Biografie-Rezension: Der Mann, der nicht Simenon war, von Patrick Marnham (1993) – 7 Sterne


Patrick Marnham malt gern atmosphärisch aus, doch die Zeit vor Simenons Geburt beschreibt er zu ausführlich – Simenons Vorfahren und ihre Lebensumstände in Lüttich und andernorts. Auch Simenons Kindheit und Jugend erscheinen sehr ausführlich: Der Zeit, bis Simenon 1923 von Lüttich nach Paris zieht um seine Karriere zu beginnen, widmet die dt. Biografie-Ausgabe überproportional großzügige ca. 126 von ca. 400 S. Haupttext (i.d.engl. Ausgabe ca. 102 von 320 Seiten Haupttext). Da war Simenon (1903 – 1989) etwa 20 und hatte noch längst nichts unter eigenem Namen geschrieben. Einige Nebenfiguren beschreibt Marnham zu ausführlich, zu anderen gibt es wieder fast nichts.

Ich las das Buch im engl. Original mit Stichproben in der dt. Übersetzung des Knaus-Verlags. Marnham schreibt etwas umständlich und wiederholt sich gelegentlich, der Ton ist manchmal etwas demonstrativ kennerhaft, vor allem in den ersten Kapiteln. Es ist noch passabel lesbar, aber kein Vergnügen wie beim unmittelbaren Konkurrenten Assouline.

Nicht flüssiger macht es Marnhams Text, wenn er Quellenangaben mit hineinstricken muss wie in „as Jean-Christoph Camus has pointed out…“ (S. 64), „as Jean-Christophe Camus has revealed“ (S. 66) oder erneut „as Jean-Christoph Camus has pointed out“ (S. 68): Weil Marnham komplett auf hochgestellte Ziffern und bibliografische Fuß- oder Endnoten verzichtet, geht’s indes nicht anders. (Oft bleiben so Zitaturheber und andere Hintergründe einfach unklar, und der Verzicht auf Nachweise wiegt umso schwerer, weil Simenon so viele, aber unzuverlässige Memoirenbände schrieb – man möchte wissen, ob Marnham eine Information aus den Simemoiren holte.)

Cousin und Kusine:

Über Simenons legendären Frauenverbrauch schreibt Marnham wenig; desto mehr verwundert in der dt. Übersetzung dieser Teilsatz (S. 131):

(…) einen großen Teil der Zeit hatte er mit einem entfernten Vetter in einem Stundenhotel verbracht.

Monsieur „10.000 Frauen“ im Bett mit einem Vetter? Tatsächlich hat der deutsche Übersetzer Helmut Kossodo hier das englische Wort „cousin“ mit „Vetter“ übertragen – aber das englische „cousin“ kann auch Cousine/Kusine heißen, und das war sicherlich gemeint – und nicht „Vetter“. Der entsprechende englische Teilsatz lautet im Original (S. 89):

(…) for much of the time he had been in a hôtel de passe with a distant cousin.

Dies scheint ein eindeutiger, grober Fehler zu sein. Ich habe die dt. Übersetzung ja nur stichprobenartig geprüft (hier, weil ich sehen wollte, wie Kossodo hôtel de passe eindeutscht). Es ist nicht das erste Mal, dass ich entstellende Übersetzungsfehler in einem „anspruchsvollen“ Buch eines „anspruchsvollen“ Verlags sehe (z.B. auch hier) und frage mich, wie viele Fehler die dt. Fassung noch enthält.

Unübersetztes Französisch:

Unbefriedigend: Öfter bringt die deutsche Ausgabe französische Ausdrücke *un*übersetzt, wo auch das englische Original unübersetztes Französisch liefert, u.a. bei „antisemitisme de peau“ (dt. S. 105, i.d.engl. Ausgabe „anti-Sémitisme de peau“, S. 68), bei „vicieux“ (dt. S. 120, engl. S. 80), bei „Paris consacre“ (dt. S. 125, engl. S. 84), „manger et faire l’amour“ (dt. S. 151, engl. S. 107), „supprimez toute la littérature, et ça ira“ (dt. S. 157, engl. S. 112), „petits poi“ (dt. S. 210, engl. S. 153), “ bêtises… obsédé sexuel“ (dt. S. 219, engl. S. 160), „professionelles de passage“ (dt. S. 221, engl. S. 161), „en tant de publique ordinaire“ (dt. S. 165, eng. S. 118), „tant pis pour le classement… tant pi pour moi“ (dt. S. 312, engl. S. 235).  Meine Meinung: Wenn sich Ausdrücke nicht glatt in Klammern übersetzen lassen, sollte der Übersetzer erst recht eine Erklärung mitliefern.

Manchmal bringt der deutsche Übersetzer französische Ausdrücke mit deutscher Erklärung, wo das englische Original Französisch ohne englisches Synonym geliefert hatte, etwa bei ‚“déicides“ („Gottesmörder“)‘ (i.d. engl. Ausgabe S. 69) oder bei ‚“comprendre et ne pas juger“ („verstehen und nicht verurteilen“)‘ (d. S. 105, engl. S. 68), „Puffmutter, patronne de maison close“ (dt. 221, engl. S. 161), „farouchement munichois“ (dt. S. 228, engl. S. 167).

