Biografie-Rezension: Simenon, von Pierre Assouline (1992) – 8 Sterne

Der Biograf, Romancier, Dozent und Journalist Pierre Assouline (*1953) erzählt Simenons Leben so packend wie einen Roman, mit viel Sinn für Skurrilitäten, interessante Nebenfiguren, knackige Dialoge, Einzeiler und Storytelling, ganz ohne professorale Langatmigkeit. Immer wieder zieht Assouline Parallelen zwischen Simenons Leben und dessen Romanen, zitiert auch aus Simenons zahlreichen Memoirenbüchern. Das liest sich sehr lebendig und interessant. Assouline schreibt kurze Sätze fast wie Simenon, poliert aber mehr auf Effekt, und er verwendet mehr gebildete (nicht eingebildete) Ausdrücke. (Vielleicht wirkte die Biografie auch deswegen so kompakt auf mich, weil ich sie in der offenbar stark gekürzten englischen Ausgabe las, die auf 447 Gesamtseiten kommt; das frz. Original hat 1059 Seiten; mehr dazu unten.)

Assouline konzentriert sich sehr stark auf biografische Fakten, Verifizier- und Quantifizierbares, er meidet lange literaturwissenschaftliche Einschübe, Exegesen, Textanalysen oder Theoriehuberei. Doch traumhaft sicher flicht Assouline gelegentlich Verallgemeinerungen oder zeitraffende Zusammenfassungen ein; auch hier bleibt seine Geschichte im Fluss. Er recherchierte von 1989 bis 1992 und hatte uneingeschränkten Zugang zu Simenons Archiv, redete mit den drei Söhnen, der Ex-Frau Denyse, der Gefährtin Teresa und der Mitarbeiterin Joyce Aitken. Diesen famosen Zugang erwähnt Assouline nur knappstmöglich in der Danksagung; einen Recherchebericht wie andere Biografen liefert er nicht.

„Detective Novel Tricks“:

Nur ein einziges Kapitel behandelt keinen konkreten Zeitabschnitt, sondern berichtet komplett allgemein – es behandelt fast am Ende auf etwa 17 Seiten Simenons Herangehen an das Romanschreiben. Selbst dieses Kapitel, natürlich mit vielen Beispielen, liest sich spannend (zumindest wenn man sich für Kreativität interessiert). Auch bei diesem Thema „Simenons Romanhandwerk“ liefert Assouline kaum wolkige Interpretationen, sondern interessantes Material, das sich leicht belegen und teils sogar quantifizieren lässt, etwa Zeitablauf, typische Struktur der Buchtitel, Art der Vorrecherchen, seelische Abläufe, Alkoholzufuhr beim Schreiben).

Fast nie zitiert Assouline Pressestimmen zu einzelnen Simenon-Büchern, außer bei den eher negativen Beurteilungen der Intimen Memoiren. Praktisch nie macht Assouline düstere Andeutungen über die Zukunft seines Hauptgegenstands, vermeidet aufdringliche Cliffhanger. Mit einer gravierenden Ausnahme, und dies ist meine einzige stilistische Kritik an der Biografie: Eine aufwühlende Szene zwischen Simenons Frau Denyse und der gemeinsamen Tochter Marie-Jo deutet Assouline mehrfach nur an, erklärt ihre Wiedergabe sogar für gerichtlich untersagt – und dann bringt Assouline die Episode doch detailliert. Auch New York Times und Kirkus Reviews kritisierten Assoulines Stilmittel, Publishers Weekly monierte hier „detective novel tricks“ (Konkurrenzbiograf Patrick Marnham schildert die Szene viel kürzer, vager und scheinbar mit abweichendem Geschehen).

Starkes Material für erzählfreudige Biografen:

Weit über seine verblüffenden Schreibgewohnheiten hinaus lieferte Maigret-Autor Georges Simenon (1903 – 1989) seinem Biografen Assouline Material für eine bärenstarke Story: Simenon begann als kleiner Reporter, wollte einen Roman öffentlich im Glaskäfig schreiben, reiste in Booten durch Frankreich und Europa, fortwährend Fiction raushauend, kollidierte schon 1930 mit dt. Staatsschützern, sah Hitler, traf Trotsky, verkehrte mit André Gide, Charlie Chaplin, Thornton Wilder, Josephine Baker, Fellini und Henry Miller, hatte wilde Marketingideen, war während der deutschen Besatzung in Frankreich mal als angeblicher Jude gefährdet, danach als angeblicher Kollaborateur, scherte sich nie ums comme-il-faut, verhandelte beinhart mit Verlegern und Filmleuten und kultivierte einen grandseigneuralen, teils skurrilen Lebensstil.

