Rezension Bollywood-Film: Paheli – Das Rätsel einer Liebe (2005, mit Shah Rukh Khan, Rani Mukerji; mit Trailer & 4 Songs) – 7 Sterne

Es war einmal… im schönen Indien (im Staate Rajasthan), vor langer Zeit (sehr lange), eine gar wunderschöne Frau (Rani Mukerji), umgeben von prächtig gekleideten Verwandten (unter ihnen die fast ebenso schöne Juhi Chawli), spektakulär das Tanzbein schwingend (choreographiert von Maestra Farah Khan) mit vielen elektronik-freien, eingängig ‚orientalischen‘ Weisen (M.M. Kreem).

Diese reizende Frau schmachtet der Hochzeitsnacht entgegen, aber ach, ihr frischvermählter Göttergatte (Shah Rukh Khan) drückt sie aufs Bett und – setzt sich wieder an den Schreibtisch. Und am nächsten Morgen aufs Kamel: Er geht für fünf Jahre auf Geschäftsreise. Und tschüss.

Lachchi, denn so heißt unsere mandeläugige Schöne, denkt sich zurecht: Wer mich sitzenlässt, ist selber schuld. Sie betrügt (wissentlich) ihren Mann mit einem Geist (wieder Shah Rukh Khan), der so aussieht wie ihr Mann. Verliebt schwelgen sie, ja was denn sonst, bei Mondenschein im Regen.

Das Problematische an Shah Rukh Khans Doppelrolle:

Allerdings: Diese Doppelrolle ist auch schon die erste Schwäche. Der Betrachter kann den echten Ehemann nicht immer eindeutig vom falschen unterscheiden. Zwar soll der Originalgatte etwas kühler, der Geist etwas charmanter sein – doch S.R. Khan spielt die zwei Gestalten mit sich überschneidenden Eigenschaften. Zum Schluss erscheinen sie dank Computer nebeneinander auf dem Bildschirm, aber man vermag sie nur an der Kleidung auseinanderhalten, nicht am Gebaren.

Und wenn wir bei Shah Rukh Khan sind, Schwäche 2: King Khan dackelt mal wieder zu sehr, das unterwürfige Kopfwackeln gegenüber dem Vater kommt zu oft und zu lang. Bei Khans Auftritt hat eindeutig der Regisseur versagt – oder Khan hat sich gegen den Regisseur durchgesetzt.

Doch wer wirklich den Ton bei den Dreharbeiten angab, Khan oder der Regisseur und Ex-Schauspieler Amol Palekar, werden wir wohl nicht erfahren. Khan zusammen mit Amitabh Bachchan geben dem Film, der eigentlich einen folkloristischen Schwank vom Lande erzählt, etwas zu viel dicke Bollywoodsauce.

Weit überzeugender spielt Khan eine Doppelrolle als langweiliger/fetziger Ehemann in Rab Ne Bana Di Jodi – Ein göttliches Paar von 2007: klar unterscheidbares Auftreten, kaum Dackeln, allerdings mehr komödiantisches Übertreiben.

Hintergründe zum Film:

Dem Kritikerlob aus Indien entnehme ich, dass „Paheli“ viele Anspielungen auf alte Sagen und Regionalsprachen enthält, die Musik greift traditionelle Instrumente auf – all das geht leider an mir vorbei.

Offenbar kam der Film so zustande: Regisseur Amol Palekar, bekannt für Bollywood-ferne „Arthouse“-Filme (und frühe Auftritte als Schauspieler), trug die Geschichte schon lange mit sich herum und wollte Shah Rukh Khan für die männliche Hauptrolle gewinnen. Der sagte sofort zu und bewarb sich darüber hinaus als Produzent.

Danach wurde „Paheli“ („Rätsel“, „Mysterium“) auf Wunsch Palekars in einem einzigen 47-Tage-Dreh verwirklicht, ein großer Unterschied zu anderen Bollywood-Produktionen, die in mehreren 20-Tage-Abschnitten entstehen. Bei den Dreharbeiten sommers in Rajasthan war es teils 40 Grad heiß, weil man anders als ursprünglich gehofft nicht im Dezember und Januar drehen konnte.

