Andalusien-Auswanderer: Bottle-brush Tree, von Hugh Seymour Davies – 5 Sterne

Er ist weit gereist und hoch gebildet. Darum findet Hugh Seymour-Davies oft verblüffende Parallelen, interessante Vergleiche und Formulierungen. Er portraitiert seine andalusischen Nachbarn und Handwerker mit nachsichtiger Überlegenheit.

Allerdings liefert Seymour-Davies auch sehr langatmige Beschreibungen von Landschaften, Festen, Ernteabläufen und Gebäuden: er will es ganz genau für die Nachwelt festhalten, doch es ermüdet. Einmal schildert der Autor sogar über mehrere Seiten seine Pläne für einen Garten – doch zu dem Zeitpunkt ist völlig unklar, ob er das begehrte Grundstück überhaupt kaufen kann; selbst im gartenversessenen England ist so viel hortologische Träumerei vielleicht übertrieben. Auch die ursprüngliche, unrealistische Wunschvorstellung eines andalusischen Heims wird zu Beginn breit ausgemalt. Warum?

Nicht immer ganz übersichtlich:

Zudem schreibt Seymour-Davies über einen sehr langen Zeitraum, vielleicht fünfzehn Jahre, die sehr unterschiedlich stark verdichtet erscheinen. Nicht immer wird klar, welches Ereignis wo auf der Zeitachse zu verordnen ist, und erst ganz am Ende rattert der Autor plötzlich eine lange Liste von Veränderungen herunter, als ob er das Buch nur noch schnell zu Ende bringen wollte.

Seymour-Davies lernt keine ernstzunehmenden Spanier kennen, sondern nur Käuze. Manche sind aufdringlich und platzen taktlos immer zum Abendessen herein; andere trinken zu viel und schlampen bei Handwerkerjobs; alle wollen zu viel Geld für Arbeit oder Immobilien. Freilich lässt Seymour-Davies die Handwerker bevorzugt dann ins Haus, während er gerade in England weilt und nicht aufpassen kann (wie er in England sein Geld verdient, erfahren wir nie).

Wer ist hier primitiv?

Seine Schilderungen besonders attraktiver oder unattraktiver Frauen haben mir nie gefallen (nur ein Beispiel: „Up to the age of 16, these local girls had the sleek fragility and ecstatic grace of impalas… but by the age of 20… the gazelles had turned into beef-calves, and soon thereafter they turned into oxen“). In einem Fall scheint Seymour-Davies sogar selbst zu erkennen, dass sein Starren Unbehagen erzeugt. Im Zusammenhang mit Spaniern nutzt er gern das englische Wort „primitive“.

Ingesamt passagenweise nett bei Portraits und Begegnungen – immer wenn Seymour-Davies konkret über einzelne Personen schreibt und auf Spott verzichtet. Aber die andalusischen Auswandererberichte von Chris Stewart, Michael Jacobs und David Baird sind auf unterschiedliche Art besser, ebenso wie Annie Hawes‘ Erfahrungen aus Ligurien. Bemerkenswert: Seymour-Davies gehört zur Minderheit der Good-life-Autoren, die Orts- und Personennamen anonymisieren.


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