Bollywood-Schwank: English Babu, Desi Mem – Der Junge aus England und das indische Mädchen (1996, mit Shah Rukh Khan; mit 3 Songs) – 6 Sterne

Abstrus unglaubwürdige Handlung. Drastisch überziehende Schauspieler. Billige Ausstattung. Brutale Prügelszenen –

– und doch: ich habe mich über 2 Stunden und 40 Minuten gut unterhalten. Ja, es lag zum Teil an der wohl unfreiwilligen Komik oder an der Ungewissheit: Meinen die das jetzt ernst oder veräppeln die sich selbst? Das trauen die sich? Die Musik hat Schmiss und guten alten Hindi-Swing. Beide Kinderdarsteller machen Spaß – vor allem das achtjährige Mädchen – und Sonali Bendre tanzt sehenswert.

Diese Handlung ist ein Witz:

So albern: Superstar Shah Rukh Khan als schnauzbärtiger Hippie Hari verlässt London (London visualisiert auch durch ein Bild vom Kölner Dom mit Deutzer Brücke). Sein Winzflieger propellert (non stop?) fast bis nach Indien, zu sehen in einem schlechten Flugzeugfilm, der vielleicht von einem Fernseher abgefilmt wurde.

Vor den Gestaden Hindustans überlebt Hari den Absturz ins Meer, heiratet seine hübsche Retterin, überlebt später eine Brandkatastrophe und stirbt noch später doch aus reinem Mitgefühl, weil auch seine Frau im Sterben liegt.

Dann erneut Shah Rukh Khan, nun als Haris Bruder Vikram: dieser ölige Schnösel wird weltweit als Geschäftsmann gefeiert. Verkloppt dann aber auch Bombays halbe Unterwelt. Die beim Dreh 21jährige Sonali Bendre tanzt nachts in einer verruchten Kneipe als angeblich 16jährige, umgarnt von den hässlichsten Mannsbildern Indiens, tags bemuttert sie den kleinen Neffen, natürlich alles gar tugendsam. Noch Fragen?

Nach dem Drehbuch muss man den Film also nicht beurteilen. Es ist kunterbunte Masala. Die Kameraarbeit bleibt unauffällig.

Was soll man dazu sagen?

Von den Tänzen ist nicht viel zu sagen, außer dass Sonali Bendre in jeder Hinsicht bella figura macht und das erste Stück eine schön choreografierte Diwali-Party zeigt. Ein Vergleich: Duplicate, ein anderer „früher Shah Ruk Khan“, entstand fast zur selben Zeit mit vermutlich höherem Budget; dort gibt es viel mehr Augenschmaus.

Oder muss man den Film doch nach dem Drehbuch beurteilen? Viel passiert, Langeweile bleibt aus, einige Szenen rührten mich sogar ernsthaft. Und wenn schon die Kamera keinen großen Eindruck macht, die Schauspieler schaffen das, vor allem die liebenswerten, cleveren und sehr unternehmungslustigen Kinder; sie spielen, ausdrucksvoll, doch nicht „niedlich“ und weniger überzogen als manche Erwachsenen (meine Lieblingsbollywoodkinder nach Taare Zameen Par – Ein Stern auf Erden).

Shah Ruk Khan und Sonali Bendre wirken weniger präsent als in anderen Kinofilmen, enttäuschen aber nicht direkt. Obwohl die Geschichte alle Möglichkeiten bietet, tischt „English Babu Desi Mem“ keinen groben Indienpatriotismus auf.

Zur DVD:

Ich hatte den Drei-DVD-Pack von KSM. Deutsche Synchronisation und Bildqualität bieten unteres Mittelmaß. Zwischendurch versuchte ich vergeblich, per Fernbedienung von Deutsch auf Hindi-Ton umzuschalten: es wird angeboten, startet aber nicht. Erst später merkte ich, dass man dafür noch einmal das DVD-Menü aufrufen muss. Die DVD enthält reihenweise Trailer für andere ältere Shah-Rukh-Khan-Filme, darunter Mein Herz schlägt indisch.

Der Original-Filmtitel „English Babu Desi Mem“ ist gut formuliert und passt zum globalisierten Inhalt der Geschichte. Mich würde interessieren, wie viele Sprachen und Sprachspuren in diesen Worten stecken. Der deutsche Titel „Der Junge aus England und das indische Mädchen“ klingt nicht nur schlecht, er trifft auch daneben.

Hier orientierten sich die indischen Filmer:

„English Babu Desi Mem“ wiederholt die meisten Motive aus „Es begann in Neapel“ von 1960. Dort trifft Clark Gable als hüftsteifer amerikanischer Rechtsanwalt auf eine Menge lebenslustiger Italiener, unter ihnen die temperamentvolle Sophia Loren. Sie degradiert Gable schwungvoll zum Stichwortgeber, während in „English Babu“ der männliche Akteur das Hauptaugenmerk bekommt.

Es gibt viele deutliche Parallelen zwischen den zwei Filmen, so das Pendeln mit Booten (hier zwischen Neapel und Capri), den öligen Rechtsanwalt als Mittelsmann, ja sogar den Namen des Jungen: In „English Babu“ heißt er „Nandu“; die Hollywood-Autoren nannten ihn „Nando“, abgeleitet von „Fernando“. Allerdings: Obwohl mir Bollywood und Shah Rukh Khan meist lieber sind als Hollywood und Clark Gable, würde ich eher „…Neapel“ als „English Babu…“ ein zweites Mal ansehen – wegen der zauberhaften Hauptdarstellerin und Capri-Kulissen.

Egal: Hirn aus, Player an – dann verspricht „English Babu Desi Mem“ gute Unterhaltung. Wie bewertet man einen Film, der auch dank seiner Schwächen gut bei Laune hält?


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