Rezension Bollywood-Buch: Lights, Camera, Masala: Making Movies in Mumbai (2006) – 9 Sterne

Schon nach drei Seiten hat es mich vor Lachen vom Sofa gehauen. Autor Naman Ramachandran, ein Filmkritiker, Produzent und Bollywood-Gelehrter, beschreibt die Hindi-Filmindustrie punktgenau elegant, mit augenzwinkernder Liebe und trockenem Humor. Ramachandrans Name erscheint auf dem Buchtitel kleiner als der von Fotografin Sheena Sippy, doch für mich trägt er mehr zum Genuss des englischsprachigen Buchs bei.

Gut dabei:

Ramachandran hält sich nicht mit Verallgemeinerungen und Reminiszenzen auf (Verallgemeinerungen, Statistiken, Historisches liefert bei Bedarf Tejaswini Ganti in Bollywood: A Guidebook to Popular Hindi Cinema (Routledge Film Guidebooks).), sondern watet sofort knietief ins reale Bollywood, gleich zu Anfang mit viel O-Ton der legendären Drehbuchschreiber Salim-Javed. Javed Akhtar bekommt später noch eine Extraseite als gefeierter Liedtexter.

Diese Figuren treten auf:

Dann geht es – immer im persönlichen Gespräch, am unmittelbaren Beispiel – um Regisseure, die auch schreiben (Ashutosh Gowarikar, Karan Johar und seine Wahrsagerin), um Schauspieler, die auch produzieren (Aamir Khan), um Filmmusiker (Anu Malik), Action-Regisseure, Choreografen (Farah Khan), Kameramänner (Ravi K. Chandran), der manishe Modemacher Malhotra und Schauspieler (Shah Rukh Khan, Abhishek Bachchan, Anupam Kher; Salman Khan ohne seine Rechtsprobleme; als Frauen im Textteil nur Aishwarya Rai und Rani Mukerji, letztere kaum auf Fotos zu sehen). Vor allem die Phase von 1995 bis 2005 wird besprochen.

Auch die Bühnenbildner kommen zu Wort: Topvertreter Sabu Cyril vergleicht seine Arbeit sehr schön mit dem trügerischen Einwickeln eines Steins in Bonbonpapier. Einmal baute Cyril zu überzeugend einen Tempel nach; er hätte sich dafür eine Auszeichnung erhofft, doch die Filmpreis-Juroren hielten den Tempel wohl für uralt und echt.

Alle kommen zu Wort:

Dazu kommen Gespräche mit Ton-Leuten (der Film muss auch in einem Provinzkino mit 200 Deckenventilatoren gut klingen), Produzenten, Verleihern, Kinobetreibern und Beleuchtern. Lesenswert auch der Abschnitt über Produkt Placement und Star-Vermarktung, noch interessanter die Seite zu den heißesten Tanznummern: Mit Ramachandrans Stichworten kann man sich vermutlich ein paar unterhaltsame Clips auf Youtube zusammensuchen. Das Kapitel „Young Turks“ liefert Doppelseiten über Regisseure, die nach 2000 erfolgreich debütierten, unter ihnen Nikhil Advani, Rajkumar Hirani, Kunal Kohli, Rakeysh Mehra und Rohan Sippy (ohne zu erwähnen, dass er der Bruder der Fotografin ist).

Man vermisst jedoch Begegnungen mit den Darstellern Saif Ali Khan, Kajol, Preity Zinta und Madhuri Dixit, mit Kameramann Anil Mehta, vor allem aber mit den Produzenten und Regisseuren Mani Ratnam, Sanjay Leela Bhansali, Yash und Aditya Chopra.

Etwas seltsame Konstruktion:

Vermarktet wird „Lights, Camera, Masala“ (2006) als Streifzug zweier fiktiver Filmfans durch den Bollywoodalltag. Tatsächlich erscheinen die Figuren nur ganz am Rand, am Anfang eines Abschnitts, wenn sie mal wieder ein neues Filmstudio oder einen anderen Akteur besuchen.

Diese kleine fiktive Kunstgriff in einem sonst berichtenden Buch stört das Gesamtbild; eher hätte Autor Ramachandran seine eigene Rolle als „Gonzo-Reporter“ à la Hunter S. Thompson thematisieren können. Die eingeklebten Drehbuchzettel geben ein paar Dialoge von „Vijay“ und „Ravi“ wieder. Der erste Text hat tollen Humor, danach wird es langweilig.

So etwas hatte ich noch nicht gesehen:

Die Buch-Ausstattung ist völlig over the top: Neben den aufklappbaren Drehbuchzetteln gibt es glänzende Sonderfarben, Faltposter, riesige Diatransparente, wechselnde Papiersorten, eine eingeklebte Popcorntüte mit inliegendem Infozettel, exzentrisches (aber immer lesbares) Layout. Eingeheftet ist sogar ein billiger Briefumschlag mit aufgeklebter, gestempelter Briefmarke, darin ein gefalteter, überzeugend gekritzelter Fanbrief aus der Provinz: „Dear Abisek, Myself Debaroti… I really love you…“ Freilich wirkt es so, als ob Fotografin, Texter und Gestalterin Divya Thakur unabhängig voneinander ihr Ding machen: Text, Fotos und Aufmachung stehen nicht in besonderem Zusammenhang.