Allerdings drehte man laut indischer Presse dort nur die Brunnenszene und das Kamelrennen. Alles andere – also der Großteil – entstand in Film City, Bombay; 400 Leute arbeiteten an den Kulissen, die 40 Millionen Rupien kosteten. Das Buch Lights, Camera, Masala: Making Movies in Mumbai liefert weitere Einblicke speziell zu „Paheli“; so wurde für die Wüstenszene mit Khan und Bachchan der Helikopter-Landeplatz auf dem Dach eines Bombayer Filmstudios mit Sand aufgeschüttet.

Weitere Schwächen:

Bestimmt ist es Euch auch schon aufgefallen: Shah Rukh Khan als öliger Kaufmann ähnelt deutlich Amol Palekar als öliger kaufmännischer Angestellter in Golmaal (1985) – und just jener Amol Palekar war später Paheli-Regisseur (und in Golmaal spielte er so wie SRK in Paheli eine Doppelrolle).

Schwäche 3: Das Ende ist etwas unklar oder zumindest unentschieden. Auf die Märchensituation samt digital herumschwirrendem Kleingetier und altklug kommentierenden Marionetten konnte ich mich gut einlassen; doch das Ende und ein paar Kleinigkeiten zwischendurch trüben den Gesamteindruck. (Vijaydan Dethas Geschichte „Duvidha“, die dem Film zugrunde liegt, endet übrigens deutlich anders.)

Aber viele Stärken:

Genug gelästert. „Paheli“ (bereits 1973 unter dem ursprünglichen Namen schon einmal verfilmt) hat seine Schwächen, aber auch exakt 13 Stärken, die eine mehrfache Besichtigung des Werks definitiv rechtfertigen. Mitverantwortlich dafür (Stärke 1): Die tollen Szenenbilder, schönen Kleider, wundervoll gefilmt. Das ist „1001 Nacht“, ein Rausch in Farben, nicht ganz so bombastisch, aber dafür auch nicht so erschlagend wie in Devdas (2002) oder Jodhaa Akbar, sondern leicht, folkloristisch, Augenschmaus light, charmant und elegant.

In diesem idealen Umfeld choreografiert Meisterin Farah Khan mehrere schöne Tänze (Stärke 2). Dazu gibt es, Pluspunkt 3, eingängige, aber synthesizerfreie, für Bollywoodverhältnisse relativ orientalische Musik, die wunderbar passt.

Die Schauspieler überzeugen:

Und Hauptdarstellerin Rani Mukerji liefert Stärken 4 bis 10: Dies ist der erste Film, in dem sie mich wirklich überzeugt, sogar hinreißt. Die Kombination mit Shah Rukh Khan funktioniert hier so viel besser als in Chalte Chalte – Wohin das Schicksal uns führt oder auch Bis dass das Glück uns scheidet – Kabhi Alvida Naa Kehna.

Mukerji spielt nicht nur gut, sie sieht auch fantastisch aus. Mukerji selbst betonte, dass der ohnehin exzellente Ravi K. Chandran der beste Kameramann für sie ist (ich fand allerdings keinen Hinweis, dass sie auf Chandrans Mitarbeit bestand). Und R. Mukerji spielt hier endlich mal keine Porzellantasse (obwohl mich – im Kontext einer alt-indischen Sage – schon wunderte, wie deutlich Lachchi von Anfang an betont, dass sie nicht nur *geistig-moralisch* geliebt werden will).

Stärke 11: Amitabh Bachchans Nummer als exzentrischer, unglaublich präsenter Hirte. Man könnte freilich auch einwenden, dass er, ähnlich wie Shah Rukh Khan, den Film ein bisschen erdrückt. Zumindest ist er mal kein Donnervater.

Stärke 12: Die weiteren Darsteller, so die trotz kurzer, ruhiger Rolle sehr intensive Juhi Chawla und Anupam Kher, wieder mal ein drolliger Papa, er spielt komödiantisch, aber nie schrill – genau richtig. Generell vermeiden sämtliche Schauspieler aufdringliches „Over-acting“ sogar im eigentlich doch dramatischen Schlussteil; es gibt auch keine großen Tränendrüsenattacken.

Fazit:

Ein wunderschön gefilmtes und musikalisch unterlegtes Märchen, das man sich mehrfach ansehen kann und das mir mit etwas weniger Bollywood-Kraftmeierei (Khan, Bachchan) und Märchenhaftem noch besser gefallen hätte.

Ach so, Stärke 13: Das Kamelrennen! Krass! Davon brauche ich mehr. Wo?


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