Buch: Briefe zwischen Vater und Sohn, von V.S. Naipaul – 6 Sterne

V.S. Naipaul ist soeben zum Studieren nach England gegangen, das Buch zeigt den Briefwechsel zwischen ihm und seinem indisch-stämmigen Vater auf Trinidad.

Eins wird klar nach der Lektüre:

So ein armseliger Tropf wie der Buch-Mr.-Biswas ist dessen lebendes Vorbild, V.S. Naipauls Vater Seepersad Naipaul, bei weitem nicht. Naipaul senior arbeitet bei einer Zeitung als Journalist und Umbruchredakteur, schreibt auch Kurzgeschichten und einen Roman und ermuntert den Sohn per Brief unermüdlich, an eigener Belletristik zu feilen.

Der Vater schickt dem Sohn gelegentlich fünf Pfund und eigene Belletristik an den englischen Studienort. Wenn ihm sonst nichts einfalle, rät Vater Naipaul, könne der Jüngere ja einen Roman über den Vater schreiben – was V.S. dann im famosen „Haus für Mr. Biswas“ auch tut.

Andere Themen aus dem Briefwechsel klingen nur zu vertraut, wenn man „Ein Haus für Mr. Biswas“ gelesen hat:

Ewige Geldsorgen, defekte Schreibmaschinen, defekte Autos, Arbeit bei der Tageszeitung, Zigaretten, Ärger über Verwandte und über die ganze Insel Trinidad. V.S. und seine ältere Schwester Kamla, die hier ebenfalls zahlreiche Briefe schreibt und erhält, wollen beide nicht mehr auf Trinidad leben.

Und V.S. Naipaul lästert über ein angeblich dreckiges Indien lange vor seiner ersten Indienreise, der sein erstes Indien-Buch samt Lästerei über indischen Dreck folgte. Weil sich viel Banales wiederholt, hätte eine gekürzte Ausgabe wohl gereicht.

Intimer Einblick:

Zu Beginn hatte ich fast ein schlechtes Gewissen, die Familie hier bei ihren Geldnöten, Verdauungnöten, leeren Versprechen und Privatdingen zu belauschen (über Literatur und Schreibtechnik gibt es wenig, über Schreibmarketing etwas mehr, der Stil ist generell unspektakulär).

Besonders unangenehm gerät der Tonfall des zunächst 17-, 18jährigen V.S. Naipaul. Der schickt aus Oxford enorm selbstgefällige, dann wieder weinerliche und uneinfühlsame Briefe an Vater und Schwester (die Mutter kommt nur ganz am Rand vor, ebenso wie die V.S. Naipauls angehende Ehefrau). Erstaunlich, dass diese versnobt-blasierte, besserwisserische Person später den lässig lakonisch-komischen „Mr. Biswas“ herausbrachte.

Stets muss V.S. sich loben, mit Geldausgaben oder Damenbekanntschaften kokettieren oder vielsagend eine Seelenkrise beseufzen. Eine Seite lang malt er aus, wie schön eine Rückkehr nach Trinidad wäre – doch seine Familie, die den Brief ja immerhin empfängt und die ihn vermisst, kommt als Rückkehrgrund nicht vor.

Genauso einfühlsam: seiner Mutter, die zehn Geschwister und sieben Kinder hat, lässt er ausrichten, dass die Schwester Satti höchstens drei Kinder haben soll. Naipauls Brief zum Tod des Vaters 1953 zeigt vor allem Selbstmitleid.

  • V.S. Naipauls vier frühe Trinidad-Romane sind alle amüsant, teils autobiografisch und sehr empfehlenswert – eine Übersicht samt weniger bekannten Alternativen

Der Vater gibt dem Sohn viel Freiheit:

Seepersad Naipault drängt den Junior meist nicht zum schnellen Geldverdienen, trotz finanzieller Not. Dann wieder soll V.S. Vaters Manuskripte abtippen und weiterreichen, möglichst Geld schicken. Und er soll nicht so schnell heiraten, denn, mahnt der Vater: eine weiße Ehefrau würde auf Trinidad nicht anerkannt, und ein verheirateter V.S würde seine Familie auf Trinidad nicht mehr unterstützen.

Im Briefwechsel erscheinen reihenweise Nachbarn, Verwandte und hinduistische Ausdrücke. Sehr knappe Erklärungen dazu liefert der Anhang, so dass man hinten ein zweites Lesezeichen braucht.

Allerdings wird jeder Name und Begriff nur beim ersten Vorkommen behandelt; taucht der Ausdruck 200 Seiten später erneut auf, lässt sich die Erklärung nicht ohne weiteres wiederfinden. Ausnahmen sind nur die engsten Verwandten, die vorn in einem Stammbaum erscheinen; allerdings muss man genau hinsehen, bis man dort nicht nur den amtlichen Namen findet, sondern auch den Umgangsnamen aus den Briefen.

Zudem fehlt eine Publikationsliste Naipauls zumindest für die 50er und 60er Jahre: Er redet wiederholt von seiner Arbeit an Romanen, aber man weiß nicht immer, um welche es geht. Gern hätte man auch das Faksimile einer Briefseite gesehen, die Lettern oft halbkaputter Schreibmaschinen mit den handschriftlichen Nachträgen.

Die deutsche Übersetzung wirkt ausgesprochen gut und lebhaft. Einmal regt sich Naipaul über eine „Zimtzicke im Bildungsministerium“ auf, das klingt markant und echt. Gut kennen lernt man keinen der Hauptschreiber; ich verstehe überhaupt nicht, warum die viel gelobte Naipaul-Biographie von Patrick French nicht auf Deutsch erscheint.

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