Bollywood-Klamotte: Guddu (1995, mit Shah Rukh Khan, Manisha Koirala; mit 3 Videos) – 2 Sterne

Bollywood-Liebestragödie von 1995. Shah Rukh Khan liebt Manisha Koirala, doch dann prasseln Tragödien en masse auf das junge Paar herunter.

Eigentlich ist das gar nicht uninteressant konstruiert:

Permanent entstehen neue, existentielle, praktisch unlösbare Konflikte, in denen zum Beispiel Shah Rukh Khan gar nicht anders kann als entweder seine Angebetete, seine Mutter oder seinen Vater zu verprellen. Auch Vater und Mutter stehen hier in bitterem Kampf, oder Vater und Schwager, oder Anbetender und Schwiegereltern in spe, oder Religion und Unglaube. Das Ende bietet zumindest eine Überraschung.

Nur: „Guddu“ ist wirklich enorm konstruiert und müht sich nicht im geringsten um Glaubwürdigkeit. Khan, bei den Dreharbeiten 29, gibt einen noch minderjährigen Michael-Jackson-Fan. Die Plotmaschine knirscht in allen Gelenken, generell passiert zufällig das, was die Dramatik schnell nochmal hochpeitscht.

Die Dialoge klingen hölzern, passend dazu spielen die Akteure wahlweise steif, übertrieben (Shah Rukh Khan teils, sein pathetischer Filmvater Mukesh Khanna immer) oder als ob sie den Text kurzfristig vergessen hätten. Nur Khans Filmmutter Deepti Naval sammelt ein paar Sympathiepunkte. Kleidung und Ambiente sind öd (nicht etwa herrlich trashig oder pseudo-cool).

Solche Vorwürfe gelten teils auch für andere Bollywoodfilme. Allerdings:

„Guddu“ kommt ohne viel Humor und gänzlich frei von Selbstironie daher. So drücken die Mängel von Drehbuch und Spiel den Gesamteindruck noch tiefer.

Zudem entwickelt der Streifen eine schwer erträgliche religiöse Note. Andere Shah-Rukh-Khan-Filme aus den Neunzigern wirken auch billig, unterhalten aber *weitaus* besser, etwa Duplicate – Doppelgänger, English Babu Desi Mem – Der Junge aus England und das indische Mädchen oder Baadshah – Der König der Liebe, undvor allem natürlich Zamaana Deewana – Die Liebenden und das großartige Dilwale Dulhania Le Jayenge – Wer zuerst kommt, kriegt die Braut.

Die Musik klingt langweilig und blechern. Der Hindi-Ton scheint per Telefonleitung direkt aus dem Bombay der 90er zu kommen.

Shah Rukh Khan intoniert Reinhard Mey:

Der deutsche Ton klingt besser und liefert zudem humorvolle Momente: So singt Khan einmal ein ironisches Loblied auf Indien, das er gerade auch wegen „Shah Rukh Khan“ so liebe. Wenn ich den krächzenden Hinditon richtig deute, preist sich Shah Rukh Khan im Original nicht selbst. An anderer Stelle in der deutschen Tonspur trällert Khan wörtlich „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“ – Khan singt also Reinhard Mey aus Vorfreude übers Gleitschirmfliegen im indischen Himalaya.

Das Bild meiner KSM-DVD ist teils verregnet. Zwischen Hindi- und deutschem Ton kann man nicht per Optionen-Taste auf der Fernbedienung umschalten, sondern muss übers DVD-Menü gehen. Das sind einige Klicks mehr, außerdem scheppert die Musikuntermalung des DVD-Menüs in jede Unterbrechung.

Schade. Khan und Koirala gefallen eigentlich, aber Regie und Buch ruinieren das Gesamtergebnis, verschwenden zwei tolle Darsteller. Drei Jahre später spielten Khan und Koirala gemeinsam in Dil Se – Von ganzem Herzen – was für ein Riesenunterschied.

Ich muss schon sagen:

„Guddu“ ist so schwer erträglich wie U, Me Aur Hum – Für immer wir. „Guddu“-Regisseur und -Komponist spielten später keine bleibende Rolle in Bollywood. Ihr Film scheint von einer talentfreien Schüler-AG voll hehrer Intentionen gedreht.

Karl Kraus hätte mit Ludwig Fulda gesagt: „Kunst“ kommt von „Können“. Käme es von „Wollen“, hieße es „Wulst“.



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