Afrika-US-Roman: Der Regenkönig bzw. Henderson the Rain King, von Saul Bellow (1959) – 2 Sterne

Der Mittfünfziger Eugene Henderson lebt mit seiner jungen, attraktiven, zweiten Frau auf eigenem Anwesen. Geld ist kein Problem. Dennoch wird Henderson unzufrieden: Er geht nach Afrika und erreicht nach langer Wanderung ein völlig isoliertes Dorf, in dem er sich sofort heimisch und verstanden fühlt. Dort bleibt er eine Weile, später zieht er in ein anderes afrikanisches Dorf.

Afrika und USA:

Der Großteil des Romans spielt in afrikanischen Dörfern. Die ersten 60 von 340 Seiten beschreiben jedoch die Zeit in den USA, mit ein paar Ereignissen, die Hendersons Flucht nach Afrika begründen sollen. Auch die Afrika-Kapitel liefern gelegentlich noch Rückblenden auf die US-Zeit, vor allem auf Auseinandersetzungen mit Hendersons zwei Frauen (der Autor selbst war fünfmal verheiratet) und mit anderen Störenfrieden.

Die US-Kapitel klingen anregend echt und lebendig. Die Afrika-Kapitel wirken massiv unrealistisch und mit philosophisch-moralisch-esoterischem Zeugs überladen.

In den USA-Kapiteln hat Ich-Erzähler Henderson eine prägnante Stimme: Er klingt wie ein von sich überzeugter Selfmade-Typ, ein Kerl von einem Mann, der gern dem eigenen Redestrom lauscht, seine Farm und seinen Revolver im Griff hat. Nicht sympathisch, aber mitreißend echt. Ansatzweise erinnerte mich dieser Henderson an die bombastische Hauptfigur aus Tom Wolfes Ein ganzer Mann (engl. A Man Full). Dass Henderson klassisch Geige spielt und wiederholt humanistische Bildung zitiert, überrascht bei dieser Figur zunächst, doch auch Bellow spielte Geige und war sehr belesen.

Literarische Pappkulisse:

Das afrikanische Dorf ab Seite 60 wirkt so echt wie eine Pappkulisse in einem 70er-Jahre Bollywood-Film oder wie die Rückprojektion einer Stadtkulisse hinter „autofahrenden“ Hollywoodstars in den 50ern. Kein Satz, keine Beschreibung klingt hier passend. Offenbar hat Bellow nicht nur keine Afrika-Erfahrung, er müht sich noch nicht mal mehr um Realismus. Er nutzt das isolierte Dorf lediglich als Vehikel, um Philosophisches zu illustrieren. Episches Theater im Roman, als Afrika-Roman ungeeignet.

Dazu kommt, dass Hauptfigur Henderson in Afrika unerträglich daherschwafelt. Nicht nur über seine seelisch-moralisch Befindlichkeit mit esoterischer Bejahung banaler Lokal-Weisheiten; er redet auch schlicht zuviel und will die Afrikaner ständig von seinem Standpunkt überzeugen, ohne sich um ein Verständnis der örtlichen Kultur zu bemühen: „Take it from me“, leitet er seine selbstbesessenen Belehrungen gern ein, und dann redet er länger als drei Vorredner zusammen.

Henderson the Rain King gilt als eins der besten Bücher Bellows, es soll zu seinen eigenen Lieblingsbüchern gezählt haben, erscheint in Bestenlisten, war für den Pulitzerpreis nominiert und half vielleicht bei Bellows Nobilitierung 1970.

Kritische Kommentare:

Man kann den Roman auch kritisch betrachten, zum Beispiel als „unsuccessful experiment, noble in purpose but dismal in result“ mit einem „Africa deliberately distorted so far from reality that one half expects to meet Tarzan“ (New York Times). „Etappenweise doch langweiligen Durststrecken“ entdeckte der Spiegel.

Henderson the Rain King erinnerte mich an andere Autoren, die über Gegenden schreiben, die sie nicht kannten, etwa Karl May über den wilden Westen oder H.R.F. Keating zehn Jahre lang über Indien und den indischen Inspektor Ghote. Mays und Keatings Darstellungen wirken gleichwohl plastischer als Bellows afrikanisches Wolkenkuckucksheim.

Ich habe den Rain King nach 100 Seiten abgebrochen.

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