Rezension Bollywood-Filmbuch: Dilwale Dulhania Le Jayenge (The Brave-Hearted Will Take the Bride), von Anupama Chopra (2002) – 7 Sterne

Das Bändchen über den Bollywood-Erfolgsfilm „Dilwale Dulhania Le Jayenge“ (1995) ist in sehr flüssigem, leicht lesbarem Englisch geschrieben, ich musste nur selten das Wörterbuch bemühen. Lästig nur, dass man für die 78 Anmerkungen immer nach hinten blättern muss – mal sind es nur Literaturhinweise, die ein Normalleser nicht braucht, dann wieder sehr interessante Randaspakte, die man nicht verpassen möchte.

Es geht nicht nur um den Film selbst:

Die Filmjournalistin Anupama Chopra, die für führende Medien in Indien und USA schreibt und moderiert, richtet sich hier ausdrücklich auch an Bollywood-Neulinge im Westen. So schildert sie den traurigen Stand des indischen Kinos Anfang der Neunziger vor dem Meilenstein-Film „Dilwale Dulhania Le Jayenge“ (Farbfernsehen, Satelliten-TV und Videorekorder hatten die Kinolandschaft verödet), sie erklärt die Tradition und Situation des Filmhauses Yash Rash (einige Flops waren zu verkraften), erinnert an Indiens Öffnung zur Welt Anfang der 90er und blickt kurz auf die Filmkarriere der Hauptdarsteller Shah Rukh Khan, Kajol et. al., allerdings nicht auf ihre private Situation.

Ausführlicher portraitiert die Autorin den Regisseur und Filmautor Aditya Chopra, seine frühe Kinobesessenheit, seine Buchführung über sämtliche gesehenen Filme, seine privaten Hitprognosen. Warum allerdings das DDLJ-Team mit seinem eher verkniffenen, menschenscheuen Regisseur so einen hinreißend unbekümmerten Wohlfühlfilm schaffen konnte, der sogar noch mit seinen Mängeln bezaubert, das erklärt auch Chopra nicht nachvollziehbar; wir erfahren nur, dass sich die Hauptdarsteller Shah Rukh Khan und Kajol auch privat so gut verstanden, dass ihr Gekicher die Dreharbeiten bremste.

Zum Aufbau des Buchs:

Das Buch bietet zahlreiche kleine oder mittelgroße, schlecht reproduzierte Schwarzweiß- und Farbbilder, die zumeist Original-Filmszenen und nur selten das Drumherum der Dreharbeiten oder Nicht-Schauspieler zeigen. Auch wenn man die ausführliche, interessante Bonus-DVD zu DDLJ kennt, ist die DDLJ-Fibel noch interessant: Auf der Bonus-DVD dominieren Shah Rukh Khan und Kajol; im Buch erfährt man mehr über die eigentlichen Macher Aditya Chopra, Karan Johar und Yash Chopra.

Allerdings nimmt das Making-of nur rund die ersten 50 Buchseiten ein. Im zweiten Teil erzählt Chopra den Film analysierend nach. Dabei unterstreicht sie die konservative, patriarchalische Botschaft von DDLJ.

Einige, aber nicht alle indischen Bräuche aus DDLJ, wie etwa das Fasten, werden knapp erläutert. Die Autorin zieht Paralleln zu zahlreichen anderen Hindi-Filmen; sie blickt jedoch nie auf die Gestaltung, sondern nur auf die Handlung – speziell auf die Frage, ob junge Leute bei der Ehepartnerwahl ihren Eltern gehorchen. Ob die erwähnten Filme sehenswert oder sehr bekannt sind, erfährt man meist nicht.

Ist die Autorin vorbelastet?

Wie sehr Anupama Chopra Bollywoodfilme und speziell den Darsteller Shah Rukh Khan mag, das betonte sie in mehreren Interviews zu ihren verschiedenen Bollywood-Büchern. Doch „Dilwale Dulhania Le Jayenge“ ist kein Fan-Projekt: Die Autorin berichtet sachlich und meist ohne Wertung; es gibt keine Anhimmelei und keinen Klatsch.

Eindeutige Kritik fehlt allerdings ebenso, vermutlich möchte sie es sich mit „ihren Stars“ nicht verderben; vielleicht hält sich Chopra auch zurück, weil sie mit halb Bollywood verwandt oder verschwägert ist (jedoch offenbar nicht oder nur entfernt mit der Chopra-Familie, die „Dilwale Dulhania Le Jayenge“ produziert hat).

Vermutlich musste Anupama Chopra bei Länge und Struktur ihres Buchs Vorgaben der „Modern Classics“-Reihe des British Film Institute einhalten. Von mir aus könnte sie noch deutlich mehr über die Dreharbeiten, die Vorbereitungen und die Hauptakteure berichten. Die analysierende Nacherzählung bringt nicht viel Neues, es sei denn, man interessiert sich für Hindi-Film-Parallen zu weiteren Jugendlichen, die ihren Eltern bei der Heiratsfrage widersprechen.

An den Verlag:

Bei meiner Ausgabe fehlt die Zeile „The Making of a Blockbuster“ auf dem Titel, dort steht nur der Filmtitel selbst. Wohl darum werden Buch und Film im Internet öfter durcheinandergeworfen, nicht nur bei Kundenrezensionen, sondern sogar bei redaktionellen Texten.

Und auf der Rückseite möchte man nicht nur erfahren, dass Anupama Chopra eine bekannte Filmkritikerin ist. Man vermisst eine Zeile, ob und wie sie mit den maßgeblichen DDLJ-Machern Aditya und Yash Chopra verwandt oder verschwägert ist. In Interviews betont die Autorin jedoch, dass sie nicht über Filme Ihres Mannes Vidhu Vinod Chopra schreibt; dann wird sie wohl auch nicht mit den Chopras der Yash-Raj-Filmstudios verbandelt sein.

Mit seinen nur gut 90 Seiten und dem flüssigen Schreibstil braucht man für das Buch „Dilwale Dulhania Le Jayenge“ kaum länger als für den Film.


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