Reise-Bericht: Der Traum von Afrika: Eine Frau, ein Fahrrad – die Freiheit, von Pamela Watson (1999) – 8 Sterne

Ein lebendiges, spannendes, mitreißendes Reisebuch – und dabei lustig und voll Selbstironie. Die Autorin steht zu ihren Widersprüchen und Fehlern, beschönigt nichts (soweit erkennbar).

Haarsträubendes Verhalten:

Ein paarmal verhält sich Watson auf ihrer Reise, die 1992 begann, denkbar bescheuert: Sie radelt unbefestigte Bergstrecken in der Regenzeit. Im muslimisch-strikten Mali steigt sie im Badeanzug in einen Fluss, wundert sich dann über Gaffer mit Flinte und streitet noch mit ihrem Publikum.Mehrfach keift sie strenge örtliche Militärs an.

Watson schildert die Ausbrüche auch, um ihren überreizten Zustand zu illustrieren. Als besonders anstrengend empfindet Watson Nigeria – und in diesem Land arbeitete sie offenbar später zehn Jahre lang, auch als Honorarkonsulin für ihr Heimatland Australien (Watsons Lebenslauf bei LinkedIn; sie kündigt dort auch ein Buch über Lagos an, aber das scheint Mitte 2014 noch nicht erschienen zu sein; weitere Watson-Bio).

Interessante Begegnungen:

Watson beginnt ihre Reise 1992. Weil der Trip von Shell und einer Hilfsorganisation unterstützt wird, trifft Watson in den meisten Ländern sowohl Topmanager und Industrielle wie auch zahlreiche Dörfler.

So gibt es viele interessante Einblicke, frei von Klischees und Sentimentalität. Watson erzählt sehr lebhaft, direkt, und oft habe ich lauthals gelacht. Sie berichtet auch von Feindseligkeit und Angriffen. Auf den letzten Seiten wird es plötzlich sehr dramatisch, das Ende überrascht.

Pamela bekommt Afrika knüppeldick – und der Leser bekommt Pamela knüppeldick: Verdauung, Periode, drastische Gefühlsschwankungen, wir sind live dabei. Ihr Abendessen, ihr Gieren nach Nagellack, ein Farbbild vom gegrillten Affen. In London hat sie einen Lover, der zweimal nach Afrika einfliegt, aber man sieht sich nur wenige Stunden oder verpasst sich gar. Zwischenzeitlich schmachtet sie gutgebaute Afrikaner an.

Nun habe ich Afrikaberichte von drei Westlerinnen gelesen – Lieve Joris über Mali, Annie Caulfield über Benin und eben Pamela Watson – und alle befassen sich fast wissenschaftlich mit dem afrikanischen Mann an sich, aber keine schildert offen eine Beziehung.

Gut geschrieben:

Ob die Gutachten der einstigen und jetzigen Wirtschaftsberaterin Pamela Watson so unterhaltsam getextet sind wie ihr Reisebericht? Mal beschreibt sie einen Nachmittag sehr genau, dann wieder überspringt sie schlicht drei Wochen.

So entsteht ein lebendiger Bericht, den keine monoton-chronologische Gleichmäßigkeit trübt. Zu jedem Land flicht sie ein paar historisch-politische Absätze ein, die nicht groß stören; bei Zaire, Ruanda und Burundi wird Watson etwas ausführlicher.

Nur im ersten Drittel wirkt der Stil gelegentlich etwas bemüht, wenn Watson mit einem Live-Bericht einsteigt und verkrampft zu einer Rückblende oder einem historischen Exkurs überleitet. Von mir aus könnte sie weniger „shit“ und „damn“ sagen.

Ich hab’s auf Englisch gelesen (engl Titel Espirit de Battuta: Alone Across Africa on a Bicycle), ein ausgesprochen leicht lesbares Buch im Vergleich etwa zu Hemingway oder Bruce Chatwin, für mich pro Doppelseite nur circa ein bis drei unbekannte Vokabeln. Der englische Titel „Esprit de Battuta“ wirkt eventuell nicht absatzfördernd, er erinnert an den Afrikareisenden Ibn Battuta (1304–ca. 1368).

Watson schreibt relativ wenig über Landschaften und auch über Fahrradtechnik. Die letzten Seiten meiner englischen Ausgabe enthalten jedoch eine Liste sämtlicher Etappen mit Datum, Tageskilometern und Höchstgeschwindigkeit. Schade, die viel interessantere Durchschnittsgeschwindigkeit fehlt.

Die besonderen Fahrrad-Momente – und mehr:

Einmal schildert Watson den besonderen Moment, als sie nach vielen Wochen „auf einer anderen Landkarte weiterfährt“, von der Westafrika- zur Zentralafrika-Michelin-Karte wechselt. Das Gefühl konnte ich als Langstreckenradler bewegt nachvollziehen, ebenso die Freude, wenn der Tacho zum nächsten Tausender springt.

Ganz weit im Vordergrund stehen aber die interessanten Begegnungen, die dieses Buch so lebendig und liebenswert machen. Entsprechend auch die wenigen Bilder in meiner englischen Ausgabe: man sieht vor allem Watsons Bekannte in Afrika, eine schöne Ergänzung zum Bericht. Allgemeine Stadt- und Landfotos findet man schließlich auch anderswo.

Als Watsons Reise zu Ende ging, war ich wohl trauriger als sie, aber definitiv auch weniger ausgezehrt.

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