Rezension Länder-Bericht: Eine islamische Reise: Unter den Gläubigen, von V.S. Naipaul (1981, engl. Among the Believers: An Islamic Journey, sein 1. Islam-Buch) – 8 Sterne

1979 reist V.S. Naipaul durch vier muslimische Länder, die nicht direkt an Saudi-Arabien grenzen und den Islam erst mit Verzögerung und eventuell unter Zwang annahmen: Iran, Pakistan, Malaysia und Indonesien. In jedem Land spricht Naipaul mit Klerikern, Zeitungsmachern, Lehrern, Macht- und Privatmenschen über ihren Glauben und dessen Auswirkungen auf den Alltag.

Diskussionen und viele Reisen:

Zu jedem Land schreibt Naipaul (1932 – 2018) rund 80 bis 120 Seiten. Zum großen Teil schildert er seine Gespräche. Deutlich weniger Platz belegen historische Abschnitte und reine Reiseschilderungen – das Wetter, schwierige Straßen, unpünktliche Taxifahrer und immer wieder verstörender Schmutz bis hin zu Nasebohren.

Die Reiseumstände beschreibt Naipaul meist lesenswert, bis auf die ausgedehnte Schilderungen seines zweiten Teheran-Besuchs (der Flug, die Passkontrolle, das Hotel); nur auf diesen etwa elf Seiten klingt Naipaul teils weitschweifig, als ob er ganz am Ende des Buchs noch einmal Seiten schinden oder sich nicht von der Schreibarbeit lösen wollte. So obsolet schrieb Naipaul erst drei Jahrzehnte später wieder, in seinem durchgehend schwachen Buch Afrikanisches Maskenspiel (engl. The Masque of Africa).

Die Diskussionen vor Ort schildert Naipaul eminent lesbar. Er bringt viel wörtliche Rede, erklärt aber auch die Umgebung, die Atmosphäre, Untertöne, die Hitze, Ortswechsel. So wirkt jedes Gespräch wie eine kleine Reise. Mitunter versteht Naipaul etwas nicht oder zieht sich lustlos zurück, auch das sagt er offen.

Er verallgemeinert nicht:

Mal sucht sich Naipaul Geistliche, Dichter oder Rechtsgelehrte, aber er spricht auch länger mit Dorflehrern und sogar mit einer Berufsgruppe, die kein anderer Reisejournalist zitieren sollte: seinen Taxifahrern. Nach welchen Kriterien Naipaul Gesprächspartner auswählt, bleibt unklar. Er zeichnet kein allgemeines Bild, keine Glaubenslehre, und strebt das auch nicht an. Er sagt selbst gegen Ende:

„The six-month (sic) journey I had done had been a series of gambles; what had come my way had come my way.“

Oder, wie Patrick French in seiner Naipaul-Biografie über dieses Buch befindet:

„Vidia’s interest was less in Islam than in Muslims.“

Mitunter spekuliert Naipaul allerdings zeilenlang über soziale Stellung, Motive und Vergangenheit einzelner Gesprächspartner, ohne konkrete Anhaltspunkte für seine Vermutungen zu nennen.

Iran, Pakistan, Malaysia, Indonesien:

Naipaul begann seine Reise im Spätsommer 1979. In Iran war Khomenei schon an der Macht, aber die US-Botschaft war noch nicht besetzt, der Irak hatte noch nicht angegriffen.

Im Dezember 1979 beendet Naipaul den Aufenthalt im letzten Land seiner Reise, Indonesien, und kehrt noch einmal kurz nach Pakistan und in den Iran zurück. Diese zweiten Besuche erhalten wenige Seiten im letzten Teil von Eine islamische Reise: Unter den Gläubigen (ich habe das englische Original gelesen, Among Believers – An Islamic Journey und kann die deutsche Übersetzung nicht beurteilen).

1996 wiederholte Naipaul diese islamische Reise und veröffentlichte 1998 ein zweites Buch, Jenseits des Glaubens: Eine Reise in den anderen Islam (engl. Beyond Belief). Hier trifft Naipaul seine Kontakte aus dem ersten Buch teils erneut.

Lese-Empfehlung zu Naipauls zwei islamischen Büchern:

Die Verbindungen zwischen den zwei Berichten zum selben Land in den zwei verschiedenen Büchern sind deutlich stärker und interessanter als die Verbindungen zwischen den verschiedenen Ländern innerhalb eines Buches.

Ich würde die beiden gleichermaßen empfehlenswerten Bände darum so lesen:

  • Erst den Iran-Teil aus dem ersten Band, dann den Iran-Abschnitt aus dem Nachwort des ersten Bandes, dann den Iran-Teil aus dem zweiten Band, der 16 Jahre später recherchiert wurde;
  • danach: den ersten Pakistan-Bericht aus dem älteren Buch, die Pakistan-Seiten im Nachwort des älteren Buchs, anschließend den zweiten Pakistan-Bericht aus dem späteren Buch;
  • nach diesem Schema auch Malaysia und Indonesien (die beide nicht mehr im Nachwort des ersten Buchs erscheinen).

Wer nur eins der zwei islamischen Bücher lesen will, sollte vielleicht das neuere nehmen: Es ist nicht nur aktueller, es ist vielleicht auch geringfügig besser geschrieben.

