Rezension Bollywood-Film: Taare Zameen Par – Ein Stern auf Erden (2007, mit Aamir Khan; mit Trailer & Songs) – 8 Sterne

Fazit:

Wundervoller, geruhsamer Film um einen sympathischen, verträumten, eigenwilligen Neunjährigen mit rockig-bluesiger Musik und ein paar reizvollen, unaufdringlichen Spezialeffekten. Üblicher Bollywood-Kitsch erst ganz am Ende.

Stärken:

Dem bezaubernden Jungen Darsheel Safary könnte ich stundenlang bei seinen Träumereien und Streifzügen zusehen. Ohne betont „süß“ zu sein, rührt er ans Gemüt – da sicherte sich sogar Disney die Videorechte für Nordamerika.

Die Filmfamilie wirkt sehr realistisch. Die bekannte TV-Serien-Darstellerin Tisca Chopra gibt hier eine moderne, nachvollziehbar besorgte und letztlich ratlose Erziehungsberechtigte ohne die Klischees und Unterordnung typischer Hindi-Filmmütter wie Kerr, Badhuri/Bachchan oder Jalal.

Vipin Sharma zeigt den hart arbeitenden, fordernden, von Ehrgeiz und teils Wut zerfressenen Vater, er blickt seinen Sohn indes ein oder zweimal allzu dämonisch an. Insgesamt könnte ich dem Jungen und seiner Familie auch einen ganzen Film lang zusehen. Den Wechsel ins Internat, zu Aamir Khan und letztlich in bekannte Bollywood-Fahrwasser bräuchte ich nicht.

Kameramann Satyajit Pande zeigt sehr gefällige Bilder – auch sehr überraschende aus der Perspektive eines verträumten Kindes -, ohne aufdringlich beeindrucken zu wollen. Schönes Kino.

Die Spezialeffekte sind ausnahmsweise sinnvoll, nicht schrill und überflüssig. Sie illustrieren hier sehr schön die „tanzenden Buchstaben“ vor den Augen eines Kindes mit Lese-Rechtschreib-Schwäche und seine Fantasien als Raumschiffkapitän.

Teils erscheinen die Effekte noch einen Tick zu glatt und wie Fremdkörper, aber insgesamt wirken sie sachdienlich und fantasievoll integriert. Interessant: In sämtlichen Werbe-Ausschnitten fürs indische Fernsehen und für die Kinos sieht man die Special Effects nicht.

Die Musik von Shankar-Ehsaan-Loy klingt oft modern, rockig-bluesig mit einer rauhen, einsamen Stimme; sie animiert nicht zum Mittanzen, setzt sich aber im Kopf fest und erinnert wirklich gelegentlich an Gesangsnummern von Pink Floyd. Die Stimme beim traurigen „Maa“ war nur eine Probeaufnahme des Komponisten, als Beispiel für den externen Sänger, wurde dann jedoch auch für den endgültigen Film beibehalten; dieses etwas Rauhe, Livige steht der Musik sehr gut.

Die Bonus-DVD ist hochinteressant (ich hatte die in Indien verkaufte DVD-Box mit zwei DVDs, Audio-CD und zusätzlichen Heften, ohne deutsche Synchronisation). In den Interviews und Hintergrundszenen gibt sich Hauptdarsteller Darsheel Safary höchst extrovertiert, selbstbewusst und tanzfreudig, er wurde ja auch in einer Tanzgruppe entdeckt. Um so enttäuschter war er, als er in der einzigen Tanznummer des Films nicht mittanzen durfte, sondern traurig die Schulbank drücken musste.

Aamir Khan erzählt sehr wortreich, aber teils auch selbstkritisch in gut verständlichem Englisch und kommentiert auch die herausgelöschten Szenen; sie wurden teils mit Blick auf die Gesamtlänge des Films wieder gestrichen und sind tatsächlich verzichtbar, dennoch finde ich auch diese Schnipsel sehr atmosphärisch und hätte sie gern im fertigen Werk gesehen.

Wir erfahren, dass Khan häufiger gegen den Rat seines Teams oder des Testpublikums entschied. Ein witziges Detail: In der Szene, in der Aamir Khan Ishaans Eltern über Dyslexie aufklärt, kullerte ihm beim Dreh eine echte Träne übers Gesicht; sie wurde am Computer entfernt. Man lernt auch die Lehrer der wirklichen Schulen kennen, in denen TZP entstand. Toll, wie gut die Grundschüler dort Englisch sprechen.

