Biografie-Rezension: Willy Brandt, Ein Leben, Ein Jahrhundert, von Hans-Joachim Noack (2013) – 6 Sterne


Hans-Joachim Noack erzählt einigermaßen flüssig im Präsens, klingt aber oft etwas unpassend salopp bis nachlässig; so über den spanischen Bürgerkrieg: „Ein Gemetzel der besonderen Art“ (S. 76 der rowohlt-Berlin-Ausgabe); und später: „das ausufernde Gemetzel zwischen den Ethnien auf dem Balkan“ (S. 314); „der dröge Grübler aus Lübeck“ (S.9); „Heinrich Böll… bildet mit dem Kollegen Günter Grass die Speerspitze eines Fanclubs Intellektueller“ (S. 322); „robbt sich Brandt…an das heikle Thema heran“ (S. 334); „steht der Friedensnobelpreisträger gelackmeiert in einem Bombenhagel von Eiern und Feuerwerkskörpern“ (S. 333);

Im Vorwort schreibt Noack gefühlt öfter „ich“ als „Brandt“ und stellt seine 1:1-Treffen mit Brandt und Rotwein überdeutlich heraus (ohne doch Psychogramme daraus abzuleiten). Hier schreibt er auch deutlich, dass er den frühen Brandt verehrte und zu dessen Gunsten sogar Artikel schönte. Im weiteren Buch klingt Noack weniger parteiisch.

Der frühere Spiegel-Journalist Noack (*1940) schreibt fast so deutlichen Spiegel-Stil wie einst Spiegel-Mann Höhne in seiner Canaris-Biografie. Gelegentlich also kreiert Noack plastische Szenen wie „Am Abend des 8. April kommt Brandt erst spät nach Hause“ (S. 83) oder „mit selbstbewusst durchgedrücktem Kreuz“ (S. 209). Noack streut gern wertende Adjektive ein und alliteriert übertrieben: „der mächtige Medienzar“, S. 148; „in Zukunft das Zepter schwingt“, S. 149; „kalt kalkulierenden Exkommunisten“, S. 154. Vor allem die zwei hinteren Buchdrittel tönen aufgekratzt-jovial: „der alerte Wirtschaftsprofessor“, S. 207; „eifrigen Kungelrunde“, S. 244; „Abstimmungsschlacht“, S. 314; „Neomarxisten und andere Quälgeister“, S. 326, etc.

Mitunter türmen sich Füllwörter, Konjunktionen u.ä. bis zu leserseitigem Unbehagen: „doch er fühlt sich dennoch“, S. 83; „aber auch nicht zuletzt“, S. 88; „aber andererseits auch nicht nur“, S. 236f.

Im Vorwort und im letzten Kapitel will Noack den Gesamt-Brandt erfassen. Dabei springt er jedoch irritierend zwischen den Epochen und diskutiert Kleinigkeiten, die in den Buchhauptteil gehören.

Vergleich der Willy-Brandt-Biografien von Hans-Joachim Noack und Peter Merseburger:

Merseburgers Buch ist weitaus länger – vor allem schreibt er weit mehr über Brandts politisches Denken in frühen Jahren und er liefert ausführliche Quellennachweise, auf die Noack ganz verzichtet (eine Zeittafel bietet allerdings kein Autor). Noack schreibt vielleicht geringfügig mehr über Brandt als Mensch, spart aber anders als Merseburger die Frauengeschichten weitestgehend aus. Noack klingt oft passabel lesbar, aber etwas unangemessen salopp oder angestrengt flott; Merseburger dagegen etwas umständlich und gewunden, aber nie anbiedernd lässig. Beide Autoren sympathisieren offenbar mit Brandts Politik, Merseburger etwas offener mit Brandts Außenpolitik. Nachdem ich den ausführlichen Merseburger zuerst las, vermisste ich bei Noack einige Episoden, die mir wichtig erschienen; im Zweifel ziehe ich Merseburger vor.

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