Bollywood: Delhi-6 (2009, mit Abhishek Bachchan) – Trailer & 4 Songs – 6 Sterne

Der Auslandsinder Abhishek Bachchan kommt 2006 erstmals nach Indien, lernt leicht amüsiert das Chaos von Delhi und seine eigenwilligen Bewohner kennen – auch die hübsche Nachbarin Sonam Kapoor.

„Delhi-6“  (auch mit deutschen Stimmen erhältlich) hat markante Stärken. Und markante Schwächen, die am Ende eine Empfehlung verhindern.

 Die Stärken von „Delhi-6“:

  • gute, lebensechte Schauspieler, die man am Ende wirklich zu kennen meint
  • schöne, malerische Kameraarbeit in der Altstadt von Neu-Delhi (tatsächlich laut IMDB teils in Sambar bei Jaipur gefilmt, in anderen Teilen am Computer montiert)
  • eindrückliche Straßenszenen, man kann die Stadt riechen, hören, schmecken
  • scheinbar Einblicke ins indische Alltagsleben am Beispiel von Chandni Chowk, Neu-Delhi
  • lebendige, pulsierende Musik von Meister A.R. Rahman mit seiner unvergleichlichen Mischung aus Moderne und alten Stilen (vor allem Moderne), wenn auch ohne Highlights

Regie, Kamera, Darsteller und Musik überzeugen also. Das Buch verdirbt den Film jedoch. Ein Delhi-Episodenfilm ohne Überhöhungen und Operettenfinale wäre besser gewesen.

Die irritienden Schwächen des Drehbuchs:

  • Die Autoren quetschen alle aktuellen Problemthemen in „Delhi-6“: Kastenwesen, Hindu-Muslim-Spannungen, Kredithaie, Polizeiwillkür, Strom-Wasser-Versorgung, arrangierte Ehen, Verkehrschaos usw. usf. etc. pp. (das erinnert an „Swades“, den Indien-Heimkehrer-Film von Ashutosh Gowariker mit Shah Rukh Khan)
  • die permanente Aufregung um den „schwarzen Affen“, ein mysteriöser Gewalttäter, der nie sichtbar leibhaftig erscheint und zum Schluss als Metapher herhalten muss (eine Medienhysterie um den „schwarzen Affen“ gab es 2001 tatsächlich)
  • ominös auch der Schweigsame, der allen einen Spiegel vorhält – so platt allegorisch kann der Film doch gar nicht sein
  • Hauptdarsteller Bachchan spricht ein paarmal aus dem Off; er erzählt jedoch nur Dinge, die sich auch über Bilder erschließen, und darum stört er
  • die Trick-Inszenierungen „Im Himmel“ und „Times Square in Indien“ stören die sonst so lebensechte Darstellung
  • zu oft stellt Regisseur Mehra Theaterausschnitte aus „Ram Lila“ und anderen alten Sagen gegen das aktuelle Geschehen
  • das Ende verdirbt den Film ganz – das Geschehen und der wolkig-allegorische Ton
  • nochmal zum Ende: die letzten Sätze des Hauptdarstellers zu Liebe und Wohnort wirken schwer nachvollziehbar
  • und nochmal zum Ende: einige Nebenhandlungen lösen sich nicht auf: Was wird aus der kranken Oma, aus der TV-Karriere von Bittu

Man hat den Eindruck, einige Delhi-Bewohner ohne den üblichen Bollywood-Glamour wirklich näher kennen zu lernen. Das erinnert etwas an Mira Nairs famoses „Monsoon Wedding“ von 2001. Und siehe, Nair besuchte offenbar die New Yorker Premiere von „Delhi-6“ am 15. Februar 2009. Noch eine „Wedding“-Parallele: Vijay Raaz, der ölige Hochzeitsplaner aus „Monson Wedding“ mit der markanten Physiognomie, spielt in „Delhi-6“ maßvoll abstoßend einen schäbigen Stadtteilpolizisten. Und es gibt noch viel mehr sehenswerte Charaktere:

Die starken Schauspieler:

  • Abhishek Bachchan hat hier eine adäquate Rolle: Er muss keine großen Emotionen zeigen, sondern nur mild erstaunt beobachten; seine Gestelztheit passt hier; mit Kamera-Handy und Sonnenbrille wirkt er meist wie ein Tourist im (noch nicht) eigenen Land. Indische Kritiker monierten seinen falschen US-Heimkehrer-Akzent
  • Sonam Kapoor, die schöne Tochter des Altstars Anil Kapoor (der Moderator in „Slumdog Millionaire“) überzeugt in ihrer erst zweiten Filmrolle als genervte, moderne Tochter eines patriarchalischen Altvaters (Om Puri), der sie eisern unter die Haube bringen will; die Zuneigung des Bachchan-Charakters zur Kapur-Figoor finde ich jedoch schwer nachvollziehbar
  • Rishi Kapoor gibt den alternden Onkel mit melancholischer Humanität und nonchalantem Charme; man möchte ihn zu einem Cognac einladen
  • Divya Dutta ist die fluchende Unberührbare, die nur die Straßen fegen darf, jedenfalls tagsüber; möglicherweise ist sie im Film einen Tick glamouröser als die tatsächlichen Straßenkehrer von Delhi
  • ganz und gar wundervoll: Waheeda Rehman als liebenswerte Oma mit natürlicher Eleganz, die in ihre Heimat Indien zurückkehrt und dort erstmal eine Urne für ihren  bevorstehenden Tod kauft (es muss aber eine billige aus Ton sein). Leider verschwindet sie nach dem ersten Drittel weitgehend.
  • weitere Verwandte, Nachbarn und Kaufleute, die allesamt lebensecht und oft liebenswert erscheinen.

Gerne hätte ich mehr von diesen Figuren und weniger vom Straßentheater und vom „schwarzen Affen“ gesehen.

Zur DVD:

Ich hatte die indische MoserBaer-Doppel-DVD (Hindi-Ton mit englischen Untertiteln, kein deutscher Ton), die wirklich nervt:

  • Zu Anfang Werbung, die sich nicht überspringen lässt
  • Das Filmbild wirkte leicht trüb
  • Das MoserBaer-Logo erscheint hell-blass links oben im gesamten Film; vor allem in dunklen Szenen fällt es störend auf
  • Einzelne, scheinbar wichtige Sätze erhalten keine Untertitel
  • Rund fünfmal während des Films erscheint unten im Bild ein weißes Werbeband mit der MoserBaer-Internetadresse
  • Die Bonus-DVD enthält neben etwas „Delhi-6“-Fernsehwerbung lediglich die Entstehungsgeschichte zu drei Musikszenen, in denen zwei nicht näher vorgestellte Herren schlecht verständliches Englisch nuscheln, wenn man nicht eh die bekannten Filmbilder wieder sieht; es gibt keine Interviews mit Hauptdarstellern (die man doch gern mal außerhalb ihrer Rolle sehen würde), nichts von Regisseur, Kameramann oder A.R. Rahman




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