Buchkritik: Arztroman, von Kristof Magnusson (2014) – 7 Sterne – mit Video

Auweia, vorher nicht gewusst: Der Roman stammt von einem Leipzigabsolventen, er zeigt also volle Leipzigsymptomatik: Schauplatz Berlin; hippes oder semihippes Berlinpersonal; wenig oder blasse Dialoge funkenfrei; blasses Personal und blasses Deutsch, in dem die Erzählstimme Sprödheiten sekretiert wie „Einrichtungsgegenstände“, „Kaffeevollautomat“, „nicht unnormale“, „High-End-Nippes“, „geradezu durchgeknallt beliebt“ oder „die ins Umland fahrenden Regionalexpresse“; unschöne Hilfsverb-Cluster (allein auf S. 63 oben 3x „war“ in drei aufeinanderfolgenden Zeilen, 2x „hatte“ in zwei aufeinanderfolgenden Zeilen; auf S. 208 2x „weil“ in einem 36-Wörter-Satz). (Dass nichtleipzigtrainierte Deutsche kraftvoller schreiben und erfinden, beweisen u.a. Dörte Hansen und Wolfgang Herrndorf.)

Die blasse Sprache gleicht Magnusson gelegentlich durch flotte Ironie und viele schöne Details aus. Magnusson schreibt zwar nicht ansprechend lebendig, aber auch nicht drög verallgemeinernd, unübersichtlich rückblendend oder sonstwie sperrig. Er liefert auch keine peinlich autofiktionalen Ergüsse, sondern gute Recherche und eine fesselnde, dabei meist nicht völlig unwahrscheinliche Handlung.

Notfalleinsatz, Beziehungsgeschehen, da capo:

Das Ergebnis liest sich fast zu leicht. Das Buch schnurrt flüssig durch: Notfalleinsatz, Beziehungsgeschehen, Notfalleinsatz, Beziehungsgeschehen, Intermezzo Segeltörn, Notfalleinsatz, Beziehungsgeschehen, Notfalleinsatz, Beziehungsgeschehen, Intermezzo Elternbesuch, da capo. Doch so informativ Magnusson die Einsätze der Notfallärztin Anita Cornelius beschreibt, Medizinisches und Medizinaler gleichermaßen interessant schildert und per „Sozialanamnese“ (S. 141) interessante Einblicke in fremde Leben und Wohnungen liefert:

Diese eigentlich spannenden Notfallreportagen klingen wie billige Einschübe, denn der Autor vernetzt die Arzt-Action nicht mit der inneren Handlung der Hauptfiguren; jeder Patient taucht nur einmal auf und kommt nicht wieder, beeinflusst nicht die Haupthandlung. Man könnte die Einsätze beliebig tauschen oder komplett weglassen, ohne dass sich das Schicksal der Hauptfiguren ändert. Laut Nachwort beriet sich der Autor mit vier Ärzten (vier Männer). Er besuchte auch Krankenhausstationen und begleitete Einsätze als „Praktikant“ (Quelle).

Wann kommt Magnussons Virologenroman?

Dass Hauptfigur Anita Cornelius am besten mit einem schwulen Kumpel quatschen kann, dem angehenden Organisatorischen Leiter im Rettungsdienst Maik, erinnert etwas an billige Romane und Romkoms wie Bridget Jones oder Die Hochzeit meines besten Freundes,  womöglich sogar an einen original „Arztroman“ (wohl nicht unzufällig erscheint die TB-Ausgabe des Romans im Goldmann-Verlag). Wunderlich auch, dass der personale Erzähler mehrfach Vergleiche mit Computergrafik zieht, obwohl seine Hauptfigur damit nichts zu tun hat (u.a. „als habe der Himmel versucht, eine neue Grafik zu laden“, S. 195).

