Rezension Bayern-Bauern-Doku: Das Ei ist eine geschissene Gottesgabe (1993) – 8 Sterne

Zu Besuch bei Sophie Geisberger, 78, Bäuerin auf einem Einödhof im Tölzer Land, zwischen Wolfratshausen und Penzberg. Wir sehen sie im Stall, im Garten, in der Küche, im Schlafzimmer, in der Kirche und beim Gebet in der eigenen Kapelle.

Zusätzlich lernen wir zahlreiche Ausländer kennen, die dort einquartiert sind, unter anderem Tschechen und Türken, sowie ein paar Deutsche. Auch zwei Taubstumme im Rentenalter leben dort; und ein Cellist, der so spielt, als ob er auch seit Geburt taubstumm sei.

Unmittelbare Bekanntschaft:

Die Kamera ist nah dran an der Bäuerin, und die redet frei von der Leber weg. Es scheint fast keine Kamera mehr zu geben – so vertraut wird „Oma“, wie sie allgemein heißt. Mal schaut der Briefträger vorbei und scherzt ein bisschen, mal kauft der Nachbar Eier.

Geisberger klopft interessante Sprüche auf Oberbayerisch, wie ich sie auch von anderen Einwohnern dort kenne. Ich frage mich nur, ob der Dialekt allgemein verständlich ist (meine BR-Ausstrahlung hatte wahlweise Untertitel). Den Filmtitel, Das Ei ist eine geschissene Gottesgabe, habe ich die Bäuerin nicht sagen hören; vielleicht habe ich nicht aufgepasst. Jedenfalls passt der Spruch zu ihr, und mit Eiern handelt sie.

Hinter der Fassade:

Vorderhand wirkt das bayerische Anwesen idyllisch, wenn auch leicht ungepflegt; doch hinter der Fassade herrscht Unzufriedenheit: Die Bäuerin ist geschieden und immer noch etwas verbittert; und der Sohn – ein gestandener Mann – ist auch geschieden.

Zudem ist die Bäuerin verkracht mit einem Pächter, und Brot für das benachbarte Restaurant darf sie auch nicht mehr backen, das Landratsamt hat es verboten. Ein paar Jahre zuvor wurde schon die Schwarzbrennerei des Hofes ausgehoben.

Kommentare der Ex-Partner:

Interessant: Regisseurin Dagmar Wagner lässt nicht nur Bäuerin und Sohn reden. Sie schneidet auch Kommentare der geschiedenen Ex-Partner dagegen, die nicht mehr auf dem Hof leben. Das ergibt ein rundes Bild mit eigenwilligen Charakteren.

Es ist eine Doku ohne erklärende Stimme aus dem Off und ohne Texteinblendung. Wir hören nur die O-Töne. So weiß man zunächst nicht, wer wie mit wem verwandt ist.

Der Film hat einen sensationellen Fluss. Wie die Bilder wechseln, wie Szenen mit O-Tönen hinterlegt werden, um dann wieder den Sprecher beim Sprechen zu zeigen, das gleitet  harmonisch dahin – und nie hektisch.

Schwarzweiß-Darstellung:

Wagner setzt Musik sparsam ein. Die Kamera gleitet etwas unruhig und in krummen Winkeln an Wänden entlang, um gelegentlich zu vielsagend auf banalen Gottessprüchen zu verweilen.

Einige Szenen erscheinen in Schwarzweiß mit einem Hauch Sepia, ein paar wenige Takes haben andere nostalgisierende Tönungen. Zunächst war ich gegen diesen Effekt, ein künstliches Auf-alt-trimmen. Später schien es mir eine plausible Möglichkeit, den Film zu strukturieren und etwas abwechslungsreicher zu machen.

Eineinhalb Jahre lang besuchte die Regisseurin laut dokumentarfilm.info den Hof jeden Freitag, um mit Geisberger Brot zu backen. Doch während man das Backen im Film ausführlich sieht, taucht Schnee nirgendwo auf.

Die Regisseurin:

Dagmar Wagner lieferte damit ihre Abschlussarbeit an der Münchner Filmhochschule – und schaffte gleich den Sprung in die Kinos. Im Wolfratshauser Sunrise-Kino, nicht weit vom Hof der Geisbergerin, lief der Film 16 Wochen und war Tage im voraus ausverkauft.

Die Filmdatenbank IMDB vermeldet wichtige Arbeiten der Regisseurin bis 2003, dann noch einen Nebenjob 2012 (Standt August 2014). Doch zeigte Dagmar Wagner noch 2014 den Film Ü100 auf dem Starnberger Fünf-Seen-Festival. Vielleicht ist das ein Spin-off einer anderen Aktivität: Wagner produziert Privat-Biografien.

Der BR hat Das Ei… in 720p-HD ausgestrahlt, aber das Bild wirkte meist flau und schwach. Der Film erschien 1993, und laut Abspann wurden die Untertitel 2011 produziert. Doch irgendeine Texttafel darüber, was aus der Bäuerin und ihrem Hof nach 1993 wurde, konnte ich nicht entdecken. Einen starken Gegensatz zu Das Ei… liefert die Doku Die schöne Krista über einen norddeutschen Agrarbetrieb (2013).


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