Biografie-Rezension: Fidel Castro, von Robert E. Quirk (2002) – 7 Sterne


Das großformatige, dicht bedruckte, schwere Buch reicht bis 1992, ist sehr flüssig erzählt und tief recherchiert. Zudem macht Robert E. Quirks Biografie Castro, Kuba und die Zeit sehr lebendig, er wäre auch ein guter Magazinjournalist (er studierte lt. Vorwort einst Journalismus; ich kenne nur das englische Original als W.W. Norton-Taschenbuch, nicht die dt. Übersetzung). Gelegentlich fragte ich mich, wie Quirk an gewisse atmosphärische Details gekommen sein will, zumal die Zuordnung von Textstellen und Quellenbelegen in den Endnoten unübersichtlich ist (pro faktenprallem Absatz nur eine Endnote, dort dann mehrere Quellenangaben ohne zeilengenaue Zuordnung).

Länger widmet sich US-Professor Quirk (1918 – 2009) auch Che Guevara und Salvador Allende. Frank País und Raúl Castro figurieren eher knapp, noch knapper Celia Sanchez. Fast völlig ignoriert Quirk die kubanische Mafia, die sonst oft als Grund für kubanische Unzufriedenheit vor 1959 erscheint (in Quirks Stichwortverzeichnis steht „Mafia“ gar nicht und Pate Meyer Lansky nur zwei mal).

Quirk bewertet Castro zunächst nicht explizit. Aber er bringt reihenweise Begebenheiten und Zitate, die alle in die gleiche Richtung gehen und ein sehr geschlossenes Bild von Castro ergeben; ob Quirk dabei einseitig ist, weiß ich nicht. Ab etwa Seite 400 (1962) tritt seine Meinung offener hervor.

In dieser sehr langen Biografie schildert Quirk einige Dinge zu ausführlich:

  • die wirre kubanische Parteienlandschaft der frühen 1950er Jahre
  • die inneramerikanischen Vorgänge vor dem Schweinebuchtüberfall, den er wie die Kubakrise aus US-Sicht beschreibt
  • Castros meterlange, betonköpfige Reden und TV-Auftritte; damit will Quirk den Líder offenbar wieder und wieder und wieder in ein bestimmtes Licht stellen; hier hätte der Verlag kürzen müssen

Bloßstellen will Quirk sicher auch einige Schriftsteller und Intellektuelle bis hin zu Gabriel García Marquez; deren regimetreue Ergebenheitsadressen breitet der Biograf genüsslich aus. Hatte er über die ersten rund 500 Seiten streng chronologisch erzählt, liefert er zu Schriftstellern, Unterdrückung und Kuba in Afrika einige Hintergrundkapitel, die mehrere Jahrzehnte im Schnelldurchlauf schildern.

Übersicht des Quirk-Castro-Buchs in der engl. TB-Ausgabe von W.W. Norton:

  • Gesamtseiten: ca. 899 (dabei mehr Text pro Seite als übliche Bücher)
  • Seiten Haupttext: ca. 843 (je nach Berücksichtigung von Leerseiten, wechselnder Paginierung etc. entstehen andere Zählungen)
  • Seiten Anhang: ca. 57
  • SW-Fotoseiten: 16 (auf Textdruckpapier, nicht paginiert)
  • Gewicht: 1145 g
  • keine Zeittafel, keine Jahreszahlen über den Seiten im Haupttext

Die Absätze in den langen Kapiteln werden grundsätzlich nur durch einfache Zeilenschaltung getrennt – nicht auch mal durch doppelte Zeilenschaltung, also eine Leerzeile, die Orientierung und Luft zum Atmen gibt. Zitate rückt Quirk grundsätzlich nicht blockartig ein. Insgesamt entsteht also ein sehr homogenes, vielleicht schon zu gleichförmiges Textbild auf den sehr großen, dicht bedruckten Seiten.

Im Jahr 1992 endet die Biografie mit einer eindeutigen Prognose für Castros Schicksal im Jahr 2000. Bei der professionellen Kritik wurde das Buch weniger beachtet. Die FAZ verriss Inhalt und Übersetzung der deutschen Ausgabe.

Kurzvergleich mit Volker Skierkas Castro-Biografie:

Volker Skierkas Castro-Biografie reicht bis ins Jahr 2000, also weiter als Quirks Buch. Trotzdem ist Skierkas Buch deutlich kürzer. Skierka schreibt weitaus unpersönlicher, wie ein historisches Lehrbuch. Lebendig werden Land und Líder nur bei Quirk, nicht bei Skierka; Skierka zitiert Castro nur mit langen, staatstragenden Sätzen, Quirk auch mit viel persönlichem O-Ton; durch die (tendenziöse?) Wiedergabe von Begebenheiten und Zitaten, die alle eine ähnliche Richtung gehen, signalisiert Quirk unmissverständlich seine Meinung über Castro, ohne dass er sie explizit äußern müsste – bei Skierka hat Castro eine andere und auf jeden Fall blassere Persönlichkeit.

Quirk schreibt sehr lange streng chronologisch und später mit übersichtlichen Rückblenden zu Schwerpunktthemen wie Schriftstellern und Afrika-Engagement; Skierka liefert gelegentlich etwas verwirrende Zeitsprünge. Quirk schreibt zudem viel flüssiger (ich kenne von Quirk nur das englische Original) und teils richtig spannend, davon kann bei Skierka keine Rede sein. Nur Skierka geht jedoch auf die Rolle der Mafia vor 1959 ein und zitiert DDR-Quellen. Quirk bespricht viel ausführlicher den US-kubanischen Austausch und Vorgänge in US-Stellen. Nur Skierka bietet Zusammenfassungen und Resümees etwa zu Castros Verhältnis zu Demokratie oder Religion; dies wird bei Quirk teils implizit deutlich.

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