Biografie-Kritik: Canaris, Hitlers Abwehrchef, von Michael Mueller (2006) – 6 Sterne

Sieht man davon ab, dass Michael Mueller mit Canaris‘ Verhaftung und Hinrichtung beginnt und dann zurückblendet, verzichtet der Biograf gänzlich auf romanhaftes Dramatisieren und Auspolstern. Es gibt kein theatralisches Ausmalen einzelner Szenen, kein Psychologisieren, kein seriell rhetorisches Fragen. Das schließt Mueller im Vorwort auch kategorisch aus, verpflichtet sich zu „größtmöglicher Nüchternheit“ (S. 8 des List-Taschenbuchs von 2007) – er will sich damit auch von früheren Biografen absetzen.

Diese Nüchternheit erfreute mich nach Arne Molfenters aufdringlich ausgeschmücktem Garbo, der Spion; Mueller klingt aber fast schon zu trocken: 1915 flieht Wilhelm Canaris zwei Monate lang abenteuerlich durch Chile, Argentinien und dann per Boot mit einigen südamerikanischen Zwischenstopps bis nach Deutschland – toller Stoff für Biografen, die das laut Mueller „immer wieder in den schillerndsten Farben ausgemalt“ und die Dauer weit übertrieben haben (S. 57f). Laut Mueller ist jedoch „die Quellenlage für diese Zeit eher dürftig“ (S. 58), darum äußert auch er sich eher dürftig über diese Flucht durch Anden.

Zurückhaltender Ton:

Später berichtet Mueller ebenfalls zurückgenommen, etwa bei Canaris‘ lebensgefährlichen U-Boot-Kämpfen. Canaris‘ schwierige Flucht aus Spanien 1916 schildert Mueller so verwickelt und gewissenhaft, als ob er Spannung unterdrücken wolle. Wie Canaris um 1937 herum Distanz zu Hitler, Heydrich und der Gestapo zeigt und auch gegenüber Kollegen äußert, kommt sehr abrupt und wird von der Biografie nicht vorbereitet (ebensowenig wie Canaris‘ Ehe samt Anbahnung übrigens, die auch mit zwei Sätzen abgehakt ist). Plötzlich ist Canaris „Opposition“, konspiriert gegen Hitler. Bloß nicht deuten, psychologisieren (der frühere Canaris-Biograf Höhne benennt dagegen ein eindeutiges Ereignis, das Canaris gegen Hitler aufbrachte, dessen Kapitel heißt deswegen sogar „Wendepunkt“). Die Hinrichtung seiner Hauptfigur beschreibt Mueller ebenso rein sachlich. Deutsche Grausamkeiten v.a. im Osten und Canaris‘ Komplizität stellt Mueller dagegen deutlicher heraus als Höhne.

Zwar schaut Mueller regelmäßig voraus wie hier auf S. 64:

Daß ihn dieses Gefühl trog, sollte sich schnell erweisen.

Bei ihm ist es jedoch weniger peinlich dräuende Vorahnung als retrospektive Faktenschau. Statt zu psychologisieren und dramatisieren, bettet der Biograf seine Hauptfigur lieber in geschichtliche Zusammenhänge ein, bei denen die Hauptfigur manchmal fast aus dem Blick gerät. So beschreibt Mueller die Berliner Wirren um 1919 über viele, viele Seiten, obwohl Canaris seiner Meinung nach nur eine winzige Rolle spielte und tatsächlich kaum auftaucht – das ist mehr Geschichtsbuch als Biografie. Auch die Jahre 1933 bis 1937 sind bei Mueller eher Institutionenkunde und Geschichtsstunde als Canaris-Biografie, ebenso wie der Kriegseintritt. Mueller betont ja schon im Vorwort, es gebe von Canaris nichts Persönliches: „kein privates Tagebuch, eine verschwindend geringe Zahl von Briefen“; so bleibe dem Biografen „nur der Versuch, ihn ((Canaris)) so exakt wie möglich an seinem historischen Ort zu fixieren und ihn in seiner Umgebung zu spiegeln, die fast immer nur die berufliche und dienstliche war“ (jew. S. 8).

Auch ein Urteil über Canaris verwehrt sich Mueller, er sieht seinen Protagonisten weder „im Zwielicht“ (so der Höhne-Buchtitel) noch als „Patrioten“, ja, allen Urteilen sei sogar „zu misstrauen“ (S. 8).

