Besprechung Journalisten-Roman: Die Unperfekten, von Tom Rachman (2011, engl. The Imperfectionists) – 8 Sterne

Der Erfolgsroman schildert einen Reigen amerikanischer Journalisten in Rom, mitunter in Paris, Genf oder Kairo. Überwiegend spielt das Buch von 2005 bis 2010. Jedes Kapitel stellt einen anderen Akteur in den Mittelpunkt; kurze Rückblenden schildern die Entwicklung der Zeitung von 1953 bis in die erzählte Gegenwart.

Fazit:

Geistreich, kurzweilig, humorvoll und voller Redaktionsalltag – Die Unperfekten unterhalten fast perfekt. Die Beziehungen zwischen den Akteuren bleiben jedoch zu lange zu unklar.

Es gibt viel Redaktionskampf und etwas Liebe und Leben – meist mit gehetzten angelsächsischen Akteuren. Italiener sind die Ausnahme, nur italienische Weine und Speisen erscheinen reichlich.

Verwirrende Struktur:

Die Verbindungen zwischen den Akteuren, wer mit wem verheiratet ist oder im Praktikum zusammen war, entdeckt man erst nach und nach. Der New-York-Times-Kritiker musste das Buch deshalb zweimal lesen.

Der Reigen von Bonmots und verblüffenden Sätzen reißt nie ab (ich hatte die englische Ausgabe, kann also die deutsche Übersetzung nicht beurteilen). Die Dialoge klingen brillant und offenbaren unterschiedliche Persönlichkeiten. Man kommt mit dem Kichern kaum nach, die Unterbrechung der Lektüre fällt schwer.

„The Newspapering Temperament“:

Die Redakteurin Kathleen trifft nach vielen Jahren zufällig ihren Exfreund Dario und sie unterhalten sich. Sie erzählt ihm über ihren jetzigen Mann:

„He feeds me grapes most evenings“, she says. „It’s part of his duties.“

„That must suit you.“

„Depends on the quality of the grapes.“

Sie rauscht im Taxi zurück in ihre hektische Redaktion. Kaum sitzt sie im Auto:

Dario – who has slept beside her and woke beside her for six years of her life – has vanished from mind. She can’t help it: she’s of the newspapering temperament, and he’s no longer front page. When, she wonders, do people have time to contemplate anything? But she has no time to answer that.

Funkelnde Aperçus:

Das Beispiel oben zeigt nicht nur, wie Rachman funkelnde Aperçus ineinander schachtelt und sogar Billy Wilder alt aussehen lässt. Die Figuren demonstrieren auch die typische Nonchalance und Flüchtigkeit im Roman. Das Buch ist ein einziges Glitzerbonbon.

Freilich verkörpern manche Akteure zu einseitig bestimmte Charaktere, so die dauerhaft wütende Ruby; gelegentlich wird es zu unrealistisch, so mit zwei absurden Journalisten in Kairo oder einer besessenen Leserin.

Diese Figuren erscheinen in der zweiten Buchhälfte, die mich etwas weniger bezauberte: vielleicht, weil die Effekte abgenutzt waren; vielleicht, weil Kapitel und Einschübe in immergleicher Länge und Struktur erscheinen; vielleicht, weil hier eben weniger interessante, eher grobgeschnitzte und teils unrealistische Figuren agieren.

Der britisch-kanadische Autor Tom Rachman arbeitete selbst bei internationalen Medien in Europa und in Rom, unter anderem bei der International Herald Tribune selig – die historisierenden Abschnitte in Die Unperfekten erinnern deutlich an die IHT.

Vergleich mit einem anderen Tageszeitungs-Roman:

Rachman kennt den Redaktionsalltag und seine Protagonisten, das Buch klingt äußerst realistisch und medien-affin. Das ist auch der Unterschied zu einer anderen vergnüglichen Journalisten-Komödie:

Gegen Ende des Morgens bzw. Towards the End of the Morning von Michael Frayn (1967; auch er ein Ex-Redakteur) klingt eher wie eine allgemeine Bürosatire; Rachman spießt dagegen Redaktionsspezialitäten auf: das Ringen um korrekte Formulierungen, Zeilenschinderei, Andrucktermine, einspaltige Überschriften, den Existenzkampf der Freiberufler.