Besonders traurig stimmt der Verzicht auf eine Übertragung des ursprünglich Französischen in die „Amtssprache“ des Buchs, Deutsch oder Englisch, wenn die Worte eine besondere Bedeutung haben. So liest man etwa jeweils unübersetzt über eine Künstlergruppe (dt. S. 112, engl. S. 74):

„La Caque“, ursprünglich „Le Cénacle“, später „L’Aspic“ genannt – die wechselnden Namen sind bezeichnend (…)

(Der Ausdruck „La Caque“ wird später im Lauftext umschrieben.)

Auch offenbar nicht auf Deutsch oder Englisch vorliegende Simenon-Buchtitel übersetzen weder Marnham noch der dt. Übersetzer, z.B. beim Frühwerk „Au Pont des Arches“ (eng. S. 70, dt. S. 108) oder bei „Bouton de col“ (engl. S. 72, dt. S. 110) – hier hätte man sich wieder von Autor, Übersetzer und Lektorat mehr Einsatz gewünscht.

Bei allen Stichproben in der dt. Ausgabe schien mir die Übersetzung lieblos zu wörtlich, da klang das englische Original besser. Die Primär-Bibliografie im Anhang nennt nicht etwa alle Bücher, die Simenon in seiner Sprache Französisch herausbrachte – sondern nur die bei Diogenes auf Deutsch erschienenen, in typischer Diogenes-Typografie, ohne Jahreszahlen.

 Zur verwendeten dt. Ausgabe:

Meine Hardcover-Ausgabe des Knaus-Verlags hat Schutzumschlag, kein Lesebändchen, eher eng bedruckte Seiten und:

  • Haupttext inkl. „Vorspiel“: ca. 400 Seiten
  • Anhang (Bibliografie, Register, Danksagung, Zeittafel vorn): ca. 35 weitere Seiten
  • Gesamtseiten lt. Paginierung: ca. 445
  • Nicht paginierte SW-Fotoseiten auf gestr. Fotodruckpapier: 32 (mäßge Repro-Qualität, hier keine Landkarten)

Zur verwendeten engl. Ausgabe:

Meine TB-Ausgabe des Verlags Harcourt Brace hat relativ große, normal dicht bedruckte Seiten und:

  • Haupttext inkl. Vorwort: ca. 320 Seiten
  • Anhang (Bibliografie, Register, Danksagung, Zeittafel vorn): ca. 33 weitere Seiten
  • Gesamtseiten lt. Paginierung: xviii + 346
  • Nicht paginierte SW-Fotoseiten auf ungestr. normalem Textdruckpapier: 32 (mäßige Repro-Qualität; dazu 2 schlichte je ganzseitige SW-Landkarten)
  • Gewicht: ca. 744g
  • Dicke: ca. 30mm

Vergleich der Simenon-Biografien von Assouline (1992) und Marnham (1993):

(Assouline habe ich in der scheinbar gekürzten englischen Übersetzung gelesen, Marnham im engl. Original mit Stichproben in der dt. Ausgabe.) Die zwei Autoren im Testfeld sind erfahrene Biografen, Journalisten und teils Belletristen. Beide sprachen mit Simenons Kindern und den letzten Mitarbeiterinnen; Assouline hatte evtl. mehr Zugang (und Marnham zitiert mehrfach Assoulines Erkenntnisse).

Gewiss unterhält Assouline besser und vielleicht lernt man bei Marnham mehr (im Vergleich zur *gekürzten* engl. Assouline-Ausgabe), zumindest über Simonons junge Jahre und einige Nebenfiguren, ebenso über Kommissar Maigret (Entwicklung, Wesenszüge). Die deutsche Marnham-Ausgabe ist lieblos mechanisch übersetzt, Assouline gab’s im Juli 2019 gar nicht auf Deutsch.

Assouline hat deutlich mehr über Simenons Verlagsbeziehungen und Haltung zum Judentum; seine Darstellung Simenons im 2. Weltkrieg erschien mir übersichtlicher. Marnham bringt m.E. mehr Details aus Simenons Jugend und mehr Einzelheiten zu den Romanen, auch über die biografischen Bezüge hinaus. Assouline hat mehr über Simenons häusliche Situation in Lüttich.

Assouline erzählt mit kürzeren Sätzen und vielen knappen Dialogen. Marnham erzählt etwas epischer ohne Dialoge und evtl. mit mehr zeithistorischen Hintergründen; er liefert deutlich mehr unübersetztes Französisch in der dt. Ausgabe und mehr noch in der engl. Ausgabe, meist zwei bis acht Wörter.

Assouline belegt fast alles mit Endnoten, Marnham verzichtet ganz auf Endnoten (er bringt freilich auch weniger Zitate, aber die vorhandenen Zitate lassen sich nicht immer zuordnen, erst recht nicht die Quellen für Tatsachenbehauptungen). Die engl. Marnham-Ausgabe zeigt zwei schlichte SW-Landkarten, die Eindeutschung und Assouline haben keine; die engl. Marnham-Ausgabe hat die Bilder in sehr mäßiger Qualität auf ungestr. Textdruckpapier, die dt. Marnham-Ausgabe kann’s nicht viel besser auf gestr. Fotodruckpapier; die engl. Assouline-Ausgabe liefert besseren Fotodruck auf gestr. Fotodruckpapier.

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