nach Werbung, ebenso der Bericht über eine Probe-Autofahrt für Journalisten.

In einem der interessanteren Artikel portraitiert James Eckardt abwechselnd zwei führende Muay Thai-Boxer, die im letzten Teil gegeneinander antreten. In den weiteren Geschichten treten u.a. auf:

  • eine junge Parlamentskandidatin im Wahlkampf
  • Gogotänzerinnen
  • die Chefin der River-Express-Boote
  • die Gastronomin Sara-Jane; eine Seidenproduzentin
  • eine TV-Produzentin; eine Sängerin
  • ein hoher Militär, der im Süden mit kommunistischen Guerilleros verhandelte
  • Wirtschaftshistoriker und ihre Erkenntnisse
  • Nachtleben-Kolumnist Bernard Trink

Einige Nicht-Thais sind eher zufällig und nur zwischenzeitlich in Bangkok und erzählen dort vom Leben woanders:

  • ein europäischer Clownsdarsteller
  • eine Engländerin, die aus japanischen Herrenclubs berichtet

In anderen Geschichten portraitiert Eckardt typische Berufsgruppen oder Milieus mit nur wenigen Zeilen über einzelne Akteure, etwa

  • Street-Food-Verkäuferinnen
  • Mopedtaxi-Fahrer
  • Slum-Bewohner und Sozialaktivisten
  • Truckfahrer
  • Thailänder, die aus dem Westen in die Heimat zurückziehen,
  • Rettungssanitäter
  • den Markt in der Grenzstadt Aranyaprathet.

Relativ detailliert schreibt Eckardt über vier Star-Architekten und separat über eine Hochhaus-Baustelle samt Kurzgespräch mit dem Kranführer. Seltsam unpassend wirken die Berichte über ein Weinmisch-Seminar und über den Import schwerer Motorräder. Aber Eckardt ist erkennbar von schwerem Gerät und starken Jungs fasziniert, darum berichtet er nicht nur über Triumph-Motorräder in Bangkok, sondern auch über die komplizierte Lichtinstallation in einer Megadisco und über eine gesponsorte Jeepfahrt für Journalisten im Dschungel.


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