Beide Romane haben aber auch markante Parallelen, so das niedrige Renommee der Kreuzworträtsel-Redakteure oder Kollegen, die fortwährend Bonbons in den Mund stecken.

Vergleich mit einem anderen Büro-Roman:

Rachmann erinnert auch an Joshua Ferris‘ Wir waren unsterblich (2007, engl. Then We Came to the End): Beide schildern das Büroleben intelligent humorvoll und spielen ungefähr in der selben Zeit (um die Jahrtausendwende oder kurz danach).

Auch die Hintergründe der Autoren ähneln sich:

  • Rachman arbeitete in einer Redaktion und schrieb dann einen sehr erfolgreichen, humorvollen Erstlingsroman im Milieu seiner früheren Arbeit;
  • Ferris arbeitete in einer Werbeagentur und schrieb dann ebenfalls einen sehr erfolgreichen, humorvollen Erstlingsroman im Milieu seiner früheren Arbeit (wobei Ferris stärker auf das Büroleben allgemein eingeht, während Rachman die Besonderheiten einer Redaktion hervorhebt)

„Global Warming Good for Ice Creams“:

Rachman bringt einige schräge Überschriften („Global Warming Good for Ice Creams“) und Tippfehler („Sadism Hussein“). Zitiert er aus dem wahren Leben?

Neben Frayns Gegen Ende des Morgens erinnert Die Unperfekten natürlich auch an den Hollywood-Klassiker Ein Herz und eine Krone (1953, mit Gregory Peck und Audrey Hepburn) – er handelt ebenfalls von US-Journalisten in Rom.

Rachman verkaufte seinen Roman-Erstling für einen Rekordvorschuss und sammelte fast nur Lob; Brad Pitt kaufte die Filmrechte.

Interessante Kritiken:

Hansblog.de:

Geistreich, kurzweilig, humorvoll und voller Redaktionsalltag – Die Unperfekten unterhalten fast perfekt… Das Buch ist ein einziges Glitzerbonbon.

Frankfurter Allgemeine Zeitung:

Höchst unterhaltsam… Er verknüpft die einzelnen Episoden, die zumeist ohne Weiteres als in sich geschlossene Kurzgeschichten funktionieren, indem er die Handlungsstränge hintergründig zusammenführt.

Deutschlandradio Kultur:

Die Rankünen, die schrägen Beziehungen, die erotischen Racheaktionen. Mit viel Phantasie und Lust schildert er sie, nicht immer ohne Klischees… Rachman kann fraglos gut schreiben. Und uns neugierig machen. Immer möchte man wissen, wie es weitergeht.. Und immer wieder gelingt es Rachman auch, uns zu überraschen. Wunderbar seine Dialoge.

Medienjournal:

Durch den schieren Willen, ein höchstmögliches Maß an Unterhaltung herauszuschlagen schrammen manche der Figuren gefährlich knapp am Klischee vorbei und wirken nicht in jeder Situation glaubwürdig

New York Times:

So good I had to read it twice simply to figure out how he pulled it off… A precocious grasp of human foibles. The novel is alternately hilarious and heart-wrenching, and it’s assembled like a Rubik’s Cube

Washington Post:

One by one, these journalists are trotted through their tragicomic hamster wheels: hope spinning toward joy, spiraling down to loneliness. This episodic structure could easily turn dreary and repetitive if Rachman weren’t always finding new ways to surprise us.

Independent:

A funny novel of the sweet-and-sour variety, its humour leavened with real sadness

New Yorker:

This acute début portrays the world of neurotic journalists—“as touchy as cabaret performers and as stubborn as factory machinists”… Rachman, a former editor for the International Herald Tribune, paints the characters’ small dramas and private disappointments with humanity and humor

Christian Science Monitor:

The journalists at the English-language daily in The Imperfectionists are fortunate for two reasons: (1) They’re fictional. (2) They’re in Rome… a tone that’s humorously painful, rather than painfully funny… bittersweet satire

Kirkus Reviews:

Rachman’s ability to create a diverse group of fully formed individuals is remarkable… The individual stories work well independently, even better as the author skillfully weaves them together… The interpolated chapters about the paper’s past aren’t very interesting; the final entry ends with a ghastly shock; and the postscript is too cute.

New York Journal of Books:

If you wish to read something that has more of an emotional punch, however, you may want to pick up another novel – one that doesn’t sound as much like one newspaper story after another.

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