Bergfilmfestival Tegernsee 2014: Lauter laute Filme – und ein ganz ruhiger wird Sieger, nein: doppelter Sieger (mit drei Videos)

Beim Bergfilmfestival Tegernsee 2014 liefen viele laute Filme mit aufdringlicher Musik und teils aufdringlicher Dramaturgie, so etwa die Everest-Spieldoku Beyond the Edge (Besprechung auf HansBlog.de) und weitere: Berge werden mit schwülstiger Geigensauce aus der Synthesizer-Tube eingeseift, dumpft dräut es in Momenten der Gefahr, und zu Temposport gehört natürlich anstrengender Hardrock. Das Ganze beträufelt mit präpotenter Wichtigtuerei.

Manipulative Klänge:

Kaum ein Film verzichtet auf aufwühlende Klänge aus der Konserve, viele gehen weiter und nutzen auch dramatische Kameraperspektiven, hektischen Schnitt, unruhige Kamera, Zeitrafferwolken, Jumpcuts, Zeitlupe, Stop-Motion, schwindelerregende Drohnentrips, den üblichen Wahnsinn. Sogar der früher so geerdete Heinz Zak unterlegte Fotoserien und kurze Bergvideos mit bombastischer Musik, die unbefangenen Bildgenuss verhindert.

Auch die (fantasielos betitelte) ORF-Produktion Die Bergretter – Am Limit zwischen Eis und Schnee manipuliert Zuschauergefühle ungeniert mit pompöser Musik – und stellt zudem die Person des Filmers und ORF-Moderators Markus Voglauer unangenehm in den Vordergrund (meine Meinung zu kamerasüchtigen Berichterstattern).

Bilder mit emotional manipulativer Musik unterlegen, das ist so, als ob mir einer seine Aufnahmen zeigt und unablässig sagt, „gut geworden, oder“, „das gefällt dir auch, stimmt’s“. Wie soll man das noch unbefangen aufnehmen? Ich vermeide Extremsport- und Lebensgefahrfilme mittlerweile schon; Bilder, Information und Geschichte könnten mir gefallen, doch die Gefahr unerträglicher Musikbelästigung ist zu groß.

Und dann der überraschende Sieger:

Umso verblüffender die Siegerehrung der Tegernseer Bergfilmspiele am 25. Oktober 2014: Zwar gingen zunächst einige Preise an die üblichen, überflüssigen Verdächtigen, so David Lamas betont lebensmüdes (und schon andernorts prämiertes) Gekraxel am längst totgefilmten argentinischen Felsklotz Cerro Torre (Video oben).

Doch dann, nach vielen Vorführungen mit lauten, schnellen, aufdringlichen, selbstsüchtigen Filmen geschah das Wunder von Tegernsee: Das ganz ruhige, zurückgenommene Tiroler Landportrait Der Bauer bleibst du erhielt

  1. den Großen Preis der Stadt Tegernsee und
  2. auch noch den Publikumspreis.

Die stille Dorfgeschichte war also der beliebteste Film nicht nur bei der fünfköpfigen Fachjury, sondern auch unter den Zuschauern. Kritisieren könnte man höchstens, dass hier eine versunkene, bäuerliche Welt stilisiert re-animiert wird.

Bei der Siegerfeier erzählte Benedikt Kuby über seinen Film Der Bauer bleibst du, dass er ihn ganz allein drehte – ohne eigene Leute für Kamera oder Ton, denn es gab keinen Senderauftrag. Und gerade so ein bescheidenes Werk mit wenig Musik erhält die zwei wohl wichtigsten Tegernseer Preise. Kuby sagte weiter, dass bisher nur Servus TV seinen Film zeigen wolle – aber um die Hälfte gekürzt, und das komme für ihn nicht in Frage.

Sogar mit Humor:

Interessant beim Festival waren diesmal zwei Filme mit Humor und Selbstironie – Qualitäten, die in den manisch-selbstbesessenen Bergfilmen so selten aufscheinen wie Palmen am Meer:

  • Nina Caprez und Cedric Lachat klettern am Silbergeier, mit kuriosem Schnitt und frechen Statements (nächstes Video)
  • In Vigia von Marcel Barelli leiden Trickfilm-Bienen unter Pestiziden – das hat kaum mit Bergen zu tun (auch wenn eine Trick-Biene zur Erholung kurz auf eine 1800er-Alm düst), amüsiert aber (übernächstes Video, der Trailer wird dem Acht-Minuten-Film nicht gerecht); Vigia erhielt dafür in Tegernsee auch einen Preis


Persönliche Anmerkungen zum Tegernseer Festival:

Seit 2006 sehe ich jährlich fünf bis sieben Veranstaltungen beim (immer hervorragend organisierten) Tegernseer Bergfilmfestival, immer auch die Siegergala; nur 2013 war ich reisebedingt nicht da. Der Anteil lauter, schneller, dröhnender Filme wächst nach meinem Empfinden, aber ich erlebe natürlich nur einen Bruchteil aller über fünfzig ausgewählten Produktionen.

Das Festival scheint mehr Geld zu benötigen: Diesmal liefen vor den Veranstaltungen und in den Pausen Werbefilme mit leisem Ton auf der Leinwand (für Gmund-Papiere und ein Servus-Landlust-Magazin). Die Mitgliedschaft bei den neugegründeten Bergfilmfreunden Tegernsee wurde mit Broschüren und Ansagen aufdringlich empfohlen (Pressebericht, Webseite).

Neu schien mir auch, dass bei der Siegerehrung Sponsorenvertreter zu Moderator Michael Pause auf die Bühne dürfen, so ein Herr vom Tegernseer E-Werk und einer von Gmund-Papiere, der Pause das Mikrophon voller Mitteilungsdrang aus der Hand riss. Gmund-Papiere wurde auch bei der Moderation erwähnt und hatte einen kleinen Stand bei der Siegerfeier.

Weitere Trends am Tegernsee:

Was mir noch auffiel 2014 in Tegernsee: Jahre lang hatte sich der Trailer, der vor jeder Veranstaltung läuft, nicht geändert. Der neue 2014er-Trailer (der vielleicht schon 2013 debütierte) ist nun eindeutig schlechter als der alte.

Und: Es gibt wie immer Filme, die mangels Bergbezug oder Qualität einfach nicht ins offizielle Programm gehören. Diesmal war es unter anderem Wasserstress von Dennis Timm, ein Bericht über Untersuchungen von Gletscherwasser. Der spröde Streifen (der wohl in verschiedenen Varianten existiert) mäandert ohne Dramaturgie hierhin und dorthin, Bild und Informationen fesseln nie. Vor Jahren lief mal ein Bericht über einen osteuropäischen Industriearbeiter, der aus Sehnsucht nach den Bergen auf Industrieschlote klettert und übers flache Land blickt. Sowas muss man sich dann ansehen.

Schlimmer noch bei der Siegerehrung 2014: Zum Buffet nach der Siegerehrung gehört kein Nachtisch mehr (Sponsor: E-Werk).

Nicht nur deswegen, sondern auch wegen der zunehmend hektischer und lauter werdenden Filme und wegen einiger sehr rücksichtsloser Zuschauer überlege ich ernsthaft, 2015 aus freien Stücken nicht mehr hinzugehen.


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