Rezension Bollywood-Film: Guru (2007, mit Abhishek Bachchan, Aishwarya Rai, Regie Mani Ratnam; mit Trailer & 2 Songs) – 8 Sterne

Wieder so ein fesselnder Mani-Ratnam-Film, der seine Figuren quasi am Genick packt und gnadenlos vorführt, teilweise fast aufwühlend schnell, in verstörenden Nahaufnahmen und intensiv – jedenfalls im ersten Teil und dann wieder am Ende. Dazu die immer fesselnde, kristallklare und einpeitschende Musik von Oscar-Preisträger A.R. Rahman, visualisiert mit schönen und im ersten Teil dramatisch gefilmten Tänzen.

Abishek Bachchan zeigt den zum Gelde drängenden Dorfjungen und späteren Großunternehmer sehr überzeugend, ob 20 oder 50 Jahre alt, übertreibt nur gelegentlich. In diesem Film ist Bachchan, Sprössling des Bollywood-Giganten Amitabh Bachchan, tatsächlich nicht nur „Sohn“ und „Knuddelbär“, sondern eine überzeugende Besetzung.

Eigentümlich, dass der Film einige Preise sammelte, vor allem für die Musik, ein „Best Actor“ für Abhishek Bachchan aber nicht zustande kam. (Den Filmfare-Preis für den besten Hauptdarsteller erhielt in dem Jahr Shah Rukh Khan für seinen zurückgenommenen Damenhockey-Trainer in Chak De! India – Ein unschlagbares Team.)

Hier weitere Stärken des Films:

Stark auch Aishwarya Rai – ihre Figur wird nur wegen der Mitgift geheiratet, sie entwickelt sich aber zur unersetzlichen Stütze und spielt dabei nüchtern und realistisch. Die vertraulichen Szenen zwischen den Eheleuten wirken warm, lebendig und intim (kurz nach der Filmpremiere gaben Bachchan und Rai ihre Heiratspläne bekannt, die sie dann auch umsetzten). Aishwarya Rai, Miss World 1994, gelernte klassische Tänzerin und einst angehende Architektin, überzeugt wie in kaum einem anderen Film.

Kameramann Rajiv Menon zeigt die 50er bis 80er Jahre in wunderschönen Bildern – ob auch realistisch, kann ich nicht beurteilen.

Mit am besten gefielen mir die Massenszenen: Bachchan als demagogischer Redenschwinger auf seinen Aktionärsversammlungen und dann als schlaganfallgeprägter, teils gelähmter „Angeklagter“ vor dem Untersuchungsausschuss. Möglicherweise sind diese Szenen nicht realistisch, aber dafür tolles Kino.

Es gibt ein paar tolle Wortwechsel mit hartem, knochentrockenem Witz. Mich würde interessieren, ob sie von Anurag Kashyap („Dev.D“, „No Smoking“) stammen, der hier (wie in anderen Ratnam-Werken) am Dialog mitarbeitete.

Mithun Chakraborty als Zeitungsverleger, Madhavan als Enthüllungsjournalist und Vidya Balan als MS-erkrankte Madhavan-Partnerin sieht man gern zu. Sie wirken jedoch einen Tick zu eindimensional sympathisch. Die Liebesgeschichte zwischen Madhavan und Balan trägt nichts zur Haupthandlung bei, aber Kuss&Heiratsantrag im strömenden Regen mussten wohl sein.

Positiv auch: Dies ist ein Ratnam-Film fast mit der üblichen Ratnam-Intensität, doch ohne Bomben und Blutbäder. Danke.

Was mir weniger gefiel:

  • Das Drehbuch hat mehrere Lücken, präsentiert neue Situationen allzu abrupt.
  • Indische Kritiker monierten, dass die üble Seite des Unternehmers (dem echten Tycoon Dhirubhai Ambani nachempfunden) zu wenig gezeigt werde und dass sich der Unternehmer einmal gar mit Mahatma Gandhi vergleiche.
  • Die einpeitschende Hintergrundmusik pumpt mitunter zuviel Dramatik in den Streifen.
  • Die Altstadtstraße mit der Straßenbahn sieht viel zu „studio“ aus.
  • Aishwarya Rai spielte eine Fahrradszene mit einem passenden Fahrradsong von A.R. Rahman. Weil Rai jedoch bei den Dreharbeiten stürzte, wurden Szene und Lied ersetzt. Die Umsetzung hätte mich interessiert, vor allem, nachdem Rahman im Ratnam-Streifen Dil Se – Von ganzem Herzen schon einen kongenialen *Eisenbahn*song mit schön assoziierten Klangeffekten ablieferte.

Indische und auswärtige Kritiker monierten zudem, dass am Anfang zwei Tanznummern kurz aufeinander folgen. Angesichts der Qualität teile ich den letzten Einwand nicht. (Auch wenn Ratnam wie üblich Tanzszenen nicht gut in die Handlung einwebt.)


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