Schwächen:

Manche Darsteller spielen etwas überzogen oder sogar karikaturenhaft. Dazu gehören die gouvernantenhafte, verbissene Englischlehrerin im ersten Teil ebenso wie später mehrere Internatspauker (Aamir Khan sagte, er erinnere sich an seine eigenen Lehrer auch nur als Karikaturen). Bemerkenswert jedoch: Der Bruder der Hauptfigur sammelt lauter Bestnoten in der Schule, wird aber nicht als unsympathischer Streber gezeigt.

Aamir Khan wirkt wie immer unsympathisch, angespannt und angestrengt konzentriert (15 Jahre vor Taare Zameen Par spielte er im Bollywood-Oldie Hum Hain Rahi Pyar Ke ebenfalls zu verkopft mit Kindern). Dazu kommt in diesem Film Khans alberne Gockeltolle (auch wenn man dann diverse Internatsschüler beim Abschlussfest passend dazu aufzubrezeln kann). Allerdings: Khans Regieleistung, seine Mit-Auswahl des Hauptdarstellers und seine Zurückhaltung als zweiter Hauptdarsteller bewundere ich.

Es gibt keine Liebesgeschichte, keinen Chefschurken, und das Ende ist sehr vorhersehbar. Das werten manche als Schwäche, mich stört es nicht. Gerade die Ereignislosigkeit und das Dahintreiben im ersten Teil haben mir sehr gefallen.

Der Film ist gelegentlich etwas wohlmeinend und belehrend, vor allem in Aamir-Khan-Szenen. Die Verstimmung hielt sich jedoch bei mir in Grenzen.

Parallelen:

Teils erinnert „Taare Zameen Par“ an einen anderen Film aus demselben Jahr, an Chak De! India – Ein unschlagbares Team. Beide Streifen zeigen leicht exzentrische Außenseiter, dargestellt von No-Names, mit nur einem bekannten Hauptdarsteller, der sich zurücknimmt. In „Chak de! India“ ist es ein extrem verhaltener Shah Rukh Khan, der eine hoffnungslose junge Damenhockeymannschaft für die Weltmeisterschaft trainiert.

Beide Filme bilden ein sehr modernes, nicht glamoursöses Indien ab, setzen auf rockige, moderne Musik und „Chak de! India“ verzichtet noch deutlicher als „Taare Zameen Par“ auf Tanznummern, Saris und Tradition. Beide Filme kommen auch ohne Liebesgeschichten und große Schurkenrollen aus. TZP wie „Chak de“ sind überdies beide sehr sehenswert.

Noch ein weiterer Film fiel mir im Zusammenhang mit „Taare Zameen Par“ ein: U, Me Aur Hum – Für immer wir ist – wie TZP – das Werk eines seit langem bekannten Schauspielers, der erstmals auch produziert und Regie führt. Im Vergleich mit „U, Me Aur Hum“ gewinnt Aamir Khan noch zusätzlichen Glanz:

„U, Me Aur Hum“-Hauptdarsteller-Produzent-Regisseur ist der Actionschauspieler Ajay Devgan, der sich in seinem Film permanent selbst von seiner vermeintlichen Sahneseite zeigen lässt und den Streifen mit hektischen Schnitten und Effekten ruiniert. Wer „U, Me Aur Hum“ kennt, schätzt Aamir Khans Zurückhaltung in TZP noch mehr – dort tritt er in der ersten Stunde gar nicht in Erscheinung und auf der Darstellerliste erscheint er nach dem Grundschüler.

Detail am Rand:

Amol Gupte, der die Geschichte zusammen mit seiner Frau Deepa Bhatia entwickelte und 5000 Schüler als Hauptdarsteller testete, führte in den ersten Tagen Regie; erst dann übernahm Aamir Khan – laut Khan beschädigte Gupte beim Dreh sein eigenes Buch, und so wurde Gupte kaltgestellt und mit dem Titel „creative director“ abgespeist.

Khan erklärte den Verzicht auf einen anderen externen Regisseur: Bis der verpflichtet und eingearbeitet sei, sei Hauptdarsteller Darsheel Safary aus der Rolle herausgewachsen – und auf Darsheel wollte Khan zurecht nicht verzichten.



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