Buchkritik: Bangkok Days, von Lawrence Osborne (2009) – 4 Sterne

Das Bangkok-Buch beginnt mit fast vorhersehbaren Themen: Alte weiße Männer in schäbigen Wohnklitschen und Klamotten – „in baggy pants, a crinkled shirt… espadrilles“… „undescribably shabby and old now“… „paunchy and mottled“ (während wir von Autor Lawrence Osborne nur Dandy-Fotos im Anzug kennen); dazu Bars und eine Prostituierte für mehrere Nachbarn. Sie ist eine der ganz wenigen Thais im Buch mit Persönlichkeit. Die anderen Einheimischen haben Kurzauftritte als Kellner, Krankenschwester, Vermieterin oder berechnende Loverin – vor allem aber portraitiert Osborne alte weiße Männer. Einmal fällt der Ausdruck „Thailand as a place of exile“, und das hätte besser als Buchtitel gepasst, mit dem Zusatz „für stillose alte weiße Männer“. Es wundert nicht, dass Osborne über seine Zeit in Istanbul kein eigenes Buch vorlegte.

Osborne, geb. 1958, schreibt elegant-lakonisch gelangweilt, trotz vieler Themenwechsel und Banalitäten driftet das Buch oft gut lesbar dahin. Die zahlreichen kurzen Episoden sind scheinbar chronologisch angeordnet, so dass man den sehr kurzen Band auch als durchgehenden Bericht auffassen kann; freilich redet Osborne nach einem Krankenhausaufenthalt unerklärt von einer ganz anderen Umgebung – irritierend. Tatsächlich mixt er Erlebnisse aus unterschiedlichen Aufenthalten, ohne dies zu sagen.

Manchmal schreibt Osborne seitenlang so Belangloses, dass er sich scheinbar etwas schnöselig über den Leser lustig macht, etwa bei Aufzählung der Läden im Emporium-Center, im Paragon-Einkaufszentrum, in On Nut oder auf der Straße Thong Lor. Gelegentliche Thaiwörter lässt er lässig unübersetzt.

Manchmal will Osborne mit Anstößigem ein bisschen schockieren, so etwa mit den regelmäßigen Besuchen der Prostituierten, etymologischen Betrachtungen zum Wort „cunt“, Phrasen wie „the color of pea soup into which a baby has puked“ und den eingelegten Leichen im Forensischen Museum; stolz schildert er auch, wie er einer einsamen Japanerin Geld stiehlt und dies in ein No-hands-Restaurant trägt. Diese mild pubertären Ausbrüche erinnern an entsprechende Absätze beim Reiseautor Paul Theroux, aber auch an Osbornes eigenes Trinkerbuch The Wet and the Dry.

Ganz wenig alltägliches Thailand, und alles nur ganz flüchtig, so schleppt sich Osborne von einem Kurzthema zum nächsten, u.a. noch

  • Insekten essen
  • „The Eden Club was a „two girl“ club…“ (mehrere Erwähnungen)
  • „ageing Japanese Ladies“ in Bangkok
  • „Nana entertainment complex“
  • ein „British Club“
  • Drogen
  • „Kuching, in Sarawak, is even hotter than Bangkok…“
  • Macau
  • ein Nobel-Spa in Hua Hin
  • Besuch in der Bar eines Body-Massage-Tempels
  • Thai-Aussprache
  • die nach Künstlern benannten Bars in Soi 33
  • das Swissotel Concorde
  • zwei weiße Samariter im armen Viertel Klong Toey, u.a. Medienstar Pater Joe
  • ein selbstsüchtiger spanischer Künstler
  • Kathoeys/Ladyboys
  • Ratchanadaram-Tempel

Dazu kommen ein paar Seiten allgemeines, nicht auf Bangkok angewendetes Lexikonwissen u.a. über Buddhismus, die Moslems im Süden, über den Geisterglauben, über den Gott Brahma in Indien und Thailand, über „the female spirit Mae Nak“, über Phibunsonkram („one of the … most successful dictators“) oder über Memoiren mit fake news: Die angeblich unglaubwürdigen Memoiren Chateaubriands sollen vielleicht darüber hinwegtrösten, dass auch Osbornes Geschichten nicht durchgängig plausibel klingen. Ein paar peinliche Fehler liefert Osborne auch, so heißt W.S. Bristowe einmal A.S. Bristowe, Mae Nak heißt zwischenzeitlich Mae Nang (S. 157) und statt „haa sip ek“ müsste es haa sip et heißen (für die Zahl 51, S. 134 in der UK-TB-Ausgabe von Vintage Books/Random House; „ek“ wäre korrekt auf Hindi) und statt „Mindaloa in the Philippines“ meint er offensichtlich Mindanao. Goodreads-Rezensent Tim listet weitere peinliche Fehler auf.

Weit ausführlicher als jedes andere Thema bespricht Osborne seine Tage im teuren Bumrungrad-Krankenhaus. Hier interessiert ihn vor allem sein Bettnachbar, der Deutsche „Fritzy“, sowie ein paar Luxuskuriositäten einschließlich dem schicken Krankenhausrestaurant; das besuchen die beiden Herren im Schlafanzug mit Tropf am Arm:

We sat at the bar’s end and the waitress asked if we were permitted to drink.

„Absolutely.“

No further questions were asked.

„Two glasses of champagne, Jill.“

Das sind aber auch schon meine Lieblingszeilen, so trocken schreibt Osborne sonst nicht.

Ein paar Themen liegen offen vor ihm, doch Osborne ignoriert sie fast demonstrativ:

  • so geht er angeblich gern ins Lumpini-Boxstadium, das jeder Tourist in Bangkok als Skytrain-Haltestelle und als Gebäude kennt, erzählt aber nichts von den Vorgängen darin
  • immer wieder spaziert Osborne Soi Thonglor entlang und bemerkt die vielen Hochzeitsboutiquen; er erzählt aber nichts von den Hochzeitsbräuchen vor Ort

Merke: Extra was recherchieren für uns wird der Herr Osborne nicht, Bangkok ist schließlich auch so schon heiß genug.

Wann er wie lange in Bangkok lebte, verschweigt Lawrence Osborne. Wir erfahren undatiert von der Eröffnung des Skytrains (2000), vom Tsunami 2004, von Anti-Thaksin-Demonstrationen (welche?) und über „the end of the year 2006“. Auf Worldhum erzählt Osborne, dass er 2005/2006 in Bkk lebte und dort das Buch schrieb.

Von Osborne gibt es weitere Reise- und Reise-Trinkbücher sowie Romane, die u.a. in Marokko, Kambodscha und Griechenland spielen.

Assoziationen: Bangkok-Bücher von

 

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