Rezension Bollywood-Biografie: King of Bollywood: Shah Rukh Khan and the Seductive World of Indian Cinema, von Anupama Chopra (2008) – 8 Sterne

Manche Anekdoten aus dieser Biografie zu Bollywood-Superstar Shah Rukh Khan klingen fast zu gut, als dass sie wahr sein könnten. Viele Charaktere erscheinen als liebenswerte Kauze, die sofort in einen Film passen.

Auch andere Zufälle und Ereignisse wirken so an den Haaren herbeigezogen, dass man mal wieder über unplausible Bollywooddrehbücher lamentieren möchte. Aber vielleicht war es ja wirklich so.

Die hier eingebetteten Videos zeigen die Autorin des Buchs, Anupama Chopra, im TV-Gespräch mit Shah Rukh Khan (teils nicht von Anfang an).

Wie schreibt sie?

Wie auch immer: Anupama Chopra schildert das Leben des indischen Filmstars Shah Rukh Khan sehr lebendig, leicht lesbar im Magazinstil. Wir lernen auch Khans Familie kennen, vor allem seinen musischen, zu früh verstorbenen Vater – ein Freiheitskämpfer, der Jura studierte, die Literatur liebte, sechs Sprachen sprach und nie viel Geld verdiente. Seine Mutter Fatima als sein erster glühender Fan ließ ihm immer viel Freiheit.

Und Chopra beschreibt die Ära: die quirligen Gassen von Peschawar, in denen Khans Vater aufwuchs – auch andere Hindi-Filmgrößen stammen aus diesem Stadtteil -, oder die wirtschaftliche und künstlerische Situation in der indischen Theater-, Film- und Fernsehlandschaft Anfang der neunziger Jahre, als Khan allmählich bekannt wurde; dazu die Bedrohung durch die Mafia und Indiens Aufstieg zur wirtschaftlichen Weltmacht.

Tatsächlich zeichnet Chopra speziell die Atmosphäre in Peschawar so lebendig, dass ich manchmal an die Meisterreportage Gandhi. Um Mitternacht die Freiheit dachte. So mischen sich hier Biografie und Monografie. Das ist allgemein gutes Hot Country Reading.

Warum ich ausnahmsweise eine Schauspieler-Biografie las:

Ich habe noch nie eine Schauspieler-Biografie gelesen; im Zweifel finde ich Regisseure, Musiker oder Autoren viel interessanter, weil sie womöglich kreativer sind. Und während ich Shah Rukh Khan als Schauspieler oft schätze (solange er nicht dackelt), würde ich nie von ihm schwärmen. Aber die Konstellation Chopra-schreibt-über-Kahn versprach ein unterhaltsames wie auch informatives Buch:

Denn aus dem Buch Dilwale Dulhania Le Jayenge: (The „Brave-Hearted Will Take the Bride“) (BFI Modern Classics) wusste ich bereits, dass Anupama Chopras Englisch sehr flüssig, elegant und für mich gut verständlich ist; sie arbeitet auch fürs indische Fernsehen und führende US-Medien.

Im DDLJ-Buch wurde auch klar, dass Chopra ihr Thema nicht als Fan, sondern mit einer gesunden Distanz, ohne Heldenverehrung, allerdings auch nicht extra-kritisch schildert und dass sie viele Zeitumstände mit berücksichtigt; zudem schreibt sie meist so, dass auch Nichtinder mitkommen.

Noch ein Grund, es mit dieser Bio zu probieren: Shah Rukh Khan ist für amüsante, pointierte, relativ ehrliche, teils respektlose, aber auch selbstkritische Bemerkungen bekannt, die mir gut gefallen (ganz anders als sagen wir Salman Khan). Außerdem musste Shah Rukh Khan sich in Bollywood als Außenseiter hocharbeiten und hart um seine Frau Gauri werben, das sollte unterhaltsamen Buchstoff ergeben.

Wird Chopra den Erwartungen gerecht?

Und Anupama Chopra erfüllt diese Erwartungen weitgehend. Mir gefällt das Buch viel besser als die Youtube-Ausschnitte von „The Inner World of Shah Rukh Khan“ und „The Outer World of Shah Rukh Khan“.

Ein paar kleinere Schwächen meiner englischen Ausgabe:

  • einige Hindi-Begriffe werden kursiviert, aber nicht erklärt
  • ein paar allzu abrupte Übergänge (Bollywood halt)
  • vielleicht ist Chopra doch etwas zu wohlwollend, könnte hier und da mehr Biss zeigen
  • bei den meisten Filmen liefert Chopra keinerlei Werturteil ab, sondern erwähnt nur die Verkaufsergebnisse
  • der Bildteil ist zu knapp und zeigt teils überflüssige Filmfotos, die es überall gibt

Vor allem: Im zweiten Teil verschwindet der private Shah Rukh Khan. Über seine Jugend, sein Werben um Gauri, den zu frühen Tod der Eltern, seinen Aufstieg vom Theater zum Fernsehen und erste Bollywood-Kontakte hatte Chopra so lebendig wie ausführlich berichtet. Doch ungefär ab Darr (1993) schildert sie nur noch wichtige Filme, Zeitumstände – das freilich gut und wie immer flüssig-charmant geschrieben.

Nur, wo bleibt der private SRK?

Seine Kinder erscheinen in einzigem Satz, von der Ehefrau erfährt man nur noch, dass sie viel Zeit mit dem Produzenten Karan Johar verbringt. Chopra selbst zitiert Khan mit dem bekannten Satz, er sei nur noch „Angestellter des Mythos Shah Rukh Khan“, aber zu Hause sei er nicht Superstar – den möge seine Frau nicht – sondern nur Mensch; von dem aber würde man gern mehr hören.

Unterhaltsam immerhin Khans höfliche Telefonate mit Mafiabossen, die seine Ermordung androhen und Khans Drohungen gegenüber der unhöflichen Klatschpresse. Das Buch endet 2006 mit dem New York-Bollywood-Film Bis dass das Glück uns scheidet – Kabhi Alvida Naa Kehna.

Vermutlich liefert Shahrukh Khan – Still Reading Khan von Mushtaq Shiekh mehr Einblicke (2006, 448 Seiten). Dieser Autor veröffentlichte 2008 auch Shah Rukh Can: The Story of the Man and Star Called Shah Rukh Khan, das 2009 auf Deutsch erschien: Shah Rukh Can – Das Leben des Superstars Shah Rukh Khan.

Zurück zum Chopra-Buch: Der knappe Bildteil liefert ein paar Film- und PR-Fotos, aber auch schöne atmosphärische Privataufnahmen, auch von Khans gutaussehendem Vater Meer. Bibliografie, Stichwortverzeichnis und Interviewpartnerliste sind ausführlich, eine Filmografie fehlt.



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