Simenons legendären Frauenverbrauch streift Assouline nur am Rand. Die zweite Ehefrau Denyse mit ihren psychischen Problemen erhält ein paar eigene Absätze. Hier setzt meine einzige inhaltliche Kritik ein: Ich hätte gern mehr über Tigy erfahren, die erste Mme Simenon, die mit ihm durch Armut und deutsche Besatzung ging, sein Leben und seine Arbeit organisierte und später laut Scheidungsbeschluss samt Sohn in seiner Nähe zu leben hatte. (Auch seine langjährige Haushälterin und Geliebte Boule und seine komma-besessene Lektorin Doringe würde ich gern näher kennenlernen. Vielleicht bietet die ungekürzte frz. Ausgabe diese Aspekte.)

Sehr viel Raum erhält Simenons Haltung zu Juden und zu den deutschen Besatzern in Frankreich. Assoulines Fazit hier (S. 199):

Simenon remained Simenon: an opportunist above all else.

Gelegentlich staunt man, wie genau der Biograf Gefühle oder Dialoge wiedergibt, zumal Simenons Erinnerungsbücher notorisch unzuverlässig sind – aber Assouline erzählt auf jeden Fall gut, und er hatte ja mit Simenon und dessen Umfeld ausführlich gesprochen. Mitunter verwendet der französische Autor Namen und Begriffe, die Nicht-Franzosen genauer erklärt werden sollten. Assouline schrieb später mehr Einschlägiges wie Autodictionnaire Simenon (2011, 640 Seiten).

Französischer Autor auf Englisch von Deutschem gelesen:

Assouline schrieb französisch, ich habe die englische Übersetzung von Jon Rothchild gelesen. Zwar gibt es ein paar Assouline-Bücher auf Deutsch, doch ausgerechnet die Simenon-Biografie gelangte zwar ins Italienische, aber nicht ins Deutsche (Stand Juni 2019) – pourquoi, donc?

Wie erwähnt hat die englische Ausgabe lt. Paginierung 447 Seiten, die frz. dagegen 1059. Hier wurde im Englischen wohl massiv gekürzt, aber die englische Ausgabe (relativ große Seiten relativ eng bedruckt) liefert keinerlei Hinweis auf Kürzungen in Impressum, Vor- oder Nachwort. Hier sollte Daniel Kampa Abhilfe schaffen: eine deutsche ungekürzte Ausgabe muss her.

Zur Übersetzung:

Die englische Übertragung klang für mich immer stimmig und nicht nach „Übersetzung“. „Many French books lost their flavor in other languages“, warnt ein englischer Simenon-Verleger im Buch auf S. 154, aber die Sorge ist hier unbegründet; die New York Times hielt die Übersetzung indes für „pedestrian“.

Bei den meisten Simenon-Romanen nennt der Übersetzer zunächst den frz. und dann in Klammern den engl. Titel – gelegentlich bringt der Übersetzer nur den frz. Titel. Mitunter erscheinen auch frz. Ausdrücke unübersetzt, z.B. „tout court“ dreimal auf S. 91 und erneut auf S. 145, „Sime-non-lieu“ auf S. 126, „Histoires de partout et d’ailleurs“ auf S. 170, „au courant“ auf S. 194, „je me souviens“ auf S. 232.

Manchmal weist der Übersetzer umgekehrt auf sprachliche Besonderheiten hin, liefert aber ausschließlich die englische Entsprechung; dort hätte ich gern *auch* den frz. Ausdruck gehabt (z.B. beim frz. Pendant zum engl. „wild blue yonder“ – wie sagt man das auf Frz.? – oder bei Simenons übersetztem Ausdruck „semi-bread-and-butter literature“, der nur auf Engl. erscheint).

