Rezension Artikelsammlung: Bamboo, von William Boyd (2005) – 7 Sterne

620 Seiten Text, und dann noch ein langes Stichwortverzeichnis: William Boyd verstaut hier, wie er sagt, rund 40 Prozent seiner nicht-belletristischen Zeitschriftenarbeiten von 1978 bis 2004. Ein Sammelsurium von Themen, oft Rezensionen oder Portraits von Schriftstellern und bildenden Künstlern, unterteilt in große Blöcke wie Life, Literature, Africa, und überwiegend nicht chronologisch.

Viele Stücke sind nur drei Seiten lang. Ich hätte gern mehr Hintergrundinformation. Aus den kurzen Titeln im Inhaltsverzeichnis wird oft nicht klar, ob Boyd eigene Erinnerungen, eigene Recherchen oder eine Buchrezension präsentiert, also bestenfalls Erfahrungen aus zweiter Hand.

Unterschiedlichste Themen:

Wo das Stück erstmals erschien, erfahren wir meist nicht. Es gibt lediglich eine Jahreszahl am Ende des Stücks – sie sollte aber besser zu Anfang erscheinen, so dass man zum Beispiel politische Kommentare besser einordnen kann. Bei den zahlreichen Sachbuchrezensionen – meist Künstlerbiographien oder Geschichtliches – erfahren wir viel über das Thema und weniger über die Qualität des Buches.

Boyd begründet sein Vorgehen beim Auswählen der Texte im Vorwort, aber ganz glücklich war die Auswahl nicht. So gibt es zum Beispiel drei Stücke über Ken Saro-Wiwa, die sich deutlich überschneiden. Auch zu Evenlyn Waugh liest man Wiederholungen. Details aus Boyds Jugend in Westafrika und in einem schottischen Internat erscheinen in ganz unterschiedlichen Stücken; das hätt man gern en bloc.

Boyds Biographie steckt mit drin:

Das Vorwort liefert interessante Details: So veröffentliche Boyd seinen ersten Roman 1981, doch vorher schrieb er schon zwei Romane für die Schublade. Möglicherweise gehören sie auch dahin, denn schon der erste veröffentlichte Roman – Unser Mann in Afrika, engl. A Good Man in Africa – klingt im Vergleich zu allen späteren Werken pubertär und derb satirisch.

Wir erfahren in Bamboo, wie sexbesessen die Insassen in Boyds schottischem Jungsinternat waren und dass er damals enorme fünf Pfund für das Foto einer aufregenden Frau im T-Shirt bezahlte; hier gründet offenbar die unermüdliche Schürzenjagd des Morgan Leafy, Hauptdarsteller in Unser Mann in Afrika. Wichtig findet Boyd auch seine erste bezahlte Rezension, sie erschien 1978.

Boyd zum Thema Afrika:

Boyd wuchs zeitweise in Afrika auf, mindestens drei seiner Bücher spielen (überwiegend) dort, und so hat Bamboo einen eigenen „Africa“-Teil. Der jedoch enttäuscht: Denn Autobiographisches gibt es kaum, oder Näheres über den Vater, einen Arzt in Afrika, der als Vorbild für den eindrucksvollen Dr. Murray aus der Verfilmung von Unser Mann in Afrika diente (dt. Titel Der letzte Held von Afrika).

Neben den erwähnten Saro-Wiwa-Stücken enthält der „Africa“-Teil lediglich ein paar Rezensionen historischer Bücher. Dafür bietet das „Life“-Kapitel ein paar Seiten Kindheits-Idylle aus Afrika, dann geht es weiter mit dem schottischen Internat. (Weitere Jugenderinnerungen verarbeitet Boyd offensichtlich in einigen Kurzgeschichten in der frühen Sammlung The Blue Afternoon bzw. At the Yankee Station.)

Was mir am Stil gefiel:

Im „Film“-Teil plaudert Boyd sehr interessant aus dem Nähkästchen, über seine Arbeit als Drehbuchautor und Regisseur, teils auch in Interviewform. Auch Details aus dem Schriftstellerleben fehlen nicht, so der elfjährige Rechtsstreit mit einem französischen Verleger oder die Vorgeschichte seiner Nat Tate-Biographie über einen fiktiven, aber sehr real wirkenden Künstler.

In seinen Romanen wie auch hier in der Non-Fiction schreibt Boyd gelehrt mit reichem Wortschatz, so dass ich mit den englischen Originalen etwas mehr Schwierigkeiten hatte als mit anderen englischen Büchern. Boyd klingt aber nie professoral oder langatmig, der Ton ist stets intelligent und nüchtern, mitunter minimal sarkastisch – Boyd schreibt fast überraschend glanzlos, wenn man den mitunter aufgejazzten Tonfall aus seinen Romanen dagegenhält.

Boyd redet stets unaufgeregt intelligent, ohne sich aufzuplustern. Dieser Stimme hört man gern zu, über 620 Seiten angenehmes Feuilleton.

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