Notfallärztin Dr. Anita Cornelius:

Anita Cornelius ist zwar so unscheinbar wie das Deutsch des Erzählers, doch sie hat einen aufregenden Beruf, den Magnus Kristoffson reportageartig beschreibt – bei Notfallgeschehen und Krankenhausinteraktionen lernt man Körperfunktionen und Gesundheitswesen unkompliziert kennen. Zudem beobachtet die Ärztin ihren Exmann bei Wunderlichem, das aufgeklärt gehört. So entwickelt der Roman bald Spannung.

Anita Cornelius amnesiert auch bei jedem Gang ins Café die Passanten („recht ausgeprägte Varikose, Krampfadern, rechts betont“, S. 31). Zerstörte Autos und bunte Schutzkittel erinnern sie an Kunstprojekte (S. 23). Sie registriert leider auch jedes Tattoo.

Trotz meiner Skepsis, wenn männliche Autoren eine Frau ins Zentrum stellen (das missbilligt sicher auch die Genderpolizei), interessierte mich auch das Beziehungsleben der Hauptfigur. Cornelius‘ Verunsicherung und mühsame Selbstbeherrschung nach der Trennung vom Vater ihres 14jährigen Sohns arbeitet Kristof Magnusson unaufdringlich und beiläufig heraus. Cornelius‘ Gespräch mit ihren Eltern voller Untertöne ist für mich das Highlight des Romans.

Trotzdem wundert mich, dass die Ärztin ihren Exmann und seine neue Familie zu einem Ausflug einlädt, bei dem auch ihr Neuer dabei ist. So will sie allgemein gute Stimmung herstellen. Dann wunderte mich noch mehr, dass sie trotz dieses Friedensplans beim Ausflug harte Angriffe gegen die Neue fährt.

Zudem erstaunt mich, dass eine Ärztin ja!-Marmeladenkekse, „Discounter-H-Milch“ und McDonald’s-Ware konsumiert und wieder mit dem Rauchen anfängt – aber jeder hat wohl seine Nichtlinearitäten. (Der erste Notfallpatient im Roman ist ein Kettenraucher mit Lungenproblem, aber auch diese Episode verflicht Magnusson nicht dem Rauchverhalten der Ärztin, die ihre Zigaretten fast vor ihrem Sohn verstecken will.)

Glühwein fürs Gemüt:

Gegen Schluss kredenzt Kristof Magnusson spannenden Lug und Betrug – und der endet mit einer faustdicken Überraschung. Ein toller Schluss. Eigentlich:

Denn dem Plot-Knalleffekt folgt noch der überflüssige Epilog mit einem kitschigen Weihnachtsfest: ein paar ach so nette Außenseiter an einem unfestlichen Ort mit improvisierten Mitteln. Das erinnert wieder an Bridget Jones und ihre schrägen Pichelfreunde. Da fällt einem auch wieder ein, dass nicht einer der vielen dramatischen Notfalleinsätze im Buch tragisch endet. Alles wird gut. Zuckersüßer Glühwein für die Seele.

Freie Assoziation:

  • Das war ich nicht von Kristof Magnusson ist deutlich schlechter, sein Mann der Kunst auch.
  • Auseinandersetzung auf dem Segelboot, da denkt der deutsche Bildungsbürger natürlich an
  • Eine sehr blasse, teils rätselhafte Ärztin oder Biologin in einer Beziehungskrise gibt es hier in Kristof Magnussons Arztroman (2014), aber auch in Jan Christophersens Ein anständiger Mensch (2019, ebf. Leipzigabsolvent) und in Gerwin van der Werfs Der Anhalter (2020). Alle diese Bücher zeigen relativ blasse, relativ moderne, gebildete Menschen ohne viel Persönlichkeit
  • Episodenhaft aufgereihte und nicht perfekt eingebundene Einblicke in eine Arbeitswelt, die selten literarisiert wird, liefern Kristof Magnussons Arztroman wie auch Petra Morsbachs Justizpalast. Die Titel deuten die Branche schon an – und vielleicht auch, dass die Autoren das Milieu überbetonen


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