Initiiert wurde das Buch offenbar von Fotografin Sheeny Sippy, die bei vielen Bollywoodproduktionen für die Standbilder sorgt. Sippy ist Ex-Frau von Kunal Kapoor und Tochter von Ramesh Sippy, Regisseur des legendären Bollywood-Westerns „Sholay“. Dieser Film bekommt als einziger einen eigenen Textteil in „Lights, Camera, Masala“. (Der weitere Bollywood-Meilenstein „Dilwale Dulhania Le Jayenge“ von 1995 wird kaum erwähnt, dagegen gibt es viele Bezüge auf „Lagaan“ oder „Munnabhai BBS“.)

Auf den Internetfotos von der Buchvorstellung in Bombay sieht man Sheena Sippy mit Superstar Abhishek Bachchan, Star Boman Irani und ihrem Vater Ramesh Sippy. Bei der Buchpremiere in Dubai lächelte sogar ‚Bollywoods elder statesman‘ und „Sholay“-Star Amitabh Bachchan in die Kameras. Die zwei für das Buch genauso wichtigen Künstler – Autor Ramachandran und Grafikerin Divya Thakur – fehlen auf den Premierenbildern, die ich via Suchdienst fand.

Die Fotos, naja:

Der Band liefert viele normal eindrucksvolle, ganzseitige Film- und Werbefotos sowie flüchtige Schnappschüsse aus den Studios, immerhin keine 08/15-Party- oder Preisverleihungsbilder. Allerdings zeigt Sippy hier nur Massenware, im Vergleich zu Text und Ausstattung fallen ihre Fotos sogar ab.

Umwerfende, hochaufgelöste arrangierte Starfotos gibt es schließlich auch quer durchs Internet. Ich vermisse „private“ Aufnahmen aus dem privaten Umfeld der Akteure, vom Set oder solche Fotos, in denen die Darsteller gelöst interagierend – nicht schauspielernd – in die Kamera blicken.

Besondere Foto-Kunst wird also nicht geboten, Sippy ist kein Lebeck. Sippys Bilder nehmen zudem gefühlt nur rund 50 Prozent der Seitenfläche ein, man sollte nicht von einem Coffeetable-Buch reden.

Diese Stars erscheinen besonders groß:

„Lights, Camera, Masala“ enthält glamouröse Frauenfotos, etwa von Priyanka Chopra oder Aishwarya Rai. Markanter wirken jedoch die Männer, unter ihnen Abishek Bachchan und John Abraham.

Vor allem aber auf mehreren Seiten extra-knackig Salman Khan; eins der eindrucksvollsten Bilder präsentiert Salman Khan entspannt in der Garderobe – mit entblößtem Luxusbody, Zigarette, Diät-Cola und zwei Brüdern als Spiegelung. Wie als Rechtfertigung darf Regisseur Karan Johar gleich mehrfach sagen, dass man auch dem weiblichen Publikum „eye candy“ bieten müsse.

I love my films like my mistress…

Ganzseitig zeigt eine andere Aufnahme nur eine schlichte weiße Tür mit einem aufgeklebten Zettel: „Shahrukh Khan“ – eines der wenigen „besonderen“ Bilder. Nach dem Umblättern ist der Betrachter dann drin in der Garderobe des Superstars, doppelseitig, im Unterhemd; und in einem Buch voll erhellender, überraschender, origineller Sätze liefert Bollywood-Über-Star Khan hier eins der besten Aperçus: „I love my films like my mistress… not like a wife…“ – den zweiten Teil des Zitats lesen Sie bitte auf Seite 94.

Man glaubt zum Schluss wirklich, viele Bollywoodakteure und ihren Geschäftsalltag zu kennen (Privatleben gibt es keins). Manche Kinomenschen stammen aus etablierten Filmfamilien, schmissen irgendwann gelangweilt das Studium und baten Papa um einen Regiesessel; andere arbeiteten sich besessen vom Gehilfen zum Produzenten hoch, feilten nachts an Drehbüchern.

Wünsche, die das Buch nicht erfüllt:

„Lights, Camera, Masala“ ist kein DVD-Ratgeber: Man findet nur eine kurze Liste mit den erfolgreichsten Filmen und bei den meisten diskutierten Streifen wird der Kassenerfolg erwähnt; aber das Buch liefert keine Qualitätseinstufungen oder Empfehlungen.

Wichtigster Mangel: Ich vermisse eine Besprechung der Zensurbehörde, sie wird kaum erwähnt. Gern hätte ich auch illustrierte Stammbäume der bekanntesten Filmfamilien, außerdem ein Stichwortverzeichnis und die Beschreibung eines Kinoabends in Indien. Insgesamt verdient sich das hochunterhaltsame und dito informative Album „Lights, Camera, Masala“ aber immer noch höchstes Lob – auch ein ideales Geschenk für alle, die das heutige Bollywood mögen, schon Grundkenntnisse haben und nicht auf allerneuesten Informationen bestehen.



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