Biografie-Rezension: Willy Brandt 1913 – 1992, von Peter Merseburger (2002) – 6 Sterne

Merseburger wechselt die Tempi zu häufig – Grundzeit ist Präsens, aber mit vielen Schwüngen zu Präteritum, Perfekt und Futur. Der Biograf textet zeitweise zu elegisch, haucht Themen an und erwartet, dass der Leser die Fakten schon kennt – z.B. was sich mit „Brüning“, „die Disengagementpläne George F. Kennans und Adam Rapackis“, „Rapallo-Anklänge“, „gouvernemental“ oder „Hallstein-Bonn“ verbindet. Auch bei der Guillaume-Affäre erwartet Merseburger fast mehr als Grundkenntnisse: er diskutiert Nachwirkungen und Verschwörungstheorien, liefert aber keine Chronologie der verschiedenen Enthüllungen und Pressereaktionen.

Mitunter gibt es ganze Kaskaden rhetorischer Fragen (z.B. drei rhetorische Fragen hintereinander über acht Zeilen auf S. 38f). Das klingt insgesamt nicht so, als ob Merseburger nüchtern informieren wolle; er möchte scheinbar lieber Meinung wiedergeben und mit Fakten unterfüttern.

Viele Sätze werden fünf Zeilen lang und zu verschachtelt; ein Semikolon hier und da könnte Klärung und Linderung verschaffen, aber dieses Satzzeichen diskriminiert Merseburger, ebenso wie er kaum einmal Absätze durch eine Leerzeile trennt. Aufzählungspunkte erscheinen insgesamt nur zweimal völlig unvermittelt, dabei einmal ohne vorhergehende Überschrift oder Anmoderation per Doppelpunkt. Wahlergebnisse als Balkendiagramme und Kabinettslisten gibt es gar nicht.

Hier einer der Sätze mit Lektoratsbedarf (S. 95, 517 Zeichen, 71 Wörter):

Der Streit zwischen Brand und Epe, der als Co-Redakteur von Kopenhagen nach Oslo übergesiedelt war, entzündete sich an der Frage einer IV. Internationale, deren schnelle Gründung Trotzki vorschwebte, indes Brandt, die SAP und Mot Dag, obschon auch sie sich ja für eine neue Internationale stark machten, statt einer Neugründung erst einmal einen Klärungs und Reifeprozß abwarten wollten, der Gruppierungen in den beiden vorschiedenen Internationalen, der sozialistischen wie der kommunistischen, einbeziehen sollte.

Das Zitat illustriert nicht nur die Syntax, sondern auch den Schwerpunkt Peter Merseburgers (*1928): Zeit- und Ideengeschichte interessiert ihn, nicht aber Brandt als Person. Der 20jährige Willy Brandt wechselt 1933 abrupt von Lübeck nach Oslo, später kommt seine Freundin nach, Brandt heiratet eine andere, fällt bei Reisen mehrfach den Nazis in die Hände, begibt sich ins Bürgerkriegspanien, muss von Norwegen nach Schweden fliehen, heiratet erneut, der Weltkrieg dauert sechs Jahre – wie es Brandt persönlich erging, kaum ein Wort davon, selbst der Weltkrieg findet kaum statt. Brandt als Mensch passiert praktisch nicht, abgesehen von Randbemerkungen und kurzen schon bekannten Einzeilern aus einem Rut-Brandt-Buch. Später folgen ein paar Takte zu Brandt und seinen Söhnen – es geht aber vor allem um politische Meinungsverschiedenheiten und die Rolle der Söhne in der Öffentlichkeit – und noch einmal zwei Sätze zu Brandts letzter Ehefrau.

Stattdessen schildert Merseburger breit ideologische Disputationen verschiedener Parteien, Parteigruppierungen und Splitteruntergrüppchen: Pro/contra SU mit/ohne Stalin? Pro/contra Mehrparteiensystem, viel später pro/contra Neu-/Wiedervereinigung? Brandt war „in politische Sandkastenspiele verliebt“, schreibt Merseburger auf Seite 287, und der Biograf zeichnet das getreulich nach. Auch die Gedankenspiele der machtlosen SPD in den späteren 1980er Jahren zu Krieg und Frieden interessieren Merseburger sehr.

Jedenfalls kann man Merseburger nicht vorwerfen, dass er Brandts Zeit im Zweiten Weltkrieg oder im spanischen Bürgerkrieg dramatisiert. Und der frühere Spiegel- und Panorama-Redakteur betont immer wieder, dass Brandt schon sehr früh das Mehrparteiensystem gegenüber dem Einparteienstaat bevorzugt habe, weltoffen und entspannt gegenüber Andersdenkenden gewesen sei. Fast immer lobt Merseburger Brandts Politik nach 1945, ist mit Brandt-Kritikern streng. Gelegentlich zitiert Merseburger auch andere Beobachter, etwa die Journalisten Hans-Ulrich Kempski und Gunter Hofmann oder die Historiker Heinrich August Winkler und Timothy Garton Ash.

Die letzten 120 von etwa 860 Seiten Haupttext (mit Anhang 927 S., 938 g) behandeln Brandts Zeit nach dem Rücktritt vom Kanzleramt 1974. Hier erschlaffte mein Interesse: Brandt jettet nun als Präsident der Sozialistischen Internationale durch die Welt, konferiert später ohne öffentliches Mandat mit Ostberliner und Kreml-Granden, schreibt gedankenvolle Papiere – doch das interessiert eher Parteihistoriker; die Zeit der Regierungsverantwortung in Berlin und Bonn war interessanter, ebenso die jungen Jahre im skandinavischen Exil. Brandt tat 1974ff Gutes für die jungen iberischen Demokratien, aber hier ist Merseburger eher knapp und ich konnte mich nicht recht engagieren. Die Profikritiker der Qualitätspresse und bei hsozkult lobten Merseburgers Buch durchweg in hohen Tönen.

Vergleich der Willy-Brandt-Biografien von Hans-Joachim Noack und Peter Merseburger:

Merseburgers Buch ist weitaus länger – vor allem schreibt er weit mehr über Brandts politisches Denken in frühen Jahren und er liefert ausführliche Quellennachweise, auf die Noack ganz verzichtet (eine Zeittafel liefert allerdings kein Autor). Noack schreibt vielleicht geringfügig mehr über Brandt als Mensch, spart aber anders als Merseburger die Frauengeschichten weitestgehend aus. Noack klingt oft passabel lesbar, aber etwas unangemessen salopp oder angestrengt flott; Merseburger dagegen etwas umständlich und gewunden, aber nie anbiedernd lässig. Beide Autoren sympathisieren offenbar mit Brandts Politik, Merseburger etwas offener mit Brandts Außenpolitik. Nachdem ich den ausführlichen Merseburger zuerst las, vermisste ich bei Noack einige Episoden, die mir wichtig erschienen; im Zweifel ziehe ich Merseburger vor.

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