Subtiler Stil mit einzelnen Mängeln:

Der Stil von Among Believers erinnert deutlich an Naipauls späteres Islambuch, aber auch an seine Indien-Berichte wie in India: A Million Mutinies Now. Dazu gehört auch, dass Naipaul gelegentlich seine eigene Position erwähnt – in einer Hindu-Familie auf Trinidad aufgewachsen -, aber solche Verweise erscheinen nur selten.

Bei Naipauls kühl feinem Stil fallen vereinzelte Mängel allerdings deutlicher auf: verrutschte Grammatik, nicht einwandfrei erkennbare Bezüge, überflüssige Wiederholung, sogar ein Tippfehler. Mitunter will Naipaul offenbar das schlicht-falsche Englisch seiner örtlichen Gesprächspartner wiedergeben, doch ausnahmsweise überzeugen diese Stimmen nicht; Pidgin-Englisch hatte Naipaul in seinen frühen Trinidad-Romanen noch meisterlich beherrscht.

Schmutz und Todesurteile:

Nur sehr selten gibt Naipaul zu erkennen, dass ihm etwas missfällt. Unhygienische Zustände jedoch irritieren den Bramahnen-Sohn immer wieder, und nur ein einziges Mal schildert er sie so freundlich wie bei diesem Aufseher in einer schlichten pakistanischen Nervenanstalt:

„… A fat and friendly little man sat amid a companionable swarm of flies on the tiled floor“ …. „This man… rose… the flies swarmed up a few inches, then settled down again“ … „The guardian… returned to his beans and his flies, which swarmed up six inches to greet him and settled down again“

In beiden islamischen Büchern interessiert sich Naipaul für Todesurteile, Hinrichtungen und geplante Morde. In Pakistan und im Iran findet er viel Material für diese morbide Faszination. Dass in Indonesien 1965 zu Gamelan-Klängen gemordet wurde, erwähnt er zweimal. Er zitiert einen Koran-Vers, der angeblich die Ermordung Ungläubiger vorschreibt.

Treffende Kommentare:

Meist unauffällig offenbart Naipaul große Belesenheit in Sachen Islam, asiatischer Geschichte. Er fasst meine eigenen Eindrücke der besuchten Länder oft exzellent zusammen.

Er bringt auch die Dinge auf den Punkt: Ich war mehrfach im Iran und habe viel dort diskutiert, darüber gelesen und rezensiert; doch mit ein, zwei beiläufigen Bemerkungen erklärt Naipaul Zusammenhänge, die mir bis dahin nicht klar waren. Und über Teheran zitiert er einen Satz, der passt wie die Faust aufs Auge:

„You might think we are in a developed country.“

Mit dem iranischen Straßenverkehr hat Naipaul die gleichen Probleme wie ich: Ein kräftiger junger Mann muss ihm über die Straßen helfen, sonst kommt er nicht weiter.

Die Reiseumstände:

Wie Patrick French in seiner exzellenten Naipaul-Biografie schreibt, nahm V.S. Naipaul seine argentinische Geliebte Margaret Murray Gooding 1979 mit nach Iran, Pakistan und Malaysia, wo er sie dann wegschickte. In Jakarta stieß anschließend seine Frau Patricia zu ihm. Sie verbrachten etwas Zeit in Indien, bevor Naipaul zu letzten Recherchen noch einmal allein nach Pakistan und Iran flog.

Jeden Abend notierte er seine Erinnerungen an den Tag. Die Frauen erscheinen nicht in den Büchern – der Bericht klingt, als sei Naipaul generell allein gereist.

French berichtet auch, dass Naipaul – nach einem Wechsel seines Agenten – die Rechte an dem Buch bereits vorab für einen guten Vorschuss verkauft hatte. Allerdings musste er das Exposee siebenmal ändern, bevor es genehmigt wurde. Vielleicht begründet sich in einer Längenvorgabe des Verlags die verblüffende Weitschweifigkeit im Nachwort.

Die Niederschrift dauerte zehn Monate mit vielen Korrekturen, auch mit Hilfe seiner Frau. Laut French umfasst das Buch fast 200.000 Wörter.

Gute Kritiken:

Kritiker lobten Among Believers als gut beobachtet und betonten, dass Naipaul nicht den Anspruch erhebe, den Islam allgemein zu erklären. Laut French erhielt Naipaul viele Briefe von Männern, die im Buch portraitiert wurden – sie betonten seine genaue Erinnerung und stimmige Darstellung.

Interessante Rezensionen:

  • „As always, in Naipaul’s writing, there are passages that soar… Ever the gifted novelist, Naipaul tells the story best when he lets some of his characters open up and reveal themselves“ (New York Times)
  • „the delicate mockery that flavors his writing also reminds a reader that the view is affected by the eye of the beholder“ (Christian Science Monitor)
  • „a triumph of style over substance… There is no analysis of the countries‘ varied histories, cultures or socioeconomic circumstances… eloquent, if oversimple“ (Foreign Affairs)
  • „he is the tireless interrogator; the collector of persons, their life-stories, their outlooks – without the scorn he has directed toward his own in the past“ (Kirkus)
  • „nie auch kommt er einem vordergründigen Informationsbedürfnis des Lesers entgegen, sondern dieser muß sich, wie der Autor, selber einen Reim auf vieles ihm ungereimt Erscheinende machen… Naipaul urteilt nicht, noch verurteilt er. Er hört zu, läßt sich belehren“ (FAZ)
  • 3,84 von 5 Sternen bei Goodreads (1189 Bewertungen, 87 Rezensionen, Stand 4. September 2014)

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