(Die auf Englisch geschriebene 1995er Simenon-Biografie The Man Who Wasn’t Maigret von Patrick Marnham gibt’s dagegen auch auf Deutsch, und englische und deutsche Version bringen viele französische, nicht übersetzte Ausdrücke. Marnhams Biografie erscheint in Assoulines Literaturliste, jedenfalls in der 1997er-Assouline-Übersetzung ins Englische. Im Lauftext, im Index und in der Danksagung erscheint der Name Marnham nach meiner Übersicht nicht; es ist aber durchaus möglich, dass Assouline Marnham-Erkenntnisse präsentiert und den Urheber nur in einer Endnote, nicht im Lauftext nennt; das habe ich nicht systematisch überprüft. Assoulines Name erscheint auch in Marnhams Literaturliste, und in der engl. Ausgabe zitiert Marnham Assoulines Erkenntnisse viermal; die dt. Ausgabe unterschlägt mindestens einmal den Hinweis auf Assouline.)

Zur verwendeten Ausgabe:

Meine Hardcover-Ausgabe des Verlags Chatto & Windus 1997 hat relativ dicht bedruckte Seiten und:

  • Haupttext inkl. Vorwort: ca. 391 Seiten
  • Anhang (Bibliografie, Endnoten, Danksagung): ca. 54 weitere Seiten
  • Gesamtseiten lt. Paginierung: 447
  • Nicht paginierte SW-Fotoseiten auf Fotodruckpapier: 32 (gute Repro-Qualität)
  • Gewicht: ca. 926g
  • Dicke: ca. 40mm
  • Gesamtseiten d.frz. Originals: 1059

Das schwere, eng bedruckte englische Buch wirkt in der Hand und beim Lesen, als ob es mehr als 391 Seiten Haupttext umfasste. Die zahlreichen Endnoten bringen nach meiner Übersicht tatsächlich nur bibliografische Angaben und keine vertiefenden Hintergrundinformationen; wer also nicht gerade eine genaue Quellenangabe sucht, muss nicht nach hinten blättern.

Vergleich der Simenon-Biografien von Assouline (1992) und Marnham (1993):

(Assouline habe ich in der scheinbar gekürzten englischen Übersetzung gelesen, Marnham im engl. Original mit Stichproben in der dt. Ausgabe.) Die zwei Autoren im Testfeld sind erfahrene Biografen, Journalisten und teils Belletristen. Beide sprachen mit Simenons Kindern und den letzten Mitarbeiterinnen; Assouline hatte evtl. mehr Zugang (und Marnham zitiert mehrfach Assoulines Erkenntnisse).

Gewiss unterhält Assouline besser und vielleicht lernt man bei Marnham mehr (im Vergleich zur *gekürzten* engl. Assouline-Ausgabe), zumindest über Simonons junge Jahre und einige Nebenfiguren, ebenso über Kommissar Maigret (Entwicklung, Wesenszüge). Die deutsche Marnham-Ausgabe ist lieblos mechanisch übersetzt, Assouline gab’s im Juli 2019 gar nicht auf Deutsch.

Assouline hat deutlich mehr über Simenons Verlagsbeziehungen und Haltung zum Judentum; seine Darstellung Simenons im 2. Weltkrieg erschien mir übersichtlicher. Marnham bringt m.E. mehr Details aus Simenons Jugend und mehr Einzelheiten zu den Romanen, auch über die biografischen Bezüge hinaus. Assouline hat mehr über Simenons häusliche Situation in Lüttich.

Assouline erzählt mit kürzeren Sätzen und vielen knappen Dialogen. Marnham erzählt etwas epischer ohne Dialoge und evtl. mit mehr zeithistorischen Hintergründen; er liefert deutlich mehr unübersetztes Französisch in der dt. Ausgabe und mehr noch in der engl. Ausgabe, meist zwei bis acht Wörter.

Assouline belegt fast alles mit Endnoten, Marnham verzichtet ganz auf Endnoten (er bringt freilich auch weniger Zitate, aber die vorhandenen Zitate lassen sich nicht immer zuordnen, erst recht nicht die Quellen für Tatsachenbehauptungen). Die engl. Marnham-Ausgabe zeigt zwei schlichte SW-Landkarten, die Eindeutschung und Assouline haben keine; die engl. Marnham-Ausgabe hat die Bilder in sehr mäßiger Qualität auf ungestr. Textdruckpapier, die dt. Marnham-Ausgabe kann’s nicht viel besser auf gestr. Fotodruckpapier; die engl. Assouline-Ausgabe liefert besseren Fotodruck auf gestr. Fotodruckpapier.

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