Rezension Bollywood-Filmbuch: Sholay, The Making of a Classic, von Anupama Chopra (2000) – 7 Sterne

Was für ein Aufwand, was für ein Drama beim Filmen des Dramas, des absoluten Bollywood-Klassikers Sholay:

  • Mehrere Hauptdarsteller wollen die Hauptdarstellerin heiraten – im richtigen Leben;
  • betrunkene Hauptdarsteller schießen mit scharfer Munition knapp neben andere Hauptdarsteller (keine Eherivalen);
  • Beamte müssen geschmiert werden; danach müssen die Antikorruptionsbeamten geschmiert werden; die Zensurbehörde stellt sich quer (und kann offenbar nicht geschmiert werden);
  • die gelernten Bollywood-Pferde reagieren professionell auf „Cut“- und „Action“-Rufe, aber vor Ort angeheuerte Gäule werfen die Schauspieler immer wieder aus dem Sattel;
  • Teenager-Erpresser wollen das Filmdorf abbrennen, landen im Gefängnis und kurz darauf auf der Mitarbeiterliste.

Spannende Geschichten:

Die Geschichten rund um die Entstehung des klassischen Bollywood-Curry-Westerns Sholay (1975, mit Amitabh Bachchan, Hema Malini, Dharmendra) sind genauso spannend wie der Film selbst, und Autorin Anupama Chopra liefert genussvoll Anekdoten und Hintergründe.

Von ihren Büchern über den Film Dilwale Dulhania Le Jayenge und über Shah Rukh Khan wusste ich, dass Anupama Chopra angenehm lesbar flüssig schreibt und den Leser unterhalten will. Dabei verwendet sie ein leicht konsumierbares Englisch. Das gilt auch für Chopras Kinokritiken, die zahlreich online zu finden sind, ebenso wie für ihre Bollywood-Hintergrundberichte für die New York Times und andere Medien.

Auch im Sholay-Buch bemüht sich Chopra um fast roman-artige, anlockende Kapiteleinstiege wie etwa „It was a cool January night in 1973. Amitabh Bachchan had a fever…“, wohlklingende Schlussätze runden die Kapitel ab. Die Handlung wird mit vielen skurrilen Details ausgeschmückt, etwa die Lippenstiftfarbe der Wahrsagerin der Ehefrau des Bösewichtdarstellers Amjad Khan.

Plus und Minus beim Schreibstil:

Anders als im DDLJ-Buch gibt es kaum lange interpretierende Abschnitte, und so fehlt auch jede Erklärung, warum ein so brutaler Film der Klassiker aller Klassiker werden konnte. Der Film wird auch nicht nacherzählt, sondern als selbstverständlich bekannt vorausgesetzt. Wie immer schreibt Chopra zwar nicht ehrfürchtig, aber doch eher wohlwollend und keinesfalls kritisch. Dieses Sholay-Filmbuch wurde ohnehin von den Produzenten aus der Sippy-Familie selbst angestoßen.

Sholay ist Chopras Buch-Erstling, und das in Englisch geschriebene, schmale Bändchen schwächelt im Vergleich zu ihren späteren Monographien. So gibt es einiges nicht übersetzte Hindi. Unter anderem besteht jede Kapitelüberschrift aus einem Hindi-Filmzitat ohne Erklärung. Auch der Lauftext enthält nicht übertragene Hindi-Sätze und -Begriffe und Chopra verpasst die Gelegenheit, das in Sholay wichtige Wort „Thakur“ kurz zu erläutern.

Mit lakhs und crores:

Summen werden auf Hindi-Art angegeben – „a lakh and a half“ ist also 150.000, „Rs 21 lakh“ sind 2,1 Millionen, „35 crores“ sind 350 Millionen. Weiß ja jeder. Andererseits reproduziert Chopra manche Dialoge sowohl in Hindi wie auch in Englisch – da hätte Englisch allein gereicht. Die untere Hälfte von Seite 29 zeigt den Namen Dharmendra in drei verschiedenen Schreibweisen. Die meisten Bildunterschriften erscheinen in einfachen Anführungszeichen, obwohl es nur beschreibende Sätze der Autorin und keine Zitate sind.

Meine Taschenbuch-Ausgabe von Penguin-India hat zahlreiche blasse Schwarzweißfotos und acht blasse Farbseiten. Die meisten Fotos zeigen Filmszenen oder posierende Stars. Atmosphärische ungestellte Schnappschüsse gibt es kaum.

In ihrem 2011er-Buch First Day First Show: Writings from the Bollywood Trenches geht Anupama Chopra ebenfalls auf Sholay und auf DDLJ ein – zwei Filme, über die sie bereits einzelne Bücher schrieb. Ich weiß aber nicht, wie ausführlich die neue Ausgabe die Filme widmet und ob Chopra größere Teile direkt übernommen hat.

Fazit:

Wer sich das Spektakel einer Bollywoodproduktion in den 70er Jahren unterhaltsam erzählen lassen möchte, sollte zu Chopras Buch greifen. Es lohnt sich sogar, extra für dieses informativ unterhaltende Buch den Film Sholay zu sehen, auch wenn man das gar nicht vorhatte. Sholay verstört zwar mit reichlich Gewalt und hat in Deutschland „FSK 16“. Doch Anupama Chopra tröstet, dass die ursprüngliche Schnittfassung noch viel mehr Blut zeigte.

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