Buch: Indien südwärts: Von Kalkutta zum Kap Komorin. Reisereportagen, von Rüdiger Siebert – 2 Sterne

Von diesem Buch habe ich nur wenige Seiten gelesen, angelesen. Ob es zu einer Wiederaufnahme kommt, ist ungewiss.

Die Kapitelanfänge haben mich nicht ins Buch gezogen. Sie haben mir vielmehr den Einstieg so erschwert, dass ich es nicht mehr darüber hinweg schaffte.

Zuerst die Erwartung, dann die Fakten:

In den geprüften Fällen schildert Reise- und Medienveteran Rüdiger Siebert stets zu Beginn seine klischierten Gedanken und Erwartungen über Sätze und Absätze hinweg. Dann erst erfahren wir, wie – anders – es tatsächlich vor Ort war.

In eine „Reisereportage“ gehören aber keine unbegründeten Klischees des Reporters – es sei denn, vielleicht, er heißt Hunter S. Thompson oder Tom Wolfe, aber das ist hier gewiss nicht der Fall.

Darum stört mich die Schreibe:

Zwei Beispiele, wie Siebert seine Erwartungen voranstellt: Im Unterkapitel „Banken und weitere Seltsamkeiten“ will Siebert offenbar Amüsantes aus einer indischen Bank berichten. Sicher gibt es viele gute Anekdoten, um in den Abschnitt einzusteigen. Wie steigt Siebert auf Seite 155 in den Abschnitt ein? Mit Phantasien über eine phantasierte Bank in Nordrhein-Westfalen:

„Man stelle sich vor: Eine Hotelhalle in Köln am Rhein geschmückt mit einer farbenfrohen Tapete voller Tropenmotive indischen Ursprungs. Taj Mahal schwebt in strahlendem Weiß über der Rezeption. Arjuna und Krishna preschen auf dem von Pferden gezogenen Streitwagen dahin. Heilige Kühe dösen im Verkehr. Ein flötender Schlangenbeschwörer läßt (sic) eine aufgerichtete Kobra tanzen. Menschenmassen zusammengepfercht in Slums von Kalkutta. …“

Was erfahren wir bis hier – 435 Anschläge, 59 Wörter – über die Bank in Indien? Nichts. Nur Klischeevorstellungen des Autors lernen wir kennen.

Das Unterkapitel „Ashokas Botschaft in runzliger Felsenhaut“ beginnt auf Seite 50 ebenfalls nicht mit Tatsachen, Dialogen, notfalls mit der Anfahrt zum Denkmal, sondern mit beliebigen, unbedeutenden Erwartungen des Verfassers:

„Ich bin enttäuscht. Einen mächtigen Felsen hatte ich mir vorgestellt, hoch aufragend und mit weithin sichtbaren Schriftzeichen bedeckt. Ich hatte erwartet, aufblicken zu müssen nach allmählicher Annäherung.“

Ich bin auch enttäuscht. Wen interessiert denn sowas? Schon die ersten Sätze – „Man stelle sich vor“ und „Ich bin enttäuscht“ – zeigen den falschen Schreibansatz Sieberts.

Siebert schreibt über Siebert, nicht über Indien:

Und es gibt weitere Beispiele dafür, dass Siebert lieber über sich als über Indien schreibt. Da wirkt das „Weekenders“-Buch über Kalkutta – obwohl englisch, obwohl teils durchwachsen – weit lesbarer. Noch besser sind Bücher von William Dalrymple, wenn auch ebenfalls auf Englisch.

„Indien südwärts“ liefert Reisereportagen oder Siebertsche Gedanken entlang der indischen Ostküste von Kalkutta bis Tamil Nadu und zeigt zahlreiche flaue Schwarzweißfotos. Diese „deutsche Originalausgabe“ von 2005 hält feßt am „ß“ in Wörtern wie „läßt“ oder „daß“. Das kann Leser, die auf korrekte Schulschreibweise achten wollen oder müssen, irritieren.

Noch lästiger: „Indien südwärts“ ist gespickt mit Namen von Orten, Flüssen, Tempeln, Gottheiten. Doch ein Stichwortverzeichnis fehlt.


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