Substantivierungen und Passiv:

Journalist und Sachbuch-Routinier Mueller (*1965) schreibt oft spröde, verwendet steife Substantivierungen und Passivkonstruktionen (was gelegentlich Komprimierung des Inhalts erlaubt), beendet tief gestaffelte Sätze teils zwei Zeilen zu spät, bändigt Stofffluten und Grammatiktücken nicht immer; wiederholt verwendet Mueller nach einer Reihe von Akteuren das Pronomen „dieser“ falsch. Er klingt nie markant, charmant oder mitreißend, sondern je nach Temperament des Lesers nüchtern bis basal verholzt. (Der Unterschied zu Heinz Höhnes plastisch geschriebener Canaris-Biografie von 1976 könnte kaum größer sein – im Stil, auch in der Materialauswahl; der damalige Spiegel-Redakteur Höhne erzählt mit Zug und befeuert die Vorstellung des Lesers mit immer neuen kleinen Details; das Personal gewinnt mehr Charakter.) Nach meinem Gefühl schreibt Mueller in der zweiten Buchhälfte etwas flüssiger, liefert indes immer noch umständliche, von Wiederholung geplagte Konstruktionen wie diese, die aus einem fast eine Seite langen Absatz stammt (S. 386):

Aber auch an der Arbeit der Abwehr, speziell an dem Canaris-Statthalter Fiedler, der mit den Vertretern des SD, aber auch mit seinen eigenen Leuten nicht klarkomme und als Führer der Abwehrgruppe nicht geeignet sei, hatte von Arnim viel auszusetzen.

Materialflut:

Zur Materialflut betont Michael Mueller wiederholt, dass sich die wissenschaftliche Literatur zu Canaris‘ Zeit und zum deutschen Widerstand nicht in Gänze lesen lasse – trotzdem zitiert er zahllose Autoren, allein das Literatur- und Quellenverzeichnis geht über 33 enggedruckte Seiten. In meiner 576 Seiten langen Ausgabe endet der Haupttext darum schon auf Seite 427, dem folgt der gewaltige Anhang:

Die vielen hundert Endnoten dort sind manchmal eine halbe oder ganze Seite lang (z.B. Anmerkung 313 ab S. 504); sie enthalten also nicht nur Quellenangaben, sondern auch inhaltliche Hintergründe. Sehr interessierte Leser müssen also pro Seite Haupterzählung oft mehrfach nach hinten in die Anmerkungen blättern, am besten mit Hilfe eines zweiten, einhängenden Lesezeichens oder gar mit einem zweiten Buch; dazu kommt, dass Mueller manche Zitate im Haupttext nicht eindeutig einem Sprecher oder Adressaten zuordnet, was wiederum den Blick in die Anmerkungen erzwingt. Dies strengt besonders an, wenn Mueller Historikerurteile aus der Rückschau unter zeitgenössischen O-Ton mischt, die Zitate aber im Hauptext nicht kenntlich macht.

Weiter erschwerend dabei: dem Anmerkungenteil fehlen orientierende lebende Kolumnentitel wie „Anmerkungen zu Kapitel 2, S. 50 – 53“. Freilich haben Muellers Kapitel auch keine Nummern oder Jahreszahlen und über den einzelnen Seiten des Haupttexts stehen ebenfalls keine Jahreszahlen oder Kapitelüberschriften als lebende Kolumnentitel. Schon die Trennung zwischen Haupt- und Zwischenkapiteln erfordert hier Konzentration des Lesers.

Damit ist das Buch weit weniger leserfreundlich als möglich. Inhaltlich vertiefende Anmerkungen (also keine reinen Quellenangaben) gehören als Fußnote direkt auf die entsprechende Seite des Haupttexts oder gleich in den Haupttext, so dass man nicht nach hinten blättern muss (dieses Nach-Hinten-und-gleich-wieder-nach-vorn-Blättern ist übrigens noch umständlicher, wenn das Buch in einem Leseständer steht oder wenn man es horizontaliter in stabiler Seitenlage gegen eine Couchlehne hält). Der Haupttext ließe sich leichter erfassen, wenn die Kapitelüberschriften (auch) Nummern und/oder Jahreszahlen zeigen und wenn die Jahreszahl über jeder (rechten) Seite erscheint.

Das Buch endet hart mit Canaris‘ Tod. Kein Wort zu überlebenden Zeitgenossen, zu Frau und Kindern oder heutiger Canaris-Bewertung. Ich fand online Rezensionen zum Buch von SZ, FAZ, Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Kultur.

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